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Bahngleise als Lösung : So kommen 15 000 Lkw von der Straße

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein intaktes und optimiertes Industriegleis nach Brunsbüttel würde die Bundesstraße 5 spürbar entlasten. Denn jährlich sind auf dem Weg allein 22 000 Zementlaster unterwegs. Zementwerk Holcim legt Konzept für Bahnanbindung vor.

Wer regelmäßig auf der Bundesstraße 5 unterwegs ist, kennt das Bild: Entweder man hat einen Zementlaster vor der Nase oder einen Tanklastzug oder einen Futtermitteltransporter. Zu hunderten rollen Lastzüge zwischen Itzehoe und Brunsbüttel hin und her. Jeden Tag. Allein der Lägerdorfer Zementhersteller Holcim bringt im Jahr mehr als 20 000 Transporte auf diese Strecke. Weil inzwischen ein Drittel der Produktion in den Export geht, muss der Baustoff zum firmeneigenen Terminal nach Brunsbüttel geschafft werden. Mehr als 600 000 Tonnen. Laut Werkleiter Morten Holpert ist der Holcim-Fuhrpark inzwischen rund um die Uhr im Einsatz. Tagsüber werden die Abnehmer in ganz Norddeutschland beliefert, vor allem in der Nacht läuft der Pendelverkehr in Richtung Brunsbüttel.

„Wir haben damit schon die Grenzen der Logistik erreicht“, sagt Holpert. Die Forderung nach einem Ausbau der Bundesstraße stößt bei ihm denn auch auf volle Zustimmung. Die Aussicht auf eine voraussichtlich jahrelange Bauphase ist für aber „ein Albtraum“.

Dabei könnte es mit einem vergleichsweise bescheidenen finanziellen Aufwand auch sehr viel einfacher gehen. „Die Nutzung der Bahn wäre eine Option“, sagt Holpert. Das Problem: Bei der vorhandenen Strecke zwischen Wilster und dem Industriegebiet gibt es einen über viele Jahre aufgebauten Investitionsstau. Zuständig ist hier die DB Netz. Die hat in der Vergangenheit für die nur noch als Industriegleis genutzte Trasse offenbar wenig Interesse gezeigt. Dabei liegen die Pläne fertig in der Schublade. Laut einer von der egeb:Wirtschaftsförderung in Auftrag gegebenen Studie müssten nur rund 14 Millionen Euro in die Hand genommen werden. Mit dem Geld könnte die Bahnstrecke auf den neuesten Stand gebracht werden.

Holcim selbst bringt bereits ideale Voraussetzungen für den Bahntransport mit. Im Werk Lägerdorf gibt es eine Verladestation, die von dem Unternehmen selbst unterhaltene Gleisstrecke bis nach Itzehoe ist voll intakt und wird auch genutzt. Am Ende fehlen dann nur noch eine Weiche und ein paar Meter, um den Zement ab Werk per Bahn zum Verschiffen in Richtung England, Belgien und Frankreich auf den Weg zu bringen.

Morten Holpert schätzt, dass man etwa zwei Drittel der Transporte von der Straße auf die Bahn bringen könnte. Das wären jährlich 15 000 Holcim-Lkw weniger auf der B 5. Die Schiene könnte man aus Unternehmens-Sicht dann für die Grundlast bei den Transporten nutzen, die Straße nur noch für Spitzenlasten – wenn zum Beispiel besonders schnelle Lieferungen notwendig sind. Aus rund 15 000 Lkw-Ladungen würden dann zwei bis drei Zementzüge pro Tag werden.

Die Frage sei für ihn nur: Wer setzt das um ? Eigentlich, so wirft Holpert den Ball nach Kiel, müsste sich das Land darum kümmern. Dabei schlagen gleich zwei Herzen ins seiner Brust. Zum einen hat er als Holcim-Werkleiter ein natürliches Interesse an wirtschaftlichen, reibungslosen und möglichst auch umweltfreundlichen Transporten. Zum anderen ist Holpert auch Sprecher der Werkleiterrunde des ChemCoast Parks Brunsbüttel. Er weiß daher, dass auch viele andere Unternehmen im Industriegebiet reges Interesse an einer Sanierung der Bahnverbindung haben.

Nach – pessimistischen – Schätzungen wird sich die Transportmenge von und nach Brunsbüttel bis 2015 innerhalb von nur sechs Jahren fast verdoppelt haben. Tatsächlich steht Holcim mit seinem Fuhrpark auf der B 5 nicht alleine da. Holpert: „Derzeit gibt es auf der Strecke rund 86 000 Fahrzeugbewegungen pro Jahr, davon ist nur etwa ein Viertel von uns.“

In der aktuellen Studie waren alle ChemCoast-Betriebe aufgefordert, ihre aktuellen und ihre künftigen Bedarfe zu melden. Untersucht wurde dann insbesondere auch, wer die Bahnstrecke betreiben soll. Als mögliches Betreiberkonzept bieten sich danach drei Alternativen an:

- Übernahme durch ein bestehendes Eisenbahninfrastrukturunternehmen

- Übernahme durch die öffentliche Hand

- Mischform einer öffentlich-privaten Partnerschaft

Der Gutachter empfiehlt eine direkte Übernahme durch ein bestehendes Eisenbahninfrastrukturunternehmen
im Besitz eines der beteiligten öffentlichen Träger (zum Beispiel die AKN als Unternehmen im teilweisen Besitz des Landes Schleswig-Holstein). Diese Variante, so heißt es, sei am einfachsten zu realisieren und bedeute den geringsten Aufwand für die öffentlichen Träger. Durch den direkten Einfluss des Landes Schleswig-Holstein könne dann auch die Umsetzung der Ausbaumaßnahmen sowie die weitere Erhaltung der Gleisanlagen in gutem Zustand sichergestellt werden.

Als notwendige Maßnahme wird unter anderem ein Neubau des Bahnhofs in optimierter Lage aufgezeigt. Der bestehende Bahnhof sei für Anschließer schlecht gelegen und befinde sich zudem auf schlechtem Untergrund.

Ein weiteres Problem stelle die Streckenführung im Bereich des Total-Werkes dar. Das Werk hat sich im Lauf der Jahre um die bestehende Bahnstrecke herum entwickelt, so dass die Bahnlinie heute die weitere Entwicklung des Werkes behindere und ein Sicherheitsrisiko für dieses darstelle. Aus diesem Grund wurde als mögliche Infrastrukturmaßnahme eine neue Streckenführung mit Umfahrung des Werksgeländes entwickelt. Diese Maßnahme mache auch die Verlegung des bestehenden Gleisanschlusses der Firma Total notwendig.

Von einer Umsetzung scheint das Projekt derzeit noch weit entfernt. „Sinnvoll wäre es aber allemal“, findet Morten Holpert. Letztlich gehe es erst einmal darum, das richtige Betreiberkonzept zu finden. „Wir diskutieren dann nur noch über eine Weiche und ein paar Meter Gleise“, steht Holcim für einen Bahnanschluss des Brunsbütteler Zementterminals Gewehr bei Fuß. Dann würden künftig allein gut 15000 Zementtransporte weniger über die B5 rollen.

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