Sing-Show von acht Stimm-Artisten

In Mönchskutten gaben die gregorianischen Stimmen in der St. Bartholomäuskirche Kostproben ihres Könnens.
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In Mönchskutten gaben die gregorianischen Stimmen in der St. Bartholomäuskirche Kostproben ihres Könnens.

Chor „Gregorian Voices“ in der Bartholomäuskirche – Gesang zwischen sakral und poppig

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16. Juli 2015, 10:36 Uhr

Sie treten als Mönche auf, die Gesichter tief unter den Kapuzen verborgen, die Köpfe in Demut geneigt, das einfache Zingulum hält das Gewand zusammen. Violett wird der Altar von den LED-Scheinwerfern angestrahlt, als die Acht, die Hände in Gebetshaltung, den Altarraum betreten. Dann, ein Zeichen, und die Kapuzen fallen, das erste frühmittelalterliche „Ave Maria“ erklingt.

Der typisch gregorianische Klang mit seinen einfachen syllabischen Gestaltungsformen und den meditativen Melodien lässt das Publikum in der vollbesetzten Kirche bis an die Grenze zum Mucksmäuschenstillen innehalten. Das wirkt schlicht und ergreifend. Das Oktett „Gregorian Voices“ zeigt in seinem Repertoire vor der Pause auch die Entwicklung der Gregorianik hin zu Gestaltungsformen, bei denen mehrere Töne auf einer Silbe gesungen werden.

Ob diese Präsentation in einem Kirchenkonzert auch spirituelle Erfahrungen zulässt? Hier ist Skepsis angezeigt. Denn nach den einzelnen Stücken aus der katholischen und orthodoxen Messe wird geklatscht. Im Vordergrund steht nicht die eingangs demonstrierte religiöse Demut, sondern das Staunen über die Kunst der Stimmen, die teilweise mit sehr viel Nachdruck und schlagerhaften Gestus in den Kirchenraum geschmettert werden. Langsam wird deutlich: Die Künstler treten zwar im Mönchsgewand auf, sind aber keine. Die Kutte ist Kostüm. Dem Publikum wird eine Sing-Show von acht Stimm-Artisten geboten.

Das zeigt sich nach der Pause dann überdeutlich, wenn sich das Oktett der Popmusik widmet. Statt des Kyrie nun das Yeah! Mit der pseudoreligiösen Gestaltung der Popsongs wie „Knocking on Heavens Door“ oder „Imagine“ geht eine Banalisierung des Religiösen einher. Die geistliche Musik wird als Show und die Sangeskunst als Veredelung des Pop missbraucht. Ein sehr problematisches Crossover!


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