Am Bahnhof : Spontane Hilfe in kalter Nacht

Brachten Essen und warme Decken: Matthias Krog (l.), Romina Bublak und Catrin Beck (2.v.r.) mit Karl-Heinz Kauck und Sieghardt Käsch (r.) von der Bahnhofsmission vor dem Aufenthaltsraum im Itzehoer Bahnhof.
Foto:
1 von 3
Brachten Essen und warme Decken: Matthias Krog (l.), Romina Bublak und Catrin Beck (2.v.r.) mit Karl-Heinz Kauck und Sieghardt Käsch (r.) von der Bahnhofsmission vor dem Aufenthaltsraum im Itzehoer Bahnhof.

Nach einem bösartigen Facebook-Eintrag unterstützen mehrere Itzehoer Obdachlose.

von
12. Januar 2018, 05:00 Uhr

Der kleine Eintrag ist inzwischen gelöscht, doch seine Wirkung hält immer noch an: Im sozialen Netzwerk Facebook regte sich eine Nutzerin über Obdachlose im Itzehoer Bahnhofsgebäude auf – und löste damit eine kleine Welle der Hilfsbereitschaft für die Männer aus.

Matthias Krog hatte es sich am Abend schon auf dem Sofa gemütlich gemacht, als er den Eintrag in einer der gut frequentierten Itzehoe-Gruppen bei Facebook las. „Sinngemäß stand da: Jetzt blockieren schon Obdachlose den Bahnhof, und die Polizei tut nichts“, berichtet der 39-jährige Hohenasper. „Man liest ja viel Müll im Internet, aber bei diesem Post war man schnell emotional.“ Draußen herrschten Minusgrade und ein scharfer Wind. Viele Nutzer hätten den Eintrag kritisiert und Mitleid und Sympathie für die Obdachlosen geäußert. „Niemand stimmte der Dame zu“, sagt Krog. Bei ihm löste der Post noch etwas anderes aus: Hilfsbereitschaft. Er packte eine Jacke und einen Schlafsack ein, seine Lebensgefährtin kochte Tee, und dann machte der Hohenasper sich auf den Weg.

Ganz ähnlich reagierten auch Catrin Beck und Romina Bubke. Die beiden Itzehoerinnen brachen unabhängig voneinander zum Bahnhof auf. Im Gepäck: Decken und warme Suppe. „Es kamen noch weitere Helfer“, berichtet Beck.

Vor Ort stellten sie folgende Situation fest: Tatsächlich hatten drei Männer sich zum Schlafen im beheizten Aufenthaltsraum des Bahnhofs eingerichtet. Und sie hatten die automatische Schiebetür des Raumes blockiert, damit die warme Luft nicht ständig entweicht. Darauf hatten sie aber mit einem handgeschriebenen Zettel hingewiesen. „Sie haben mir sofort geöffnet – obwohl sie ja nicht wussten, was ich wollte“, sagt Krog. Von einer „Blockade“ könne also keine Rede sein. Die Gaben hätten die Männer gerne angenommen und sich darüber gefreut, berichten die Helfer.

Das bestätigt Karl-Heinz Kauck, einer der Männer im Aufenthaltsraum. Er sei jetzt im Winter auf einen halbwegs warmen Schlafplatz angewiesen, berichtet der Rentner. Eine bezahlbare Wohnung sei einfach nicht zu finden, sagt Kauck. „Ich bin nicht mittellos und verlange nicht viel.“ Ein Zimmer mit Bad und Kochnische würde ihm schon reichen, so der Obdachlose.

Am Bahnhof ist Kauck regelmäßig. Seit etwa zwei Jahren hat Sieghardt Käsch von der Bahnhofsmission Kontakt zu ihm. Käsch kennt die Probleme der Wohnungslosen. Alle Nothilfeangebote seien bei winterlichen Temperaturen oft „ausgebucht“. „Wir haben eine ganze Liste mit Telefonnummern“, sagt Käsch. Wenn man dann aber versuche, für einen Gestrandeten eine Unterkunft zu finden, gebe es viele Absagen.

„Die Zahl der Personen, die sich in Itzehoe obdachlos melden, nimmt beständig zu“, bestätigt Stadtsprecher Frank-Dieter Simon. „Festzustellen ist dabei, dass es sich vermehrt um junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren handelt, die Hilfe suchen.“ Gründe seien zum Teil, dass sie in ihren Familien „nicht mehr klar kommen“, keinen Schulabschluss und keine Ausbildung haben oder ihnen ihre bisherige Wohnung gekündigt wurde. Die städtische Obdachlosenunterkunft ist im Moment voll belegt. „Auch die im Stadtgebiet angemieteten Wohnungen sind fast komplett genutzt“, sagt Simon. Die Erweiterung der Notunterkünfte werde derzeit geprüft.

Die Helfer vom Bahnhof wollen sich auch in Zukunft engagieren. „Mir hat diese Geschichte sehr zu denken gegeben“, sagt Romina Bubke. „Uns geht es so gut im Vergleich zu anderen Menschen.“ Die spontane Hilfe solle deshalb keine Einzelaktion bleiben. Bubke könnte sich zum Beispiel ein ehrenamtliches Engagement bei der Bahnhofsmission vorstellen. Hilfe müsse koordiniert sein, sagt auch Matthias Krog. Er will sich nun erstmal gründlich informieren, was konkret vor Ort für Obdachlose getan werden könne, sieht aber auch Politik und Verwaltung in der Pflicht. Sieghardt Käsch begrüßt das Engagement. Die Bahnhofsmission sei gerne bereit, Hilfsangebote zu koordinieren.


>Kontakt: 04821/9570720.

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen