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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2017 | 05:12 Uhr

Feuerwehren : Sie schickt die Männer ins Feuer

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Feuerwehrfrauen im Porträt: Die stellvertretende Wehrführerin von Oldendorf Andrea Labrentz (24) besucht den Zugführerlehrgang in Handewitt.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2014 | 15:49 Uhr

Wenn es brennt, herrscht Ausnahmezustand. Anwohner reagieren ängstlich, schockiert, schaulustig oder einfach überfordert. Nur sie müssen kühlen Kopf bewahren: Die Feuerwehrleute. Doch was geht vor im Kopf einer Feuerwehrfrau, noch dazu, wenn sie die Verantwortung für einen Einsatz trägt und in Bruchteilen von Sekunden entscheiden muss? Andrea Labrentz (24) aus Hohenaspe legt die Gedanken offen, die sie im Ernstfall abarbeitet, bevor sie ihren Trupp in die Flammen schickt. Die Steinburgerin hat in der Feuerwehrschule in Harrislee bei Flensburg einen zweiwöchigen Fortbildungskurs belegt – den Zugführerlehrgang eins und zwei.

Andrea Labrentz steht vor einer Modellbauplatte. Alle möglichen Gefahrensituationen können darauf nachgestellt werden. Es gibt ein Industriegebiet mit Fabrikgebäuden, eine Autobahn, Bauernhöfe am Waldrand mit Fluss und See und ein Stadtviertel mit mehrstöckigen Familienhäusern, die ganz eng aneinander stehen. Die Lage sondieren und die richtigen Entscheidungen treffen, das will Andrea Labrentz hier üben. Sich selbst strukturieren, das ist ihr Ziel.

Im Ernstfall muss jeder Gedankenschritt sitzen. Wenn es brennt, dann ist in der Regel nach 16 Minuten Feierabend für die Menschen, erklärt Ausbilder Sacha Münster (39). Jede Information, die nicht auf Anhieb gesehen und direkt und klar an die Leitstelle oder den Gruppenführer weitergegeben wird, verlängert den Einsatz, weil dann im Zweifel doppelt gearbeitet wird. In der Laborsituation geht es nicht um Sekunden. Hier sind Fehler erlaubt. Alle Gedankenwege und ihre Folgen können durchgespielt werden.

Andrea Labrentz hat einen festen Stand. Ihre Hände hat sie hinter dem Rücken verschränkt, während sie die Lage sichtet. Auf der Platte brennt ein Rohbau, ein Lagerhaus mit Kellerräumen. In der Modellsituation kann sie von oben herab alles mit einem Blick erfassen und außerdem Detailaufnahmen an der Leinwand in den Blick nehmen, die über kleine Kameras auf der Platte das Geschehen vergrößert zeigen. Bei einem realen Einsatz müsste sie durch die Straßen gehen, ihren Standort bewusst wechseln – auf Erkundungstour gehen. Im Planspiel kann sie auf Abstand erkennen, welche Standpunkte entscheidend sein können, um die Lage zu beurteilen. In ihrem Kopf hat sie einen acht Punkteplan abzuarbeiten – in der Übungssituation hängt dieser als Erinnerungsstütze groß an der Wand: Einsatz entgegennehmen, ausrücken und entscheiden, wie dicht mit den Löschfahrzeugen an den Brandherd herangefahren werden kann, Eintreffmeldung an die Leitstelle absetzen, Lage beurteilen, Entschlüsse fassen, Befehle geben und eine Lagemeldung an die Leitstelle abgeben – das sind die Schritte, die auch im Klassenraum der Feuerwehrschule durchgespielt werden, fast wie in einem Theaterstück – von der Zeugenbefragung bis zum Einsatzkommando.

„Petersen, ich bin hier Bauherr.“ Ausbilder Sacha Münster ergreift das Wort für eine der kleinen Plastikfiguren, die nah an der Brandstelle auf der Modellplatte stehen. Er hat einen norddeutschen Slang eingeschlagen und holt, richtig in die Rolle eintauchend, zu einem langen Redeschwall aus. Er hat während vieler Einsätze selbst viele typische Reaktionen von betroffenen miterlebt und weiß, was aus dem Konzept bringt und worauf sich seine Schülerin in der Praxis gefasst machen muss. Es wirkt wie eine Bühnenshow.

Andrea Labrentz lässt sich nicht ablenken, sie weiß: „Das Schlimmste im Einsatz ist, wenn der Einsatzleiter wild herumwirbelt. Man darf sich nicht aus dem Konzept bringen lassen“, erklärt sie später. So unterbricht sie den Bauherren höflich, verfällt dabei selbst ins Plattdeutsch und das bricht das Eis, um sich durchzufragen. „Der Weg zum Erfolg ist die Frage“, freut sich Ausbilder Sacha Münster, der in das Planspiel Erfahrungen aus 15 Jahren Berufserfahrung einbringen kann.

Auch Andrea Labrentz ist die Praxis nicht fremd. Als stellvertretende Wehrführerin hat sie bereits 21 Einsätze direkt an der Front erlebt, und auch Einsätze unter eigener Leitung hat sie bereits gefahren. „Es ist schon eine Umstellung“, erzählt sie. Als Atemschutzträgerin sei sie diejenige gewesen, die die Arbeit ausgeführt hat und ins Feuer gegangen ist. Als Zugführerin bleibt sie auf Distanz, dann laufen bei ihr alle Fäden zusammen. Auf die Verantwortung freut sie sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Ich möchte auch noch ins Feuer gehen. Aber es ist interessant, Führungsaufgaben zu übernehmen“, sagt sie. Den Zugführer-Lehrgang hat sie „gut“ bestanden.

>Infoabend 12. November ab 19.30 Uhr im Feuerwehrhaus Heiligenstedten, Juliankadamm 11, Anmeldung: 0151 /146 99 777

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