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Norddeutsche Rundschau

19. Dezember 2017 | 00:12 Uhr

Kaum Perspektive : Sozialkaufhaus unter Druck

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Jobcenter-Leiter sieht keine Perspektive für Alt & Wert. Steinburg Sozial will das Projekt trotzdem weiterbetreiben.

shz.de von
erstellt am 20.Feb.2015 | 17:03 Uhr

„Ohne euch würde es uns nicht geben“, sagt Stefan Pörschke zu seinem Mitarbeiter Reiner Beck. Der Leiter des Sozialkaufhauses Alt & Wert steuert einen weißen Kleintransporter durch Itzehoe. Er ist unterwegs, um eine Küchenzeile mit Hängeschränken abzuholen. Diesen Service und das Kaufhaus Alt & Wert gibt es seit gut eineinhalb Jahren. Doch das Projekt von Diakonie und Steinburg Sozial, das sich personell hauptsächlich über vom Jobcenter geförderte Mitarbeiterstellen trägt, ist unter Rechtfertigungsdruck geraten.

Kann Itzehoe sich überhaupt zwei Sozialkaufhäuser leisten? Die Frage stellt Jobcenter-Leiter Martin Görtzen in den Raum. Er empfiehlt dem Projektträger Steinburg Sozial, sich inhaltlich umzustrukturieren. Statt in Richtung Sozialkaufhaus zu denken, rät er den Initiatoren von Alt & Wert, sich auf Coaching-Angebote zu spezialisieren, die vom Jobcenter zertifiziert und von Kunden des Jobcenters über Gutscheine genutzt werden können. Auch eine Kooperation mit dem Sozialkaufhaus der Arbeiterwohlfahrt habe er vorgeschlagen. Damit sind die 20 Arbeitsgelegenheiten für das Projekt Sozialkaufhaus Alt & Wert, die sich an Langzeitarbeitslose über 50 Jahren richten, in Frage gestellt.

Diese Mitarbeiter sind im Sozialkaufhaus Alt & Wert sowohl im Verkauf als auch in der Verwaltung tätig oder wie der 59-jährige Reiner Beck im Bereich der Möbelabholung und -lagerung. Ob ihre Arbeitsplätze im kommenden Halbjahr weiter gefördert werden, entscheidet sich Ende März. Doch die Sterne für das Kaufhausprojekt stehen nicht günstig: „Es macht keinen Sinn Alt & Wert eine Perspektive aufzumachen“, sagt Görtzen angesichts gekürzter Mittel für die Förderung von Arbeitsgelegenheiten (AGH) durch das Jobcenter und mit Blick auf das Angebot der Arbeiterwohlfahrt. „Eine Perspektive für zwei Sozialkaufhäuser sehe ich derzeit nicht.“ Sofort stoppen will Görtzen das Projekt jedoch nicht. Eine Umstrukturierung benötige Zeit. 12 bis 18 Monate seien vorstellbar, dazu werde man mit allen Beteiligten ins Gespräch kommen.

Die Geschäftsführerin des Kaufhauses Alt & Wert macht dagegen deutlich, dass sich Steinburg Sozial auch weiterhin für das Kaufhausprojekt einsetzen wird: „Wir haben uns nicht umsonst in Itzehoe angesiedelt“, so Christine Hertwig von Steinburg Sozial. Sie sieht durchaus Potential für zwei Sozialkaufhäuser, genügend Kunden und Umsätze sprächen dafür. Auch Projektleiterin Helene Gall zeigt sich zuversichtlich. Sie freut sich über die vielen Menschen, die ihre alten Möbel und Hausratsgegenstände im vergangenen Jahr an das Sozialkaufhaus weitergegeben haben, anstatt sie auf den Sperrmüll zu stellen, und hofft auf weitere Spenden.

Eine Zusammenarbeit mit der Awo steht nicht im Raum: „Für eine Kooperation sehe ich keine Notwendigkeit“, sagt Hertwig. Auch Awo-Geschäftsführer Martin Meers erkennt derzeit wenig Berührungspunkte mit Steinburg Sozial. Ihm zu Folge arbeiten die Institutionen nebeneinander, nicht gegeneinander. Doch in erster Linie müsse sich die Awo auf sich selbst konzentrieren. Meers erinnert an die erst kürzlich umgesetzte Erweiterung des Awo-Kaufhauses in der Stiftstraße (wir berichteten). Diese Investion solle sich lohnen, sagt Meers und ergänzt: „In Bezug auf die Arbeitskräfte ist es natürlich auch eine Konkurrenzsituation.“

Auch Jobcenter-Leiter Görtzen geht davon aus, dass sich beide Sozialkaufhäuser auf Abstriche einstellen müssen. Nur weil das Sozialkaufhaus Alt & Wert noch nicht lange in Itzehoe angesiedelt sei und die Einrichtung der Awo alteingesessener, sei das Jobcenter zunächst an die jüngere Einrichtung herangetreten.

Wie es mit Alt & Wert weitergeht, bleibt offen. Zunächst geht alles seinen geregelten Gang. Der Möbelpacker und ehemalige Gleisbauarbeiter Reiner Beck sortiert auf der Abholtour die Küchenbauteile für den Abtransport. Eigentlich ist er kein Freund dieser Arbeitsgelegenheiten. Dennoch packt er kräftig mit an.

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