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Norddeutsche Rundschau

17. November 2017 | 22:34 Uhr

Wilster Jahrmarkt : Seit 60 Jahren immer dabei

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Erst mit dem Fahrrad, dann mit dem Zug und heute mit dem Auto: Einmal im Jahr kommt Lothar Michelchen aus dem Ruhrpott in die alte Heimat Wilster.

shz.de von
erstellt am 11.Jul.2017 | 05:17 Uhr

Wenn am Freitagnachmittag der traditionelle Wilster Jahrmarkt eingeläutet wird, ist auch Lothar Michelchen wieder dabei. Für viele Wilsteraner wäre das nicht ungewöhnlich. Für Lothar Michelchen schon. Der heute 76-Jährige reist zum inzwischen 60. Mal extra aus dem Ruhrpott an. Die erste Tour – damals noch aus Castrop Rauxel – unternahm er schon als 16-Jähriger. Damals machte er sich mit dem Fahrrad auf die 450 Kilometer lange Strecke. „Unterwegs habe ich auf Bauernhöfen übernachtet. Das war schon irgendwie ein Abenteuer“, erinnert er sich an diese Zeit. Heute kommt Michelchen mit dem Auto. Die Unterkunft für die Jahrmarktstage hat er schon lange vorher gebucht.

Lothar Michelchen hat seine Kindheit in Wilster verbracht und die Verbundenheit zu seiner alten Heimat nie verloren. Aus Pommern stammend lebte er mit seiner Familie seinerzeit in Schotten. „Meine Lehrerin damals war Fräulein Schöne“, erinnert er sich noch gern an die Jahre an der Wolfgang-Ratke-Schule. Viel Zeit habe er auf den Bauernhöfen in der Region verbracht. „Ich war ja ein kräftiger Kerl und konnte mich dort gut nützlich machen.“ Es war eine Zeit, als der schwere Marschboden auf vielen Höfen noch mit Pferdegespannen bearbeitet wurde. „Wir haben aber auch viel in der Au und in den Wettern gebadet.“

Mit 13 verließ Lothar mit seiner Familie dann seine Heimatstadt in Richtung Ruhrpott. Im ersten Jahr nach seiner Radtour konnte er dann schon komfortabler nach Wilster zum Jahrmarkt reisen. Ein Kollege aus der Nachbarschaft fuhr ins nahe Mehlbek, da konnte er mit. Im Jahr darauf reichte das erste selbstverdiente Geld dann schon für eine Bahnfahrkarte.

„Der Jahrmarkt damals war noch mal so groß“, beschreibt Lothar Michelchen die Veränderungen in den vergangenen sechs Jahrzehnten. Und: Zum Jahrmarkt gehörte immer auch ein großer Wochenmarkt. „Da konnte man noch lebende Enten und Hühner kaufen.“ Eines hat sich nicht verändert: In all den Jahrzehnten trifft der Jahrmarktfan noch immer viele Menschen aus seinen jungen Jahren. „Das war immer so, und das ist auch heute noch so.“

Neben seiner Begeisterung für den jährlichen Rummel in seiner alten Heimat hat Lothar Michelchen eine Rolle geprägt, in die er regelmäßig schlüpfte: Der heute 76-Jährige verdiente viele Jahre lang sein Brot als Double von Gottlieb Wendehals. Der fast gleichaltrige Sänger und Musiker, der mit richtigem Namen Werner Böhm heißt, ist bis heute mit seinem Partykracher „Polonaise Blankenese“ ein Begriff. Das Markenzeichen: Pomade im Haar und schwarzweiß kariertes Jackett. Mitunter hatte er auch noch ein Gummi-Huhn unterm Arm. „Den hatte ich in der Hitparade bei Dieter Thomas Heck gesehen und dachte: Das kann ich auch.“ Das passende Outfit besorgte er sich bei einem Kostümverleih auf der Reeperbahn. Einen seiner ersten Auftritte als Gottlieb Wendehals hatte er bei der Fußballermaskerade in Wilster. In den Jahren danach wurde er dann ein bundesweit gefragtes Double. Ob auf DRK-Veranstaltungen, bei Modenschauen oder beim Hühnerverein: Lothar Michelchen alias Gottlieb Wendehals ließ bei jeder sich bietenden Gelegenheit die „Löcher durch den Käse fliegen“. „Ich stehe jetzt seit 36 Jahren auf der Bühne“, sagt er. Zeitweise habe es mehrere Auftritte an einem Abend gegeben. Vor allem beim Karneval ist der Stimmungsmacher gefragt. Abgesehen davon, dass man als Double seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, habe ihn auch das Leben als Künstler fasziniert. „Es ist schon toll, wo man da überall hinkommt“, sagt Michelchen und berichtet wie nebenbei noch von einem kurzen Gastspiel in der Lindenstraße oder einem gemeinsamen Auftritt mit James Last.

In den nächsten Tagen wird man in Wilster allerdings wohl vergeblich nach einem Mann im schwarzweiß karierten Jackett Ausschau halten. Michelchen wird wie in den vergangenen 60 Jahren seine Runden durch die Stadt und über den Colosseumsplatz drehen und sich freuen, wenn er auf alte Bekannte trifft.

„Da freue ich ich schon das ganze Jahr drauf“, sagt er und versichert, das der Jahrmarkt 2018 schon fest eingeplant ist. Nur mit der Terminverschiebung auf das dritte Wochenende im Juli kann er sich noch immer nicht so ganz anfreunden. Schließlich fand der Markt die allermeiste Zeit seines Lebens am ersten Wochenende im August statt. Als Dauergast wird er sich in den nächsten Jahren aber wohl auch an den neuen Termin gewöhnen.

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