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Katastrophenschutz : Sirenen heulen: Radio an und Nachbarn informieren

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Im Katastrophenfall fahren Lautsprecherwagen durch Itzehoe / Im übrigen Kreisgebiet ertönt ein Dauerton

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2014 | 16:30 Uhr

Fußballgroß und bei voller Lautstärke annähernd so ohrenbetäubend wie ein Düsenjäger – das ist die Mobela 150. Nicht einmal zehn Minuten dauert es, um die acht Kilogramm schwere, rundum abstrahlende Kugellautsprecheranlage einsatzbereit zu machen. Mit einer starken Magnethaftplatte hält sie auf jedem Autodach. Einzige Voraussetzung: Ein Zwölf-Volt-Zigarettenanzünder für die Stromversorgung. Mit dieser Anlage kann die Feuerwehr im Ernstfall die Bevölkerung warnen.

Arjan Schacht und sein Kollege Philipp Barkow aus der technischen Einsatzleitung der Kreisfeuerwehr zeigen das Gerät an einem Feuerwehrauto. Das Verbindungskabel hängt locker zwischen Autodach und Fahrerkabine. Auf Knopfdruck heult ein unangenehmer Dauerton. „Das ist das Signal für die Bevölkerung, das Radio einzuschalten“, erklärt Arjan Schacht den Weg über den die Feuerwehr speziell die Bevölkerung im Stadtgebiet Itzehoe informieren würde. Denn dort gibt es seit mindestens zehn Jahren keine festinstallierten Sirenen mehr. Die Stadt liege an der Peripherie der Sirenengrenze, erklärt Kreiswehrführer Frank Raether.

Kürzlich war Landrat Torsten Wendt dieser Umstand aufgefallen und damit die Frage, wie die Bevölkerung im Katastrophenfall angemessen gewarnt werden könne. „Die Stadt Itzehoe hat, soweit mir bekannt, keine Sirenenanlagen mehr“, äußert er gegenüber unserer Zeitung. Das Thema Warnung im Katastrophenfall wurde gerade erst auf bundesebene von deutschen Sicherheitsexperten im Forum des 10. Nationalen Paging-Kongresses in Berlin diskutiert. Die Zeit sei reif für eine effektive Warnung, heißt es dort. Diese müsse Bürger auch nachts und in geschlossenen Gebäuden erreichen.

Wie laut die Mobela 150 im Einsatz werden kann, demonstrieren Schacht und Barkow auf dem Gelände der Kreisfeuerwehrzentrale in Nordoe. Im Schritttempo kurven sie um das Gerätehaus und sprechen dabei die offizielle Warndurchsage: „Achtung! Achtung! Hier spricht die Feuerwehr im Auftrage des Landrats des Kreises Steinburg als Katastrophenabwehrleiter.“

Der unangenehme Dauerheulton tönt zur Vorführung jedoch nur etwa eine halbe Minute über den Platz. Denn selbst von dem etwas außerhalb gelegenen Gelände der Feuerwehrleitstelle schallt der Klang in die angrenzenden Wohngebiete. Eine Minute Dauerton sei das Katastrophensignal, erklärt der Amtsleiter des Kreisordnungsamts Dieter Pape und winkt die Übung rechtzeitig vor dieser Zeitmarke ab. Bei einer kürzeren Dauer werde wohl noch kein Anwohner besorgt sein, nimmt er an.

Doch wie würde die Bevölkerung im Ernstfall reagieren? Würde der Dauerton als Aufruf verstanden, sich in Sicherheit zu bringen und das Radio einzustellen? Arjan Schacht glaubt, nach spätestens zehn Minuten Sirenenalarm würde wohl jeder stutzig werden, sich informieren wollen und zum Beispiel über das Smartphone ins Internet gehen. Die Bedeutungen der verschiedenen Sirenentöne stünden auch im Telefonbuch, in den gelben Seiten und im Internet – zum Beispiel auf: www.steinburg.de/199_7734.htm.

Landrat Torsten Wendt verweist in Sachen Bürgerreaktion auf ein Youtube-Video der Südwestpresse mit dem Titel „Sirenenalarm in Neu-Ulm: Wie Passanten reagieren“. Es zeigt Bürger auf dem Wochenmarkt während einer Sirenenübung, die trotz Dauerbeschallung unbekümmert einkaufen gehen.

Man kann wohl sagen, besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Manchmal sei Spontanität gefragt, um die Menschen in der gegebenen Lage zu erreichen, erinnert sich Frank Raether an einen Einsatz, in dem ein Wehrführer versucht habe, eine Person auf einem Hausdach mit dem Megafon zu instruieren. Die Person habe nicht reagiert, bis sich spontan ein ausländischer Mitbürger das Megafon griff und die Anweisung in seiner Landessprache wiederholte. Raether setzt generell auf Nachbarschaftshilfe und betont die Wichtigkeit, dass sich die Menschen im Notfall gegenseitig informieren.

„Über Radio- und Fernsehgeräte kann man natürlich auch nur diejenigen warnen, die ihre Geräte angeschaltet haben und auch zuhören“, weiß auch Landrat Torsten Wendt. Er heißt es gut, dass im Kreis Steinburg noch annähernd flächenddeckend Sirenen aufgestellt sind. Insbesondere wegen der räumlichen Nähe zu den beiden Kernkraftwerken Brokdorf und Brunsbüttel sei dies auch notwendig, erklärt Kreiswehrführer Frank Raether. Lediglich an vier Standorten wird zurzeit im Katastrophenfall nicht gewarnt. So geht es aus einer Aufstellung des Ordnungsamts hervor, die insgesamt 241 Sirenenstandorte im gesamten Kreisgebiet aufführt.

Betroffen sind demnach die Orte Schenefeld (Bahnhofstraße), Wacken (Heisterdorn), Neuendorf-Sachsenbande (Krützfleth) und Beidenfleth (Deichreihe). Die benannten Standorte stehen aufgrund baulicher Veränderungen oder durch Eigentümerwechsel zur Disposition. So sei die Sirene in Neuendorf-Sachsenbande (Krützfleth) auf einem Hausdach montiert gewesen. Nach veränderten Besitzverhältnissen werde nun ein neuer Standort mit den umliegenden Grundstückseigentümern vereinbart, äußerte Jürgen Hartnack aus dem Ordnungsamt gegenüber unserer Zeitung. Und weiter: „Grundsätzlich sind wir bemüht, die Standorte zur Warnung der Bevölkerung zu erhalten.“

Tatsächlich heulen die Sirenen – abgesehen vom bekannten Turnus sonnabends um 12 Uhr (in manchen Gemeinden nur erster Sonnabend im Monat) – jedoch eher selten. Selbst im Brandfall schallt nicht immer der Feueralarm, ein einminütiger Dauerton mit zwei Unterbrechungen, durch die Gemeinde. „Die Feuerwehr wird meist über einen ‚stillen Alarm‘ alamiert. Den digitalen Meldeempfänger tragen viele Kameraden immer am Mann“, so Raether.

Das kleine Gerät sieht unscheinbar aus. Ein kleiner, grauer Kasten, der leicht in der Hosentasche von Arjan Schacht verschwindet. Der Vorteil: Der Alarm erreiche die Ehrenämtler auch außerhalb der Gemeinde am Arbeitsplatz – ganz leise ohne lautstarken Lärm.

 

 

 

 



 

 

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