Seltener Arbeitsplatz in der Krypta

<strong>Ruhige Hand gefragt:</strong> Karl-Friedrich Hacker in den Kirchenkatakomben. Foto: müller-Tischer
Ruhige Hand gefragt: Karl-Friedrich Hacker in den Kirchenkatakomben. Foto: müller-Tischer

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03. März 2010, 07:50 Uhr

Itzehoe | Hocker, Zeichenblock und Kugelschreiber nimmt Karl-Friedrich Hacker (55) mit, wenn er in die Katakomben der St.-Laurentii-Kirche hinabsteigt. Der Itzehoer Grafiker zeichnet dort jede Einzelheit der Jahrhunderte alten Prunksärge der gräflichen Fami lien Rantzau und Ahlefeldt. Seit fünf Monaten arbeitet er ein bis zwei Mal pro Woche für einige Stunden in den Grabkammern.

Als 1961 bei Renovierungsarbeiten der Fußboden in der Kirche frei gelegt wurde, stießen Bauarbeiter auf die Katakomben. Deren Existenz war zwar bekannt, aber nun sollten in den Folgejahren acht Gewölbe unter dem Chorraum mit den prächtigsten und am besten erhaltenen Särgen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine Treppe führt seitdem in die gut belüfteten, mit elektrischem Licht ausgestatteten Grabkammern. Die Innenstadt gemeinde bietet Führungen an.

Nach einem Verzeichnis von 1785 waren seit dem Mittelalter 40 Gewölbe mit mehr als 120 Särgen bekannt. Auch viele Mitglieder des Schauenburger Grafengeschlechts, Holsteins Landesherren von 1111 bis 1459, waren hier begraben. Doch keine ihrer Ruhestätten ist erhalten geblieben. Dreißigjähriger Krieg, dänisch-schwedischer Krieg, Zerstörung, Brand und Plünderungen: Die meisten Grüfte wurden im Laufe der Jahrhunderte ausgeraubt oder zugeschüttet oder stürzten ein. Der Itzehoer Chronist Dr. Rudolf Irmisch hat im Steinburger Jahrbuch von 1972 neun Prunksärge in sieben wieder hergestellten Grabkammern beschrieben. Im ältesten dieser Sarkophage ruht Ritter Detlef Rantzau auf Panker, 1639 gestorben. Der jüngste Sarg ist die Ruhestätte der Äbtissin Metta Christina von Ahlefeldt, 1763 gestorben. In der achten wieder hergestellten Kammer stehen weitere, beschädigte Sarkophage, die Irmisch nicht näher erwähnt hat.

"Ich möchte eine Beschreibung über die Gruft und die Särge erarbeiten auf der Grundlage von Irmisch", sagt Karl-Friedrich Hacker. Er benutzt für seine Zeichnungen eine spezielle schwarze Fineliner-Kugelschreibermine. Die Bilder werden anschließend mit Aquarellfarben koloriert. Mit seinen Zeichnungen von kunstvollen Ornamenten und Beschlägen, von Wappenschildern, Kruzifixen, Ahnentafeln und biblischen Szenen will er die schriftlichen Informationen illustrieren.

Die neun Barocksärge gehören zu den schönsten und wertvollsten ihrer Art in Norddeutschland. "Interessant ist es, hier die Entwicklungen in der Epoche zu sehen. Sie gipfeln in den beiden Äbtissinnen-Särgen", sagt Hacker, als er sich über ein fein gearbeitetes Blech beugt. Dessen Inschrift gibt Auskunft über die 1727 Verstorbene, für die der prächtige Sarkophag angefertigt wurde: "Die Hoch- und Wohlgebohrne Frau Frau Margareta Catarina von Ahlefeldt gewesene Hochwürdige Abtissin zu Itzehoe".

Einheitliche Grammatik findet sich nicht. Oft weichen in den Inschriften an den Wänden und auf den Särgen die Schreibweisen voneinander ab, offenbar abhängig von den Sprachkenntnissen der jeweiligen Urheber. Beeindruckt ist der Grafiker auch von dem kunsthistorischen Zeugnis der Rantzau-Särge aus dem 17. Jahrhundert. "Interessant wäre zu wissen, welche Vorbilder die ausführenden Silberschmiedewerk stätten damals hatten."

Noch etwa ein halbes Jahr wird es voraussichtlich dauern, bis das letzte Detail gezeichnet ist. Solange hat Karl-Friedrich Hacker mit Hocker, Block und Stift in der Krypta von St. Laurentii den wohl ungewöhnlichsten Arbeitsplatz in Itzehoe.

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