Theaterabend : Seemannsgarn und Ringelnatz-Lieder

Skurrile Odyssee über die Weltmeere: Nagelritz begeisterte im Theater-Studio.
Skurrile Odyssee über die Weltmeere: Nagelritz begeisterte im Theater-Studio.

Aus dem Ruhrgebiet über Bremen nach Itzehoe: Nagelritz zeigte im Theater eine prickelnde Show – Ahoi-Brause inklusive.

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07. Mai 2015, 04:42 Uhr

Itzehoe | Als Frau hat man’s nicht leicht bei einem Auftritt von Nagelritz – so wie im Theater Itzehoe: Man kann sich nur schwer entscheiden, ob man ihn lieber in die Arme nehmen und über sein Heimweh hinweg trösten will – oder ob man sich ihm an den Hals werfen und hoffen soll, dass man die Eine ist, für die er all seine anderen Seemannsbräute vergisst. Er ist so durch und durch liebenswert, mit großem Herz und ebensolcher Klappe, ein bisschen frech, ein bisschen frivol, umweht von einem Hauch Melancholie und Abenteuer – wer könnte da nicht schwach werden?

Und schon weckt er Hoffnungen: „Ich bin ja noch Single – hier in Itzehoe!“ Um dann doch nur Augen für Dörthe in der ersten Reihe zu haben. Obwohl die doch ihren Sven hat. Ach, das Leben ist hart, nicht nur auf rauer See.

Da haben es die Männer schon leichter. Die können sich ganz aufs Programm konzentrieren. Aus jeder Menge Seemannsgarn strickt Nagelritz, der eigentlich Dirk Langer heißt, gebürtiger Gelsenkirchener ist und in Bremen wohnt, Geschichten um seine Freunde, den alten Seebären Hinnerk und den lispelnden Spanier Raoul. Mit einem total vermasselten Weihnachtsfest in Singapur beginnt die Odyssee über die Weltmeere. „Der Weg ist das Ziel“, sagt Hinnerk. „Doch manche Ziele nehmen einfach kein Ende.“ Mit dem Lockenwickler der Medusa holten sich die Drei einen Fluch an Bord – und so jagt eine skurrile Begebenheit die nächste. Vor Afrika hat der Dampfer mit widrigsten Bedingungen zu kämpfen, schließlich sind die Wasserstraßen dort seit dem vergangenen Winter in miserablem Zustand. Nagelritz und seine Kumpels werden von einem Zyklopen im U-Boot gejagt, treffen auf hypnotisch singende Sirenen und gefräßige Monsterwellen – und müssen schließlich feststellen, dass im Bermuda-Dreieck Dinge nicht verschwinden, sondern sich nur sehr verändern. So verwandelt sich Hinnerk in ein Huhn und Raoul wird wieder zum Kind.

An seiner selbstgebastelten „Multimedia-Wand“ – einer gemalten Weltkarte samt Papp-Boot zum Ankletten – und mit seinen Tagebuch-Aufzeichnungen veranschaulicht Nagelritz die Geschichten. Dazwischen gibt es Lebensweisheiten („Wer spät heiratet, spart sich die Tanzerei bei der Goldenen Hochzeit“) und passende Lieder: Vertonte Ringelnatz-Texte, zu denen sich Nagelritz an Akkordeon und Xylophon begleitet. Nicht zu vergessen natürlich die Ahoi-Brause. Die verteilt der Seemann so großzügig ans Publikum wie sonst an jedes Kind, das er in einem Hafen trifft – könnte ja seines sein.

Am Ende tauchen die drei Freunde mit Hilfe von Nagelritz’ jüngst verstorbenem „Oppa“ im Rhein-Herne-Kanal bei Gelsenkirchen wieder auf und können dem Happy-End in Hamburg entgegen schippern.

Und wenn Nagelritz nach einem gemeinsam gesungenen „Far away“ nach zwei wunderbaren Stunden schließlich von Bord geht, da möchte man nur eines: Mitgehen und auf dem nächsten Dampfer gemeinsam mit ihm anheuern. Egal, wohin die Reise geht. Nagelritz selbst ist sowieso jedes Ziel recht: „Wenn du in Gelsenkirchen geboren bist, kommst du überall auf der Welt zurecht – denn dann findest du es auch überall schön.“  

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