Kreis Steinburg : Sinnvolle Hilfe bei psychischen Leiden

Offene Türen und viel Kommunikation mit den Patienten: Professor Dr. Arno Deister (57) ist seit 1996 Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe. Seit Jahren gehört er zum Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Diese hat ihn gerade zum Präsidenten gewählt für die Amtszeit 2017/18. In diese Zeit fällt der Weltkongress in Berlin. Der Itzehoer ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
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Offene Türen und viel Kommunikation mit den Patienten: Professor Dr. Arno Deister (57) ist seit 1996 Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe. Seit Jahren gehört er zum Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Diese hat ihn gerade zum Präsidenten gewählt für die Amtszeit 2017/18. In diese Zeit fällt der Weltkongress in Berlin. Der Itzehoer ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Chefarzt Arno Deister vom Zentrum für Psychosoziale Medizin spricht im Interview über das Itzehoer Modell der Finanzierung und Wünsche für die Zukunft.

shz.de von
07. Januar 2015, 17:00 Uhr

Kreis Steinburg | Welche Krankheiten haben am meisten Einfluss auf die Gesellschaft? Die Weltgesundheitsorganisation hat es untersucht. Ergebnis: Unter den ersten Zehn weltweit sind allein sechs psychische Erkrankungen. Um sie zu behandeln, steht für Professor Dr. Arno Deister der richtige Weg fest: Regionale Verantwortung übernehmen. So lautet der Titel eines Buches, das der Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe mit seiner Kollegin Dr. Bettina Wilms vom Südharz-Klinikum Nordhausen veröffentlicht hat. Auf 280 Seiten geht es viel um Rahmenbedingungen und Finanzierung – doch dahinter, so Deister, stehe der Wunsch, Menschen in einer Region ein integriertes Behandlungssystem anbieten zu können. Wie das gehen kann, wird im Kreis Steinburg seit zwölf Jahren gezeigt in einer bundesweiten Vorreiterrolle. Über die Erfahrungen und seine Sicht auf die Zukunft der Psychiatrie spricht der Chefarzt im Interview.

Herr Deister, in Ihrem Buch fordern Sie und Ihre Kollegin nicht mehr Geld für die medizinische Versorgung. Ungewöhnlich – was ist der Grund?
Deister: Es ist wirklich ungewöhnlich aus meiner Sicht. Wir sind der Meinung, dass es eigentlich gar nicht darum geht, dass wir zu wenig Geld im System der Versorgung haben in der Psychiatrie. Das Problem liegt sehr viel mehr darin, dass wir dieses Geld nicht sinnvoll genug einsetzen. Unser System fällt so sehr in verschiedene Teile auseinander, ist so fragmentiert, dass wir in der Behandlung viel zu viele Brüche haben. Das ist erst einmal schlecht für den Patienten, weil er häufig mit seiner Behandlung wieder von vorn anfangen muss. Zum anderen kostet es einfach zu viel Geld, was nicht dafür da ist, Gesundheit zu schaffen.

Hier läuft es seit 2003 anders mit dem Regionalen Budget. Wie funktioniert das und wie sind die Erfahrungen?
Es versucht, diese Unterteilung in verschiedene Bereiche möglichst aufzuheben. Konkret gesagt: Wenn ein Patient früher stationär im Krankenhaus war und dies nicht mehr brauchte, ging er in eine andere Form der Behandlung über – neues System, neue Behandlung, neue Kosten. Wir führen diese verschiedenen Teile zusammen. Das heißt: Wir sind zuständig für einen Patienten, auch wenn er nicht mehr die stationäre Behandlung braucht. Er bleibt dadurch sehr viel kürzer bei uns, in den zwölf Jahren hat sich die durchschnittliche Verweildauer halbiert. Und er kann, wenn er das Stationäre nicht mehr braucht, von uns für eine gewisse Zeit tagesklinisch oder ambulant weiter behandelt werden. Danach geht er in der Regel wieder zum niedergelassenen Arzt, der noch nicht zu diesem System gehört. Aber was das Krankenhaus macht, wird über ein Gesamtbudget finanziert. Anders ausgedrückt: Es wird die Versorgung mehr in einer Hand zusammengeführt, was Kosten spart und für den Patienten sinnvoll ist.

Gibt es für dieses Sinnvolle Belege?
Es hat sich für die Patienten gezeigt, es gibt aber auch eine wissenschaftliche Begleitforschung. Diese konnte zeigen, dass die Patienten sehr viel kürzer im Krankenhaus sind und dass auf der anderen Seite sie sehr viel besser im sozialen Umfeld integriert sind. Das ist etwas, was bei den meisten psychischen Erkrankungen extrem wichtig ist, weil sie nie nur ein Problem des Menschen sind, der betroffen ist, sondern immer auch seines sozialen Umfeldes.

Hat sich diese Ansicht in der Psychiatrie bereits durchgesetzt?
Nein, es ist noch nicht herrschende Meinung. Es gibt aber einige Hinweise, dass sich dieses Denken zunehmend durchsetzt. Sonst springen wir auch einfach zu kurz. Die Ideen gibt es schon sehr lange, es geht in die richtige Richtung. Für mich gilt der Satz: Psychiatrie ist eine soziale Psychiatrie, oder sie ist keine Psychiatrie.

Zur Umsetzung, das stellen Sie im Buch oft fest, braucht es ein regionales Netzwerk. Gibt es dieses hier – oder wo hat das Netz Löcher?
Es gibt im Kreis Steinburg insgesamt seit langem ein sehr gutes Netzwerk. Viele Einrichtungen im Kreis machen ganz unterschiedliche Angebote an die Patienten. Es gibt eine sehr gute Vernetzung untereinander. Aber: Diese Vernetzung bildet sich in den Finanzierungs- und Kostenstrukturen noch nicht wirklich ab. Es wäre wichtig, das zusammenzuführen und sie damit auf noch stabilere Füße zu stellen.

Sodass zum Beispiel auch die Leistungen der niedergelassenen Ärzte oder der Brücke SH über dieses Budget finanziert würden?
Perspektivisch sollte das so sein. Im Moment ist es nicht so. Im Moment deckt das Regionale Budget nur Krankenhausleistungen ab, wobei das auch heißen kann, dass ein Patient ambulant im Krankenhaus und durch das Krankenhaus behandelt wird. Das Ziel ist aber ganz klar die Integration der niedergelassenen Ärzte und aller anderen Leistungen, die es gibt. Aber das ist ein Fernziel, wofür noch viel gearbeitet werden muss.

Auch Überzeugungsarbeit?
Diese Arbeit ist Überzeugungsarbeit. Das ist natürlich etwas, wo wir sehr viel miteinander reden müssen. Die Regelung, die wir seit zwölf Jahren haben, ist seit langem auf vielen Ebenen besprochen. Wir sind allen anderen im Kreis sehr dankbar, dass sie sich dieser Diskussion stellen. Letztlich wird es nicht so sein, dass das Krankenhaus zentral ist, sondern es wird etwas sein müssen, was das gesamte System miteinander umsetzt. Das ist natürlich Kommunikation pur.

Ist das Regionale Budget auf andere Bereiche der Medizin übertragbar?
Nicht einfach so. Es gibt aber Bereiche in der somatischen Medizin, wo es gehen könnte: Immer dann, wenn es um den ganzen Menschen geht. Ein Beispiel ist die Geriatrie. Aber da gibt es auch bundesweit noch keine konkreten Ansätze. In den meisten anderen Fächern muss es eine andere Denkweise geben, weil das Problem ein temporäres ist. Wenn jemand eine Blinddarmentzündung hat, ist damit ganz anders umzugehen, als wenn jemand eine Erkrankung hat, die ihn einen Großteil seines Lebens begleiten wird. Bei körperlichen Erkrankungen ist auch der soziale Bezug längst nicht so groß.

Diesen Bezug verdeutlicht die von Ihnen geleitete Klinik mit dem Namen Zentrum für Psychosoziale Medizin. Diese hatte stets eine geschlossene Abteilung. Nun steht die Tür offen, der Tresen am Eingang ist permanent besetzt. Warum diese Änderung?
Es gibt internationale Erfahrungen und umfassende Literatur, die uns gesagt haben, dass das Klima auf der Station weniger aggressiv wird, je mehr wir dem Patienten vermitteln, dass wir ihn hier nicht einsperren, sondern dass wir ihn schützen. Wir sind keine Einrichtung, wo es primär um Sicherheit geht, sondern es geht um Therapie und um Schutz. Das kann man besser mit offenen Türen. Natürlich haben wir die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass Patienten nicht sich selbst oder andere gefährden. Offene Türen heißt: Wir sprechen mit den Patienten, wenn sie gehen wollen, und versuchen sie zu überzeugen. Das Ergebnis: Die offene Tür führt nicht dazu, dass sich mehr Menschen der Behandlung entziehen, als wenn die Tür geschlossen ist. Dieses Vorgehen ist dem Bedürfnis des Patienten viel angemessener. Seine Autonomie und seine Selbstbestimmungsfähigkeit sind uns in den vergangenen Jahren viel wichtiger geworden. Wir gehen mit den Patienten viel, viel mehr auf Augenhöhe um.

Und der dazu passende Neubau soll möglichst im Hackstruck entstehen?
Es wird noch relativ lange dauern. Aber die Idee ist, dass wir das, was wir im Moment inhaltlich machen, auch in einem Gebäude abbilden. Wenn wir die Chance haben, wollen wir die Grenzen zwischen ambulanter, tagesklinischer und stationärer Versorgung weiter auflösen. Ein neues Gebäude – und es gibt bereits konkrete Pläne dafür – soll keine klassischen Stationen mehr haben. Es soll Bereiche haben für die Behandlung für alle Patienten, für Wohnen für die, die das brauchen, und es soll Bereiche geben, wo Menschen den ganzen Tag sein können. Aber alle werden im gleichen Bereich behandelt, die Unterschiede werden fließend.

Der Bedarf ist also vorhanden?
Der Bedarf hat zugenommen und wird weiter zunehmen. Das liegt nicht in erster Linie daran, dass psychische Erkrankungen zunehmen, sondern dass wir zum Glück anders umgehen mit Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, und dass die Menschen selbst anders mit sich umgehen. Sie sind zum Glück heute eher bereit, Hilfe zu suchen. Trotzdem tun es lange noch nicht alle. Bei einem Krankheitsbild wie der schweren depressiven Erkrankung wissen wir, dass weniger als 20 Prozent der Menschen so behandelt werden, wie man sie behandeln könnte. Das liegt auch daran, dass es Menschen schwer fällt, ihre eigenen Probleme als Ausdruck einer Erkrankung anzusehen. Uns ist es sehr wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen in der Öffentlichkeit, dass es möglich ist, darüber zu sprechen, wenn man eine psychische Erkrankung bekommt. Es ist etwas sehr Zentrales, dass man nicht gezwungen ist, psychische Probleme zu verstecken, vor sich und vor anderen.

Die Vereinbarung zum Regionalen Budget läuft bis Ende 2020. Wie sollte die Situation im Kreis dann sein?
Es sollte etwas ganz Normales sein, wegen Problemen im psychischen Bereich Hilfe zu suchen. Alle Angebote, die dann zur Verfügung stehen, sollten dann miteinander vernetzt sein. Dies sollte sich in der Form der Finanzierung abbilden. Das ist aber ein großer Wunsch.

Im Kreis Steinburg fing es an. Seit 2003 lief am Klinikum Itzehoe ein Modellprojekt zum Regionalen Psychiatriebudget, das erste in Deutschland, das ein Krankenhaus mit den Krankenkassen vereinbarte. Kernpunkt ist ein festes Budget, das sich an der erwarteten Zahl der Patienten orientiert und bei einer Abweichung im Folgejahr angepasst wird. So entfällt  beispielsweise der Anreiz für eine teure stationäre Unterbringung. Neben dem Kreis Steinburg gab es Modellprojekte in Rendsburg-Eckernförde, Dithmarschen, Herzogtum Lauenburg, Nordfriesland sowie Nordhausen im Harz. Die Erfahrungen spielten eine große Rolle in den politischen Diskussionen und flossen in die Gesetzgebung ein wie den neuen §64b im fünften Buch des Sozialgesetzbuchs. Immer wieder war auch der Itzehoer Chefarzt Professor Dr. Arno Deister zu diesem Thema in Gremien gefragt. Auf neuer Rechtsgrundlage gibt es nun einen neuen Vertrag für den Kreis, insgesamt existieren solche Modellprojekte in 14 Regionen in sieben Bundesländern. Inhaltlich habe sich an der Arbeit hier nichts geändert, sagt Deister. Die neue Finanzierungsvereinbarung läuft bis Ende 2020.
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