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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 06:19 Uhr

Häftlinge in Itzehoe : Schwitzen statt sitzen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Michael Hasenkrug hat seine Geldstrafen in Itzehoe abgearbeitet. So kann er verhindern, dass er ins Gefängnis kommt.

Was er tut? „Alles – wo auch immer ich gebraucht werde“, sagt Michael Hasenkrug. Der 37-Jährige greift bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in der Stiftstraße zum Besen, um Laub zu fegen. Er hilft im Sozialkaufhaus, Möbel zusammenzubauen. „Und er hilft allen, die nicht weiterwissen“, sagt Anke Jessen von der Awo über den Ein-Euro-Jobber, der allerdings einmal ganz anders angefangen hat. „Ich habe hier meine Geldstrafe abgearbeitet“, sagt Hasenkrug.

Er ist nur einer der vielen Fälle, die Anke Jessen betreut hat. Die Sozialpädagogin kümmert sich darum, Menschen, die eine Geldstrafe nicht bezahlen können, den Aufenthalt im Gefängnis zu ersparen. Wie viele das genau sind, darüber führt die Staatsanwaltschaft keine Statistik.

Seit 20 Jahren gibt es überhaupt erst die Möglichkeit eine Geldstrafe durch gemeinnützige Werke abzuarbeiten – wer etwa zu 20 Tagessätzen verurteilt worden ist, muss 20 Tage lang jeweils sechs Stunden arbeiten. „Vorher ging es für Leute, die nicht zahlen konnten, immer direkt ins Gefängnis“, sagt Anke Jessen. „Doch das wurde dem Staat irgendwann zu teuer.“ Rund 150 Euro pro Tag und Häftling sind das. Seitdem kümmern sich in Schleswig-Holstein die Staatsanwaltschaften um das Thema, seit 2004 ist Anke Jessen in den Kreisen Steinburg und Pinneberg aktiv. „Meist werden sind die Vergehen kleinere Diebstähle, Schwarzfahrten, leichte Körperverletzungen oder Beleidigungen – und oft sind Drogen jeglicher Art im Spiel“, sagt Jessen.

Oder wie es Michael Hasenkrug ausdrückt: „Ich habe eine Menge Scheiße gebaut.“ Immer wieder geriet er mit dem Gesetz in Konflikt, fünf oder sechs Mal habe er eine Geldstrafe schon abgearbeitet. „Das war mir lieber, so habe ich meine Freiheit behalten und konnte meine Kinder sehen“, sagt der gelernte Koch und Landschaftsgärtner. „Denn Knast ist scheiße.“

Oft genug habe er einen Teil seiner Strafe bezahlt, dann aber nicht mehr auf Post des Gerichtes reagiert, und sei deswegen in Not geraten. „Viele ignorieren das Problem oder wissen nicht, dass sie die Strafe auch abarbeiten können“, sagt Jessen. Dabei sei ein Antrag bei der Staatsanwaltschaft formlos möglich, sagt Oberstaatsanwalt Uwe Dreeßen. Man müsse nur belegen können, dass man die Strafe nicht zahlen könne. Anke Jessen vermittelt dann den Nicht-Häftlingen die gemeinnützigen Jobs. „Das sind meist Hausmeister-, Reinigungs- oder Küchenhilfstätigkeiten“, sagt die 65-Jährige.

Rund 300 verschiedene Einsatzstellen hat sie in den beiden Kreisen auf ihrer Liste. „Es gibt keine guten oder schlechten Stellen, es gibt nur passende oder unpassende“, meint Jessen – und sie versucht herauszufinden, was zu welchem Klienten passt. „Denn schließlich will ich ja auch nicht, dass die andauernd den Job wechseln müssen, sondern dass sie ihre Strafe loswerden.“

Allerdings sei eben ihre Klientel nicht immer leicht. Bis eine Strafe komplett abgearbeitet ist, vergehen meist mehrere Monate. Immerhin rund ein Viertel der Sünder schafft das, die meisten anderen schaffen es zwischendurch einen Teil der Strafe doch noch abzuzahlen. Dass sie die Maßnahme abbrechen müsse und jemand doch noch ins Gefängnis komme, sei sehr selten. „Es kommt allerdings vor, dass ich die Klienten immer mal wieder vor mir sitzen haben.“ Meist seien das Männer, warum, das weiß Jessen auch nicht so genau. „Es sind auch wenig Ausländer dabei.“ Und die Zahl derjenigen, die lieber schwitzen statt sitzen sei auch rückläufig. Das liege vielleicht an der guten wirtschaftlichen Entwicklung, meint Jessen. Allerdings glaubt sie auch, dass die Zahlen wieder ansteigen, wenn es mehr Menschen in prekären Lebensverhältnissen gibt.

Am meisten an ihrem Job freut Jessen, wenn sie es schafft, einen Klienten in einen festen Job zu bringen. Häufig gelinge das nicht, sagt die Sozialpädagogin, aber wenn: „Dann springe ich vor Freude über den Flur.“ Ob ihr Michael Hasenkrug dazu Anlass geben wird, ist noch offen. Seit er seine letzte Geldstrafe mit 600 Stunden abgearbeitet hat, sei er nicht wieder straffällig geworden, sagt er – und hofft auf einen festen Job. „Denn alles andere bringt auf Dauer nichts.“

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erstellt am 01.Dez.2015 | 18:24 Uhr

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