zur Navigation springen

Fahren im Alter : „Senioren nicht aus dem Verkehr ziehen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Fahrlehrer-Tipps für mobile Rentner / Seniorenrat gegen verpflichtenden Fahrtest: Führerschein freiwillig gegen Bus- und Bahnticket eintauschen

von
erstellt am 05.Feb.2016 | 05:36 Uhr

Der Schulterblick – wer ihn in der Führerscheinprüfung vergisst, für den ist die Fahrt zu Ende. Durchgefallen. Nicht ohne Grund, nur so lässt sich der tote Winkel einsehen, lassen sich Unfälle vermeiden. Nach Jahren am Steuer ist der Schulterblick zwar irgendwann Routine. Aber was, wenn ab einem gewissen Alter Bewegungen schwerer werden, die Halswirbelsäule die Drehung nicht mehr mitmacht? Kein Schulterblick, kein Führerschein, so sind die Regeln für Fahrschüler. Wer die Lizenz zum Autofahren aber schon hat, gibt sie nicht gerne wieder ab – auch nicht, wenn Seh- und Hörvermögen und Konzentration nachlassen.

Im Kreis Steinburg waren an den 777 Unfällen, die von der Polizei im Jahr 2015 registriert wurden, in 185 Fällen Autofahrer über 65 Jahre beteiligt, wie Michael Raupach, Leiter des Sachgebietes Verkehr bei der Polizeidirektion Itzehoe erklärt. „In 113 Fällen waren sie auch Unfallverursacher.“

Angesichts solcher Zahlen fordern die Bundestags-Grünen, dass Autofahrer ab 75 Jahren verpflichtend auf ihre Fahrtauglichkeit überprüft werden und haben damit eine Diskussion losgetreten. Senioren am Steuer – Ungeheuer? „Nein!“, sagt Fahrschullehrerin Silke Krüger aus Wilster. „Ein Senioren-TÜV sollte auf Freiwilligkeit beruhen“, findet die 54-Jährige. „Sonst fühlen sie sich bevormundet.“ Das Thema würde bei älteren Autofahrer unbegründete Ängste schüren. „Sie befürchten, dass sie ihren Führerschein abgeben müssen, wenn sie Fehler machen. Das ist aber nicht der Fall. Alles bleibt anonym.“ Sinn eines Mobilitätschecks sei es nicht, Senioren aus dem Verkehr zu ziehen, sondern dass sie mobil bleiben. In ihrer Fahrschule bietet Silke Krüger deshalb extra Kurse für Senioren an, „zwischen jungen Fahranfängern fühlen sich ältere Autofahrer gehemmt“, weiß sie. Deshalb werde oft Einzelunterricht gebucht, in denen Silke Krüger den Senioren Tipps gibt und Tricks zeigt, mit denen das Fahrzeug aufgerüstet und körperliche Defizite ausgeglichen werden können. Spezielle Spiegel, Schultertblickautomatik oder Einparkhilfen beispielsweise. „Es geht auch darum, alte Gewohnheiten auszumerzen und das Wissen auf den neusten Stand zu bringen.“

Vor einem Jahr kam auch Antje Bunge in die Fahrschule. Die 64-Jährige ist zwar topfit, fühlte sich aber nicht sicher am Steuer, obwohl sie eigentlich schon viele Jahre Erfahrung hat, zumindest auf dem Papier. Ihren Führerschein machte sie im November 1970. „Ich bin aber nur kurze Strecken gefahren und nur in der Umgebung. Bei langen Fahrten saß mein Mann immer hinter dem Lenkrad“, erzählt die Wilsteranerin. Aber als die Tochter Nachwuchs erwartete, wuchs in Antje Bunge der Wunsch nach unabhängiger Mobilität. „Um mein Enkelkind zu sehen, muss ich nach Bremen fahren, durch Hamburg und auch noch Autobahn. Davor hatte ich große Angst. Es hat sich so viel geändert, das fängt schon bei den Fahrbahnmarkierungen an.“ Zwei Theorie- und drei Praxisstunden später fühlte sie sich wieder sicher im Verkehr. Fahrstunden zu nehmen, war ihre freie Entscheidung, die die Seniorin nicht bereut hat.

„Wir vom Seniorenrat bauen auch auf die Einsicht und Freiwilligkeit der Senioren, sich vorsorglich einem Fahrtest und einer Gesundheitsprüfung zu unterziehen“, betont Peter Schildwächter, Vorsitzender des Steinburger Kreisseniorenbeirats und des schlewig-holsteinischen Landesseniorenrats. Dass Senioren in Sachen Verkehrsunfälle so in die Schusslinie geraten sind, findet der 71-Jährige diskriminierend. Aber: „Man muss sich auch eingestehen, wenn es mit dem Autofahren nicht mehr geht. Man sollte daran denken, dass es auch der eigene Enkel sein kann, den man übersieht und überfährt“, appelliert Schildwächter an ältere Verkehrsteilnehmer.

Nicht mehr mobil zu sein und damit die Selbstständigkeit zu verlieren, sei allerdings eine Einschränkung, die viele betagtere Autofahrer zögern lasse. „Den Führerschein abzugeben, ist ein wesentlicher Einschnitt in das Leben. Und insbesondere im ländlichen Raum wie in einigen Kreiskommunen ein Problem. Die Senioren leben heutzutage oft nicht mehr im Familienverbund, sind auf sich gestellt. Sie können dann nicht mehr mal eben so einkaufen oder zum Arzt. Wenn ein verpflichtender Fahrtest für Senioren kommt, dann muss der Staat andere Lösungen schaffen“, fordert Schildwächter.

Der Kreisseniorenbeirat hat auch schon konkrete Wünsche auf dem Zettel, wenn es um die Mobilität von Senioren und Fahrtest im Kreis Steinburg geht: Ländliche Bereiche besser an den öffentlichen Nahverkehr anbinden – „mit dem Zweckverband ÖPNV Steinburg führen wir auch gute Gespräche“ –, moderne und unkonventionelle Konzepte wie das Senioren-Taxi oder Mitfahrgelegenheiten schaffen und Fahrschulen mit ins Boot nehmen. „Es wäre schön, wenn Fortbildungen extra für Senioren angeboten werden würden.“ Außerdem sollten Anreize geschaffen werden, die Fahrlizenz freiwillig abzugeben. Senioren sollten dafür mit einem Rabatt für den öffentlichen Nahverkehr belohnt werden. „Sie sollten dann Bus und Bahn lebenslang für den halben Fahrpreis nutzen dürfen“, schlägt Peter Schildwächter vor. Was machbar ist, will der Seniorenbeirat dieses Jahr konkreter angehen. „Es ist in 2016 unser Leitthema“, betont der Vorsitzende.

Letzten Endes zähle aber vor allem eines: Unfälle vermeiden. „Man kann es nicht an einer Zahl festmachen, wann eine Fahrprobe sinnvoll ist. Einige Menschen sind mit 80 Jahren noch fit, andere dagegen schon mit 65 nicht mehr.“ Auch wenn Schildwächter auf Freiwilligkeit setzt, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, sei eine Fahrprobe durchaus sinnvoll – dann auch unter Zwang.


zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen