zur Navigation springen

Landwirtschaft : Schweine wohnen nicht in Bullerbü

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Moderates Aufeinandertreffen: Agrarminister Robert Habeck beim Steinburger Kreisbauerntag in Wilster.

Für Landwirtschaftsminister Robert Habeck wird die wirkliche Agrarwende bei einem Blick in das gestern noch bis in die letzte Ecke gefüllte Colosseum in Wilster deutlich. Er sagte voraus: „In 20 Jahren hat sich die Zahl der aktiven Bauern halbiert.“ Bei seinem mit Spannung erwarteten Auftritt auf dem Steinburger Kreisbauerntag richtete der Grünen-Minister den Blick vor allem in Richtung Verbraucher. Hier müsse eine verstärkte Aufklärung über den Wert landwirtschaftlicher Produkte stattfinden. „Sind Sie eigentlich glücklich, wenn sie für ein Kilogramm Schwein nur 1,38 Euro bekommen?“, so seine rhetorische Frage an die versammelten Landwirte. Von den Bauern aktuell kritisierte Verordnungen zum Thema Tierwohl ließen sich nach Habecks Rechnung locker finanzieren, wenn am Ende der Preis stimme. „Wir müssen der Gesellschaft dabei auch mehr Ehrlichkeit zumuten“, rief der Minister den Landwirten entgegen. Er versicherte aber auch: „Sie müssen wirtschaften können – auch in Zukunft.“ Und den Verbrauchern müsse eben sehr viel deutlicher gemacht werden, dass „Schweine nicht in Bullerbü wohnen“. Gleichzeitig brauche man aber auch „Angebote, dass man nicht immer mehr aus dem Boden und aus den Tieren herausholen muss“.

Steinburgs Bauernverband-Vorsitzender Peter Lüschow hatte zuvor von der Politik weniger Verbote und Verordnungen und dafür mehr Anreize gefordert. Die ökologische Landwirtschaft sei dabei auch für die konventionellen Betriebe auf Dauer kein Tabuthema. „Fördern Sie nicht die Produktion, sondern den Absatz. Dann stellen wir uns alleine um“, machte Lüschow in Richtung Politik klar, dass auch die Landwirte sich letztlich an dem orientierten, was der Markt fordert.

In einer langen Stichwortliste stellte Peter Lüschow aber auch heraus, wo den Bauern derzeit überall der Schuh drückt. Bei der Nutzung von Straßen und Wegen sei man ja kompromissbereit, wie die Aktion „Freiwillig 30km/h“ zeige. Dann aber müsse die Bürokratie auch zulassen, dass man Schilder als Erinnerungsposten aufstellen dürfe. An der vielfach beklagten Flächenknappheit, so Lüschow selbstkritisch, seien die Bauern zum Teil auch selbst schuld. Andererseits könne man in dieser Situation vorhandene Ausgleichsflächen auch aufwerten, statt immer nur neue auszuweisen. Und bei der Knickpflege werde er von seinem Lohnunternehmer inzwischen schon gefragt: „Normal oder Habeck-Schnitt?“

Beifall bekam Lüschow für seine Forderung nach einem Schwimmbagger in der Stör. „Damit das Wasser endlich mal wieder von den Ländereien abfließen kann.“ Fazit des Landwirts aus Huje: „Man muss in Schleswig-Holstein nicht immer alles mit Gewalt ändern. Auch Maisfelder können schön sein.“

Bleibt die Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft. Für Dr. Dr. Christian Henning, Professor an der Kieler Christian-Albrechts-Universität, ist das allseits beklagte Höfesterben „global und massiv“. Dabei komme der Wandel in der Landwirtschaft „wie eine Naturgewalt daher“. Von einer Agrarindustrie könne aber dennoch längst keine Rede sein. Als Beispiel führte er eine Produktionsstätte in Russland mit einer Fläche von 120  000 Hektar an. „Da haben wir noch viel Luft nach oben.“ Für den Wissenschaftler ist Strukturwandel auch nicht per se schlecht, sondern volkswirtschaftlich sogar logisch und notwendig. Und nur weil die Landwirtschaft gehe, werde der ländliche Raum auch nicht gleich sterben. „Die Wüste Gobi ist auch leer“, sieht er die Menschen frei in ihren Entscheidungen. Derzeit gebe es auch keinen Run auf die Städte, sondern eine zunehmende Belebung der Speckgürtel, die eine Mischung aus ländlichen und städtischen Gebieten darstellten. „Die Menschen fühlen sich dort wohl. Warum also sollte man sie mit Geld oder Zwang davon abhalten.“

Auch Henning kam in seinen Ausführungen schließlich beim Verbraucher an. Das Problem bei deren Verhalten: Für das Tierwohl seien alle ebenso wie für einen Opernbesuch. „Wenn Sie dann reich sind, kann das Essen auch noch gestreichelt auf den Teller kommen. Arme Schlucker aber wollen einfach nur ein Kotelett.“ Die Empfehlung des Professors: Alle Akteure sollten mit den Themen Nachhaltigkeit und Strukturwandel offensiv umgehen.

Die abschließende Diskussion verlief in meist gemäßigten Bahnen. Nur ganz am Ende wurde es noch einmal hitzig, als Wilstermarsch-Bezirkschef Nico Hellerich dem Minister Begriffe wie Enteignung und Bevormundung an den Kopf warf und sogar von einer drohenden Rückkehr zur Planwirtschaft der DDR-Gründungsväter sprach.

Habeck nahm das recht gelassen und sprach von einem insgesamt „guten und klugen Tag“. Vermutlich hat er das dem Umstand zu verdanken, dass er Agrarminister in Schleswig-Holstein ist. Professor Henning hatte zuvor auf Veranstaltungen in Bayern hingewiesen, bei denen man gesteinigt würde, wenn man nicht versichere: alles Geld gehe nach Bayern. „Das ist zwar nicht strafbar, aber unprofessionell“, lobte er die Bauern im Norden.

Unbeantwortet blieb allerdings die Frage eines Zuhörers, warum die Grünen in Sachen Tierwohl sich nicht auch mal um Fische, die in Aquarien und Hunde, die in Handtaschen gehalten werden, kümmerten.

zur Startseite

von
erstellt am 13.Feb.2015 | 05:18 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen