zur Navigation springen

Hockey-Talent aus Itzehoe : Silja Paul hat den Blutkrebs besiegt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Das Hockey-Talent vom Großflottbeker THGC aus Hamburg hat eine Leukämie-Erkrankung überstanden und parallel an der Itzehoer Kaiser-Karl-Schule Abitur gemacht.

shz.de von
erstellt am 09.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Zuerst dachte sie, es wäre eine Grippe. Silja Paul war im April letzten Jahres gerade aus Barcelona zurückgekommen, wo sie mit ihrer Familie ein paar Tage Urlaub gemacht hatte. „Ich habe abends gemerkt, dass es mir nicht so gut ging, hatte Fieber, Kopfschmerzen und starke Bauchschmerzen“, erinnert sie sich. Als es nicht besser wird, geht sie zum Arzt, der sie direkt ins Itzehoer Krankenhaus überweist. Der Verdacht: Blinddarmentzündung. Da die Untersuchungen jedoch kein direktes Ergebnis bringen, wird die damals 18-Jährige wieder nach Hause geschickt.

„Abends rief dann der Hämatologe an, der durch Zufall auf mein Blutbild geschaut hatte“, erzählt Silja Paul. Sie sollte am nächsten Morgen auf die onkologische Ambulanz kommen. „Da habe ich mich schon gefragt: Warum auf die Krebsstation, wenn man kein Krebs hat?“ Große Sorgen habe sie aber keine gehabt, sagt sie. „Etwas Schlimmes wird es schon nicht sein, also warum unnötig darüber nachdenken?“

Der 15. April 2016 bleibt ihr dann aber doch einschneidend in Erinnerung. Schon der Aufenthalt im Wartezimmer ist unangenehm, neben ihr sitzen Patienten mit Braunülen im Arm, andere schieben Infusionsständer durch die Flure. Nachdem sie in das Sprechzimmer gerufen wird, bekommt sie die Diagnose: „Der Arzt hat gesagt, dass es mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Akute Myeloische Leukämie ist.“

An das, was dann passiert ist, kann sich Silja Paul nicht mehr ganz genau erinnern. „In der nächsten Stunde wusste ich nicht, was ich denken oder sagen sollte. Meine Gedanken waren überall – nur nicht bei dem, was der Arzt sagte. Vielleicht ist es auch keine ganze Stunde gewesen, vielleicht waren es nur zehn Minuten. In so einem Moment bricht zunächst das ganze Leben zusammen.“ Das junge Talent war erst im Vorjahr vom Itzehoer Hockey-Club zum Großflottbeker THGC nach Hamburg gewechselt. Sie hatte ihre ersten Bundesliga- sowie Länderspiele im Tor der U18-Nationalmannschaft gemacht, außerdem steckte die Schülerin der Kaiser-Karl-Schule gerade mitten in der Abiturphase. Physik war schon geschrieben, Mathe und Deutsch sowie die mündliche Religions-Prüfung sollten noch folgen. „In so einem Moment kommen einem all die Dinge vor Augen, die man jetzt erstmal nicht mehr machen kann.“

Vor allem der Sport spielt schon immer eine große Rolle im Leben von Silja Paul. Sie spielte Fußball, Handball, ging schwimmen und entdeckte schon im Grundschulalter das Feldhockey für sich. „Irgendwann bin ich dann ins Tor gegangen, weil kein anderer wollte“, sagt sie und lacht. Bei der Wahl der Steinburger Sportler des Jahres 2013 wird sie Siegerin in der Kategorie Talent des Jahres, sie spielt in der Schleswig-Holstein-Auswahl, U  16 und später U  18. In Hamburg trainiert sie zunächst in der Jugend, wechselt aber schon bald in die Damen-Bundesliga-Mannschaft – als das jüngste Mitglied im Team.

Als die Diagnose kommt, geht plötzlich alles ganz schnell. Einen Tag später fährt sie in das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) nach Hamburg, vier Tage darauf beginnt bereits die Chemotherapie. Fünf Behandlungszyklen werden angesetzt. Doch ihr Körper rebelliert stärker, als es bei anderen Patienten der Fall ist. Sie leidet an Dauerübelkeit, muss ständig erbrechen. Im nächsten Zyklus fängt sie sich eine Darmentzündung ein, es droht ein Darmplatzen. Gegen die Schmerzen muss sie zusätzlich mit Morphium behandelt werden. Sie wird isoliert und darf kaum noch Besuch empfangen. „Das war die schlimmste Zeit“, sagt sie.

Trotzdem schafft sie es, ihren Optimismus und ihre positive Lebenseinstellung zu behalten. Zwischen den Zyklen schreibt sie ihre Abiturprüfungen – auch wenn sie für das Lernen kaum die Kraft aufbringen kann. Weil auch die sauerstoffbindenden roten Blutkörperchen durch die Chemotherapie zerstört werden, fühlt sie sich ständig müde. Sie lernt einen Tag für die Matheprüfung und kann dank einer Ausnahmegenehmigung ihrer Schule zu Hause schreiben. Menschenmengen muss sie in dieser Phase aufgrund ihres stark geschwächten Immunsystems meiden. So kommen die Lehrer zu ihr, die Prüfungen werden am Küchentisch geschrieben. „Die Schule hat sich wirklich für mich eingesetzt. Da kann man sich gar nicht oft genug für bedanken.“

Einen sehr großen Anteil daran, dass sie die Zeit seelisch so gut überstanden hat, hat auch ihre Mannschaft vom Großflottbeker THGC, sagt Silja Paul. Schon am zweiten Tag im Krankenhaus bekommt sie Besuch aus ihrem Team. Die Spielerinnen haben einen Plan aufgestellt, nach dem jeden Tag zwei von ihnen in die Klinik fahren und ihre Torhüterin besuchen. „Das Team war die ganze Zeit für mich da“, freut sie sich. Sie lassen sie an ihrem Leben teilhaben, schicken Nachrichten und Bilder vom Training, vom Strand oder einfach nur von einem leckeren Essen. „Das hat mich wirklich aufgebaut und mir viel Kraft gegeben. Ich wusste, dass immer jemand an mich denkt und ich konnte mich auf das freuen, was nach der Therapie kommen würde.“

Im Krankenhaus sieht die Itzehoerin ihre Rolle als Motivatorin, heitert andere Patienten auf. Ihr Zimmer ist mit Geschenken geschmückt, an einem davon – einem Basketball-Korb – richtet sie Turniere mit Patienten und Pflegern aus. „Ich wollte etwas von meinem Optimismus abgeben. Wir haben einfach keine schlechten Gedanken ins Zimmer gelassen.“ Mitte September kann sie die Klinik verlassen, legt ihre letzte mündliche Prüfung ab und besteht ihr Abitur – obwohl sie zuletzt kaum dafür lernen konnte – mit einem Schnitt von 1,8. Nach der Reha-Phase überraschen ihre Team-Kolleginnen und Freunde sie mit einem verspäteten Abi-Ball, seit ein paar Wochen ist sie zurück im Hockey-Training. Inzwischen geht es ihr wieder gut, sagt sie. „Und ich merke, wie es von Woche zu Woche besser wird.“ Lediglich alle drei Monate geht es noch zur Nachsorgeuntersuchung, einmal im Monat muss sie zur Kontrolle Blut abgeben.

Eines habe sich aber geändert, sagt die heute 19-Jährige. Zwar ist der Ehrgeiz geblieben, doch sie will sich nicht mehr stressen lassen. „Vorher gab es immer nur Schule und Hockey. Durch die Krankheit habe ich gelernt, wie wichtig Familie und Freunde sind und dass man jeden Tag in vollen Zügen genießen muss.“ Sie möchte nun Maschinenbau studieren, in eine Wohngemeinschaft nach Hamburg ziehen und wieder Hockey-Erfolge feiern. Und ein anderer Traum bleibt ebenfalls – trotz aller Entschleunigung: Der von der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen