Schuldner: Mehr als 100 Hilferufe am Tag

Das Team der Awo-Schuldnerberatung stößt wegen steigender Fallzahlen an seine Grenzen.
Das Team der Awo-Schuldnerberatung stößt wegen steigender Fallzahlen an seine Grenzen.

Zahl der Hilfesuchenden bei der Awo-Schuldnerberatung nimmt immer mehr zu / Bereitschaft der Gläubiger zum Vergleich wird größer

shz.de von
23. Juni 2014, 13:35 Uhr

Mehr als 100 Anrufe pro Tag, freie Termine erst wieder im Herbst, eine steigende Zahl von Klienten mit psychischen Problemen: Die Schuldnerberatung der Awo im Kreis Pinneberg hat alle Hände voll zu tun – und stößt damit personell zunehmend an ihre Grenzen. Jetzt präsentierte die Einrichtung ihre Bilanz für 2013.

Die Experten der Awo-Schuldnerberatung stoßen an Kapazitätsgrenzen, weil immer mehr Menschen im Kreis Pinneberg geliehenes Geld nicht zurückzahlen können. Das berichteten Mitarbeiter der Einrichtung. Damit setzt sich ein lang anhaltender Trend fort. Mehr als 5100 Menschen hatten 2013 nach Angaben der Awo um Hilfe der Berater gebeten. Im Vorjahr waren es etwa 5000. Im Jahr 2008 waren es 3300 Fälle. Die Mitarbeiter im Kreis seien geradezu überrannt worden.

Michael Danker, Leiter der Schuldnerberatung, weiß nicht, wie seine Mitarbeiter das künftig noch vernünftig bewältigen sollen. Mit rechnerisch 4,6 Beratungs- und 1,8 Verwaltungsstellen müsste ein Landkreis mit mehr als 300 000 Bewohnern abgedeckt werden. Die Wartezeit auf einen Termin betrage inzwischen durchschnittlich etwa drei bis sechs Wochen.

Mit konkreten Forderungen nach mehr Geld, etwa vom Kreis, hält sich Danker zurück. „Wir sind schon froh, wenn vor dem Hintergrund der Haushaltslage das Niveau konstant gehalten werden kann.“

Zu den Gründen sagte Danker: „Verschuldung ist teilweise gewollt. Jedes zweite Privatauto ist fremdfinanziert.“ Konsumentenkredite machen demnach einen Großteil der Verschuldung aus. Die Fälle würden außerdem komplizierter. Krankheiten, Sucht und Probleme in Job und Familie stellten hohe Anforderungen an die Berater. Jeder Fünfte komme inzwischen mit einem Betreuer. Vor allem die Zahl der Alleinerziehenden um die 30 Jahre und die Zahl der Senioren unter den Ratsuchenden nehme zu. „Besonders bei Männern dauert es lange, bis sie sich Hilfe holen“, sagte Beraterin Mechthild Kuiter-Pletzer. Dispokredite auf dem Konto etwa würden oft nicht als Schulden gesehen.

Aus den etwa 5100 Erstberatungen münden etwa 1100 in konkrete Schuldnerberatungen, davon 431 in ein förmliches Insolvenzverfahren.

Bevor dieses Verfahren vor Gericht auf Grundlage der Insolvenzordnung beginnt, versuchen die Berater eine außergerichtliche Lösung zu finden – indem sie etwa Gläubigern eine Teilbegleichung der Schulden vorschlagen, wenn sie auf den anderen Teil der Forderungen verzichten. Es sei nach wie vor schwer, etwa Energieunternehmen, Banken oder Handelshäuser zu überzeugen, wie die Berater sagen.

Doch die Bereitschaft wachse. „Inzwischen merken die Gläubiger, dass sie im Zweifelsfall gar nichts bekommen“, sagte Danker. Ein sehr positives Beispiel seien dagegen die Stadtwerke in Elmshorn. Das Unternehmen sei oft um einen Kompromiss bemüht. Die Statistik scheint die Einschätzung zu stützen: Trotz steigender Zahl von Beratungen blieb die Zahl der gescheiterten außergerichtlichen Einigungsversuche (2013: 239, 2008: 227) und der tatsächlichen Insolvenzverfahren (2013: 197, 2008: 191) fast konstant.

Viele Betroffene haben Probleme mit dem Einkommen. Zirka 13 Prozent würden vom Jobcenter vermittelt. Etwa die Hälfte beziehe Geld nach Hartz IV, ein Drittel Arbeitseinkommen und fast acht Prozent sind Rentner. 39 Prozent sind allein stehende Männer ohne Kinder, etwa 22 Prozent allein stehende Frauen ohne Kinder.

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