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Norddeutsche Rundschau

25. November 2017 | 12:31 Uhr

Kernenergie : Startschuss für den KKW-Rückbau

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Erster Antrag für vierjähriges Genehmigungsverfahren noch in diesem Jahr. Erst 2039 wird in Brokdorf mit den letzten Abbrucharbeiten gerechnet.

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erstellt am 03.Nov.2017 | 05:53 Uhr

Vier Jahre vor der per Gesetz verordneten Stilllegung des Kernkraftwerks Brokdorf laufen bei der Betreibergesellschaft Preußen Elektra schon jetzt die Planungen für den Rückbau der Anlage auf Hochtouren. Noch in diesem Jahr soll ein erster Antrag für die Demontage des Reaktors gestellt werden. Das kündigte Christian Müller-Dehn, Leiter des Bereichs „Regulierung und Grundsatzfragen“, gestern auf einer ersten Informationsveranstaltung vor Vertretern aus Politik und Verwaltung an. Von diesem ersten Schritt bis zur Umsetzung, so der Zeitplan, würden etwa vier Jahre vergehen. Mit den letzten Abbrucharbeiten rechnet Preußen Elektra allerdings erst im Jahre 2039.

„Es wird über viele Jahre das prägende Bild für die Region sein“, sagte Uwe Jorden voraus. Der heutige Kraftwerksleiter war schon 1986 bei der Inbetriebnahme dabei. „Vor dem Rückbau steige ich allerdings aus“, kündigte er an, fügte aber auch hinzu: „Bis zum Ende 2021 wird es natürlich einen vernünftigen und sicheren Betrieb geben.“ Daneben muss er sich jetzt allerdings auch um einen „sehr komplexen Prozess“ für den Rückbau der Anlage kümmern. Jorden rechnete schon einmal kurz vor, mit welchen Abfallmengen und -arten in Brokdorf zu rechnen sei. So handele es sich bei nur einem kleinen Bruchteil um wirklich aktiviertes, also strahlendes Material. Rund 90 Prozent der Gesamtmenge würden wie bei normalen Industriebetrieben in den Wertstoffkreislauf gebracht. Weitere rund zehn Prozent seien allenfalls oberflächlich kontaminiert. „Das wird frei gemessen, dann entscheiden wir, in welche Schublade es kommt.“ Alles, was nicht Brennstoff ist, komme in den Schacht Konrad. Unterm Strich seien am Ende rund 3500 Tonnen für ein noch zu findendes Endlager vorgesehen. Das hochradioaktive Material kommt bis dahin ins Zwischenlager vor Ort. Die Kapazitäten dort, so versicherte Jorden, würden auch nach der geplanten Anlieferung von Castoren aus Sellafield noch ausreichen.

Preußen Elektra verweist auf inzwischen schon 20 Jahre Erfahrung mit dem Rückbau von Kernkraftwerken. Ob es bei vergangenen Genehmigungsverfahren Klagen gegeben hätte, wollte Landrat Torsten Wendt wissen. Müller-Dehn: „Im Fall Isar 1 ja, da hat die Behörde aber Sofortvollzug angeordnet.“ Ganz andere Probleme befürchtet der CDU-Bundestagsabgeordnete Mark Helfrich. Weil gleich mehrere Rückbau-Verfahren parallel laufen, könnten nämlich die zuständigen Behörden mit ihren Kapazitäten am Ende sein. Müller-Dehn dazu: „Das ist ein Problem, das man jetzt schon sieht.“

Die praktischen Auswirkungen eines Brokdorf-Rückbaus treiben aber vor allem die Akteure vor Ort um. Brokdorfs Bürgermeisterin Elke Göttsche erkundigte sich nach den Arbeitsplätzen der Zukunft. Aktuell beschäftigt das Kraftwerk rund 500 Mitarbeiter, bei den jährlichen Revisionen kommen noch einmal zeitweise 1000 hinzu. Jorden: „Diese Dimensionen erreichen wir künftig nicht mehr.“ Mit Blick auf drohenden Fachkräftemangel versicherte Jorden aber, dass laufend nachqualifiziert werde. Beim Rückbau würden dann vor allem Strahlenschützer gebraucht. Nicht mehr gebraucht wird hingegen bald die werkseigene Feuerwehr. Spätestens fünf Jahre nach dem Abschalttermin kommen damit neue Aufgaben auf die Ortswehr zu, wie Kreisbrandmeister Frank Raether auf entsprechende Nachfrage erfuhr. Schuldig blieb der Kraftwerksbetreiber hingegen die Antwort auf eine vom Itzehoer Polizeichef Thomas Schettler gestellte Frage nach Terminen für künftige Castortransporte. Aus der Nummer ist Preußen Elektra ohnehin raus: Am 1. Januar 2019 übernimmt der Bund die Regie über das Zwischenlager.

Für den Kraftwerksbetreiber war es gestern der Auftakt für zahlreiche weitere Veranstaltungen. Neben umfangreicher Öffentlichkeitsarbeit stehen Sicherheitsberichte, Umweltverträglichkeitsuntersuchung, Anhörungen und Erörterungstermine auf der Agenda. Gestern Abend gab es bei einer Veranstaltung für Anwohner darauf einen Vorgeschmack. Mitglieder der Initiative Brokdorf-akut befürchten – unter anderem – beim Rückbau eine Freisetzung von radioaktiven Stäuben, die 1000-fach über denen während des jetzigen Leistungsbetriebs liege. Ihre Forderung: „Ein Strahlenminimierungsgebot muss absoluten Vorrang haben.“

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