Gerichtszeichnerin aus Itzehoe : Skizzen aus dem Gerichtssaal

Schnelligkeit ist in ihrem Job wichtig: Für ihre Gerichtszeichnungen hat Marion von Oppeln meistens nur einen Versuch.
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Schnelligkeit ist in ihrem Job wichtig: Für ihre Gerichtszeichnungen hat Marion von Oppeln meistens nur einen Versuch.

Die Itzehoer Grafikdesignerin Marion von Oppeln zeichnet seit einigen Monaten Kriminelle – und manchmal auch zu Unrecht Verdächtige.

shz.de von
26. März 2017, 08:00 Uhr

In ihrem ersten Fall ging es um Rauschgift. Es ist der 13. September 2016: Der Angeklagte, ein etwa Ende 20-jähriger Mann, wird in Handschellen und Polizeibegleitung in Saal 1 des Itzehoer Amtsgerichts geführt. „Er war eingeschüchtert, ein stiller und scheinbar reuiger Angeklagter“, erinnert sich Marion von Oppeln. Jedes Detail der Verhandlung hat sie heute allerdings nicht mehr im Kopf. Die 46-Jährige hatte ihren Fokus damals viel mehr darauf gerichtet, wie sich die Personen verhalten – auf Gestik und Mimik sowie typische Merkmale: Das dünne, kurze Haar des Angeklagten zum Beispiel, den hochgeklappten Kragen, den auf den Boden gesenkten Blick. Und diese hat sie damals zu Papier gebracht.

Seit etwa einem halben Jahr arbeitet die Itzehoer Grafikdesignerin auch als Gerichtszeichnerin. Fast wöchentlich fährt sie zu Verhandlungen in das Amts- oder Landgericht – um zu trainieren, wie sie sagt. Wenn es darauf ankommt, hat sie schließlich nicht viele Versuche. „Die Zeichnung muss sofort sitzen.“

Zum Schutz des Persönlichkeitsrechts der beteiligten Personen sind Ton- und Bildaufnahmen während einer Gerichtsversammlung bis heute unzulässig. Geregelt ist das in Paragraf 169 des Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG). Zeichnungen dagegen sind erlaubt. Deswegen beauftragen Medienanstalten zusätzlich zum schreibenden Reporter gelegentlich auch Gerichtszeichner. Viele von ihnen gibt es allerdings nicht mehr.

Auch Marion von Oppeln hatte früher eher so etwas wie eine Scheu vor Gerichtssälen, wie sie sagt. „Ich dachte, nach meiner Scheidung hätte ich dieses Kapitel für mich abgehakt“, sagt sie und lacht. Inzwischen ist diese Scheu aber komplett verschwunden – und stattdessen hat eine Faszination diesen Platz eingenommen. „Man kann in eine andere Welt eintauchen und sie verarbeiten“, sagt sie.

Die Idee, in diese Richtung zu gehen, kam ihr bereits vor etwa vier paar Jahren, als sie Gerichtszeichnungen des in Washington D.C. lebenden kanadischen Journalisten und Kriegsmalers Richard Johnson im Internet entdeckte. „Das ist mein großer Held“, sagt sie, „doch ich brauchte damals noch einen Anstoß, um tatsächlich damit anzufangen.“

Diesen Anstoß gab ihr dann schließlich der befreundete Journalist Lars Bessel. Gemeinsam arbeiten sie inzwischen an einem Buch über Prozesse aus Itzehoer Gerichtssälen: „Kleine Geschichten vom alltäglichen Scheitern“, wie von Oppeln sagt. Die Themen decken dabei die gesamte Bandbreite ab: Von Beleidigungen und Ladendiebstählen geht es über Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Betrugsfälle und Urkundenfälschungen bis zum Totschlag.

Die erste Herausforderung im Gerichtssaal besteht für die Zeichnerin in der Regel zunächst darin, einen geeigneten Platz zu finden, von dem aus sie möglichst gut sehen kann. Anschließend beginnt sie, die wichtigsten Protagonisten genau zu beobachten: „Ich achte dabei besonders auf typische wiederkehrende Posen.“ Außerdem geht es darum, markante Merkmale herauszuarbeiten: die hochgezogene Augenbraue zum Beispiel oder den verzogenen Mund.

Und dann muss es schnell gehen: Für mehr als einen Versuch fehlt meistens die Zeit. Die Schwierigkeit dabei ist, die Personen trotz allem so neutral wie möglich wiederzugeben. „Ich höre zwar auch mit, aber ich versuche, nur zu gucken und nicht zu werten.“ Komplett neutral sind ihre Zeichnungen dennoch nie, sagt Marion von Oppeln. „Sie sind immer auch ein wenig subjektiv, so sehr man auch probiert, sachlich zu arbeiten.“ Das, was verhandelt wird, fließe auch immer mit in die zeichnende Hand ein.

So erkenne sie selbst bis heute in ihren Zeichnungen, wie sie die Verhandlung empfunden hat – zum Beispiel über denjenigen, der Geld in einer Firma unterschlagen hat, um seine Familie durchzubringen. Oder auf der anderen Seite, den Prozess gegen einen Exhibitionisten, der eine Frau beim abendlichen Spaziergang mit dem Hund verfolgte und belästigte – und die Tat vor Gericht dann so lange bestritt, bis sein Opfer in den Zeugenstand und ihm so erneut gegenüber treten musste.

Viel künstlerische Freiheit bleibt Marion von Oppeln in ihren Zeichnungen nicht. Aber sie hat die Möglichkeit, Schwerpunkte zu setzen: mit kräftigen Linien, dunklen Schatten und starken Kontrasten. Meistens sind Angeklagte, Richter und Verteidiger zu sehen – nur, wenn genügend Zeit bleibt, auch weitere Personen. Diese stehen dann aber meist nicht so sehr im Fokus. Dazu kann sie Szenen stauchen und Unwichtiges weglassen. „Ich denke, dass eine Zeichnung dadurch oft sogar realer wirkt, als es ein Foto tun würde.“

Als Werkzeug nutzt die Grafikdesignerin in der Regel den Kugelschreiber, gezeichnet wird, je nach Auftraggeber und Dauer der Verhandlung, auf Papier im Din-A4-Format oder größer. Für das Fernsehen sei es beispielsweise sinnvoll, dass die Zeichnung so groß ist, dass eine Kamera über die gesamte Szene schwenken kann. Dauert die Verhandlung nur wenige Minuten, wird auch mal nur der Angeklagte skizziert.

„Manche Prozesse bewegen mich persönlich so sehr, dass ich auch noch ein paar Tage danach darüber nachdenken muss“, sagt Marion von Oppeln. So auch der Fall mit dem Exhibitionisten: Zwar wurde dieser lediglich zu einer geringen Geldstrafe verurteilt – vom Richter bekam er am Ende aber noch einen Hinweis mit auf den Weg: „Das nächste Mal gibt es eine Gefängnisstrafe. Und Sie wissen ja, wie Gefangene mit Leuten wie Ihnen umgehen“, habe der gesagt. Ein Foto vom Gesichtsausdruck des Angeklagten gibt es zwar nicht. Marion von Oppeln aber hat ihn gezeichnet.

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