Glückstädter Tierleben : Seeadler auf der Rhinplate

Im Tiefflug: Die Aufnahmen machte unser Fotograf mit einem Teleobjektiv von einem Segelboot aus.
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Im Tiefflug: Die Aufnahmen machte unser Fotograf mit einem Teleobjektiv von einem Segelboot aus.

Greifvögel brüteten in den vergangenen Jahren auf der zu Glückstadt gehörigen Elbinsel. Naturschützer erwägen eine Nisthilfe anzubringen.

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22. Juli 2015, 08:00 Uhr

Glückstadt | Niels Mester staunte nicht schlecht: Seit Jahrzehnten segelt der Glückstädter auf der Elbe und hat dabei stets auch ein Auge für die Tierwelt. Was er kürzlich bei einem Ausflug mit der Familie auf der Elbinsel Rhinplate sah, überraschte ihn aber: Vom Wasser aus war dort ein Seeadler gut zu erkennen. „Ich hatte von anderen Seglern schon gehört, dass auf der Rhinplate manchmal Seeadler zu sehen sind, aber so richtig geglaubt habe ich das nicht.“

Unter Naturschützern ist schon länger bekannt, dass die großen Greifvögel die etwa fünf Kilometer lange und 134 Hektar große , unbewohnte Insel als Revier entdeckt haben. „Wir haben schon früher Seeadler auf Streifzügen bei uns in der Region beobachtet, aber seit einigen Jahren lebt jetzt ein Paar fest auf der Rhinplate“, erklärt Dr. Sybille Petersen von der Ortsgruppe Glückstadt des Naturschutzbundes (NABU). Woher die Tiere kommen, ist auch für Experten nur schwierig nachzuvollziehen. „Ich vermute, sie sind als ‚junge Erwachsene‘ auf der Suche nach neuen Revieren in die Region Glückstadt gezogen“, sagt Reinhart Weihrauch, zuständiger Regionalbetreuer der Projektgruppe Seeadlerschutz. „Seit Mitte der 80er Jahre, als es nur vier Seeadlerpaare in Schleswig-Holstein gab, hat sich der Bestand auf heute 86 Paare erholt. Da müssen natürlich neue Reviere besetzt werden.“ Ob die Tiere quasi aus der „Nachbarschaft“ stammen lasse sich aber nicht abschätzen. „Wir wissen über die Beobachtung von beringten Tieren, dass Seeadler aus Schleswig-Holstein bis nach Finnland oder Tschechien ziehen.“ Ebenso können die Glückstädter Seeadler auch aus der Ferne gekommen sein. Bisher ist nicht bekannt, ob eines der Tiere beringt ist.

Für wahrscheinlich hält Reinhart Weihrauch aber, dass die beiden Adler dauerhaft auf der Rhinplate bleiben werden. „Sie haben dort bereits mindestens dreimal gebrütet. Das bedeutet, sie haben sich fest etabliert“, so der Experte. „Seeadler sind sehr reviertreu und leben in der Regel sehr lange mit ihrem Partner zusammen.“

Aus Sicht von Sybille Petersen ist die Elbinsel ein guter Standort für die streng geschützten Vögel: „Die Seeadler haben dort im Naturschutzgebiet ihre Ruhe und werden auch nicht aus Versehen gestört.“ Das Gelände sei dort so unzugänglich, dass man eine Machete bräuchte, um sich fortzubewegen. Offenbar finden die Seeadler in ihrem Revier auch ausreichend Nahrung. „Sie ernähren sich in erste Linie von Fisch und Wasservögeln wie Enten und Gänsen“, erklärt Reinhart Weihrauch. „Wenn die Nahrung knapp ist, gehen sie vielleicht auch mal einen Schwan an oder halten nach Hasen und Kaninchen Ausschau“, erklärt der Experte. Um Lämmer oder andere Haustiere bräuchten sich die Anwohner an der Elbe keine Sorgen zu machen, betont Sybille Petersen. „Die stehen nicht auf dem Speiseplan der Seeadler.“ Grundsätzlich seien die Tiere, was die Nahrungssuche angeht seiner Beobachtung nach eher „faul“, berichtet Weihrauch. „Wenn Aas zur Verfügung steht, nehmen sie dies lieber als lebende Beute. Jagen kostet schließlich Energie.“

Nur mit dem Nachwuchs haben die Glückstädter Neubürger offenbar noch ihre Probleme: In den vergangenen Jahren stürzte ihr großer Horst mehrfach bei Sturm zu Boden. Mindestens einmal befanden sich dabei bereits geschlüpfte Jungvögel in dem Nest. „Im Jahr 2013 haben wir die Brutstätte aufgesucht, nachdem wir aus der Ferne gesehen hatten, dass sich der Horst nicht mehr im Baum befand“, sagt Weihrauch. Vor Ort fand er einen Jungvogel vor, der offenbar auch am Boden weiter von den Eltern gefüttert wurde. „Nach allem, was wir wissen, ist er wohl auch flügge geworden. Leider ist er dann vermutlich noch in seinem ersten Lebensjahr einer Windkraftanlage gar nicht so weit von Glückstadt entfernt zum Opfer gefallen.“

In diesem Jahr ist der Horst relativ früh durch einen Sturm zerstört worden, so dass die Seeadler vermutlich gar nicht gebrütet haben. „Sie haben wieder anfangen an gleicher Stelle zu bauen, aber für eine Brut war es dieses Jahr schon zu spät“, sagt Weihrauch. Für den Experten liegt das Problem der beiden Tiere in dem Baum, den sie sich als Brutstätte auf der Rhinplatte auserkoren haben: Normalerweise würden Seeadler in sehr stabilen Bäumen wie Buchen ihre Horste bauen. Diese beiden hätten sich aber für eine Weide entschieden. „Deren Äste sind sehr biegsam und federn im Wind vor und zurück, was offenbar problematisch für den Adlerhorst ist.“

In der Projektgruppe wird nun überlegt, im kommenden Winter einen „Kunsthorst“, eine stabile Nestbau-Hilfe, anzubringen. „Noch ist nichts entschieden. Zunächst muss durch unsere Experten vor Ort festgestellt werden, ob sich der Standort eignet.“ Ob die Tiere die Nisthilfe dann annehmen ist ebenfalls offen. Weihrauch: „In einigen Revieren klappt das sehr gut, aber es ist schon vorgekommen, dass Seeadler dem Kunsthorst die kalte Schulter zeigen. In einem Fall haben sie direkt daneben einen neuen Horst gebaut.“

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