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Führungswechsel bei der Mordkommission : Sein letzter Fall: Chefermittler geht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Leiter der Mordkommission bei der Bezirkskriminalinspektion in Itzehoe wurde verabschiedet. Jetzt schreibt Siegfried Lindhorst nur noch Kriminalromane.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2014 | 16:15 Uhr

Die Morde an einem Schlachtersohn in Itzehoe und einem Autohändler in Horst, der Dreifachmord von Hemdingen, ein toter Grieche in Glückstadt, Mädchenmörder, Doppelmörder, tödliche Flugzeugabstürze, mysteriöse Todesfälle. Das war fast 40 Jahre lang sein Metier. Gestern verabschiedete sich der Chef der für die Kreise Steinburg, Dithmarschen und Pinneberg zuständigen Mordkommission in den Ruhestand. Mit Siegfried Lindhorst, so lobte sein Kieler Amtskollege Stefan Winkler, geht ein „begnadeter Vollblut-Kriminalist, ein exzellenter Vernehmungsbeamter und ein ausgebuffter Ermittler“.

Der heute 60-Jährige hatte seine Polizeilaufbahn 1973 eingeschlagen. Schon früh gaben ihm Ausbilder den guten Rat, doch lieber die Uniform abzulegen und zur Kripo zu gehen. Dort startete Lindhorst die – wie es hieß – klassische Westküstenkarriere: 30 Jahre auf einem Posten – und dann in Pension gehen. Kripo-Chef Karsten Hübner sprach bei der Verabschiedung in den Räumen der Polizeidirektion Itzehoe von einem stets „authentischen, aufrichtigen und ehrlichen Kriminalbeamten“. Lindhorst stieg als Polizeioberwachtmeister in den Kriminaldienst ein – ein Dienstgrad, den es heute gar nicht mehr gibt. Es folgte die Ausbildung zum Kommissar und dann der Einstieg in die Mordkommission, deren Leiter er vor 20 Jahren schließlich auch wurde. Sein Markenzeichen wurde: niemals aufgeben. Hübner erinnerte an den legendären Staubmasken-Prozess aus dem Jahre 1986. Zwar fand man damals eine DNA-Spur zum Täter, für eine Verurteilung reichte die aber nicht. Lindhorst ließ nicht locker. Zehn Jahre später befragte er eine entscheidende Zeugin so geschickt, dass der Täter doch noch überführt werden konnte.

„Freude und Leidenschaft an der Arbeit sowie bemerkenswerte Erfolge“: So fällt für Hübner die Bilanz einer Lebensleistung aus. Und auf so viel geballte Erfahrung mochte die Kripo wohl auch in Zukunft nicht verzichten. Hübner versetzte den Beamten Lindhorst offiziell in den Ruhestand und ernannte den Pensionär Lindhorst inoffiziell zum „Mordsberater“ seiner alten Dienststelle.

Dass nicht nur Liebe, sondern auch Ermittlungsarbeit durch den Magen geht, wurde in zahlreichen Wortbeiträgen deutlich. Lindhorsts oberstes Gebot: Bevor es auf Mörderjagd geht, muss erst einmal die Verpflegung sichergestellt sein. Mutmaßlich war diese Erkenntnis auf einen seiner ersten Fälle zurückzuführen. Als junger Kripobeamter wurde Lindhorst auf einen Bauernhof in der Wilstermarsch geschickt. Hier hatte ein Landwirt Eheprobleme „mit Argumenten aus Solingen“ lösen wollen. Lindhorst traf am Tatort ein – und war fassungslos. Der dort wartende Schutzpolizist hatte den offensichtlichen Täter zum Kaffee kochen in die Küche geschickt. „Damit der sich erst einmal beruhigt“, was auch funktioniert habe. Ralf Höhs als damaliger Itzehoer Kollege, heute ist er Landespolizeidirektor, erinnerte an einen weiteren typischen Lindhorst-Einsatz. Einmal sei er mit dem Ermittler für eine Zeugenbefragung nach Berlin gefahren: „Mit einem Kofferraum voller Schnitzel.“ Es wundert daher kaum, dass Lindhorst seine Verabschiedung auch mit einem „Mordsbrunch“ verband.

Wieviele Mörder er dingfest gemacht habe, konnte Siegfried Lindhorst spontan nicht sagen. Hier hatte allerdings sein Nachfolger Marco Klein vorbildliche Ermittlungsarbeit geleistet. Insgesamt, so listete dieser auf, seien 370 Taten über den Schreibtisch von Lindhorst gegangen. Darunter seien 222 versuchte und 148 vollendete Tötungsdelikte gewesen. In 54 Fällen ging es im Mord, in 94 um Totschlag. Deutlich über 90 Prozent aller Fälle, so schätzt Lindhorst selbst, seien vom ihm und seinem Team auch aufgeklärt worden.

Rückblickend schätzte der jetzt frischgebackene Pensionär sich glücklich, dass er es überhaupt auf eine so lange Dienstzeit gebracht worden. „Es hat kein Jahr gedauert, und ich hatte mein erstes Strafverfahren am Hals.“ Der Vorwurf, er habe an Asservaten herummanipuliert, habe sich aber schnell als haltlos erwiesen. „So etwas kann aber auch schnell anders ausgehen“, weiß Lindhorst nur zu gut um die Unwägbarkeiten der Justiz. Seinen im Dienst verbleidenden Kollegen gab er dann noch etwas Nachdenkliches mit auf den Weg: „Verantwortliches Handeln ist der wichtigste Punkt für die Arbeit eines Polizisten.“ Dann gab er endgültig seine dienstlichen Fesseln ab: den Pieper, der ihm 20 Jahre lang eine Bereitschaft rund um die Uhr beschert hatte. Er packte auch gleich noch eine Alarmkarte aus den Anfangsjahren dazu. Die wurde einst von Streifenpolizisten in die Briefkästen von nicht auf Anhieb erreichbaren Kripobeamten gesteckt mit der Aufforderung, gefälligst sofort in der Dienststelle anzutreten.

Einen Fall allerdings nimmt Siegfried Lindhorst mit in den Ruhestand. Er hatte in den Archiven der Staatsanwalt einen ungeklärten Todesfall aus dem Jahre 1947 ausgegraben. Die Leiche war damals in Münsterdorf aus der Stör gefischt worden. Die Akten waren allerdings schon vernichtet worden. In seinem nun schon fünften Kriminalroman beleuchtet er den Fall in allen Einzelheiten – so wie es nach seinen Erfahrungen gewesen sein könnte.

 

Einen Bericht über den Tod des Itzehoer Dekorateurs Hinrich Kummer lesen Sie in der nächsten Woche. Dazu eine Besprechung seines bereits im Handel befindlichen vierten Romans „Kellermenschen“.

 

 

 

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