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Leben auf der Strasse : „Sechs Richtige“ für einen Obdachlosen in Itzehoe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mario Bruder lebte ein halbes Jahr lang auf der Straße – bis ihm der Zufall ein neues Zuhause bescherte.

Es ist erst ein paar Wochen her – da denkt Mario Bruder, dass es nicht mehr weiter geht. „Ja, ich habe daran gedacht, mich umzubringen.“ Es ist der Moment, in dem der 48-Jährige ganz unten angekommen ist. Ohne Job, ohne Perspektive lebt er auf der Straße. „Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen kann, aber dann ist es mir selbst passiert.“ Er schläft in Parkhäusern oder auf Bänken – mitten in Itzehoe.

Mario Bruders Geschichte ist die eines sozialen Abstiegs und eines kleinen Wunders, das ihn am Ende wieder Mut fassen lässt. Doch davon später.

Mario Bruder steht im Parkhaus an der Bergstraße. Klein, schlichter Pullover, ein wenig unsicherer Blick. Er sieht nicht aus, wie jemand, der seit Monaten auf der Straße lebt. Neben ihm liegt eine Pappe. „Auf der habe ich geschlafen nachdem ich meine Wohnung verloren hatte.“ Zu Anfang ist Mario Bruder noch optimistisch. „Ich dachte, das dauert nur ein paar Tage.“ Da weiß er noch nicht, dass es am Ende sechs Monate obdachlos sein wird.

Bruder kommt da gerade aus dem Gefängnis. Er hat eine zweimonatige Strafe abgesessen, weil er die Raten für eine Geldstrafe nicht mehr bezahlt hat. „Ich bin ohne gültige Fahrerlaubnis Lkw gefahren – das wurde teuer“, sagt Bruder, der lang als Berufskraftfahrer gearbeitet hat. Den Job ist er los, seine Frau hat sich von ihm getrennt, einen anderen Job im Garten- und Landschaftsbau verliert er, weil die Firma nicht mehr genügend Aufträge hat. Er will sich ein eigenes Gewerbe aufbauen – aber er braucht trotzdem Hartz IV. „Es war ein Fehler, dass ich die Strafe nicht mehr abbezahlt habe“, sagt er heute.

Als er zum ersten Mal in seinem Leben im Gefängnis sitzt, zahlt das Jobcenter keine Miete mehr, weil er dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht. Als Mario Bruder entlassen wird, passt der Schlüssel zu seiner Wohnung nicht mehr, der Vermieter hat alle seine Möbel entsorgt. „Ich hatte nur noch das, was ich bei mir hatte“, sagt Bruder. Er sucht eine neue Wohnung. „Aber immer wenn die Vermieter gehört haben, dass mein letzter Wohnsitz in der Justizvollzugsanstalt Kiel war, gingen alle Türen zu.“ In der Obdachlosenunterkunft der Stadt will er nicht schlafen. „Zu viele Leute, zu schlechte Stimmung. Das war fast menschenunwürdig.“ Seinen Kindern will Bruder nicht zur Last fallen. „Ich habe mich geschämt.“

Zu Anfang duscht er noch bei Freunden, später wäscht er sich in Toiletten von Supermärkten. „Für mich war klar: Ich bleibe auf der Straße.“ Zunächst besorgt er sich eine dünne Decke, später Isomatte und Schlafsack. Er isst in Imbissbuden, das Arbeitslosengeld holt er sich täglich vom Jobcenter. Tagsüber läuft er „sinnlos durch die Straßen. Und ja, ich habe auch viel getrunken.“ Das Leben auf der Straße drücke aufs Selbstbewusstsein. „Man kann ja nie richtig schlafen, weil immer was sein könnte.“ Manchmal sprechen ihn Leute an, wollen helfen. Einmal habe er sich volllaufen und in ein Krankenhaus einweisen lassen. „Damit hatte ich wenigstens mal ein paar Tage ein Dach über dem Kopf.“ Doch kurz darauf findet er sich erneut auf der Straße wieder – und denkt an Selbstmord. „Nur der Gedanke an meine Kinder hat mich davon abgehalten.“

Und dann kommt Bruder der Zufall zu Hilfe. Im Vereinsheim des Borussia Dortmund Fanclubs am Sandberg fragt er eines Abends nach einer Decke, weil ihm wieder einmal sein Schlafsack gestohlen worden ist. Er kommt mit dem Vereinsvorsitzenden Dennis Siemer ins Gespräch. „Ich konnte gar nicht glauben, dass es hier in Itzehoe Leute gibt, die auf der Straße leben“, sagt der 31-Jährige. Er sammelt ein paar Kleidungsstücke und wie es der Zufall will, hat sein Vermieter eine kleine Wohnung frei. „Er war erst skeptisch, aber dann hat er sie Mario gegeben“, sagt Siemer. Mario Bruder weiß gar nicht wie ihm geschieht. „Ich hätte nicht geglaubt, dass es noch solche netten Menschen gibt“, sagt er. „Das ist wie ein Sechser im Lotto für mich.“ Ein paar Möbel bekommt er geschenkt – das Schlafen in einem richtigen Bett sei noch ganz ungewohnt, sagt er.

Ins Parkhaus an der Bergstraße will er nur noch einmal zurück: Um die Pappe wegzuräumen.

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erstellt am 21.Okt.2015 | 04:30 Uhr

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