Bildung : Schüler werden zu Lehrern

Die neuen Lehrer Lara Evers und Raphael Reimers unterrichten Adnan Murad, Mustafa Ektyar, Safkan Mustafa und Warshan Murat (v. li.).
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Die neuen Lehrer Lara Evers und Raphael Reimers unterrichten Adnan Murad, Mustafa Ektyar, Safkan Mustafa und Warshan Murat (v. li.).

Jugendliche von der Auguste-Viktoria-Schule bringen jungen Flüchtlingen die deutsche Sprache bei

Kay Müller von
10. Januar 2015, 07:00 Uhr

Die ersten Schritte machen sie noch etwas schüchtern. Die vier Flüchtlinge aus dem Iran und Syrien, die gestern in die Auguste-Viktoria-Schule (AVS) kommen, wissen nicht so recht, was sie erwartet, als in einem Klassenraum Lara Evers und Raphael Reimers vor ihnen stehen. Da wissen die vier noch nicht, dass dies ihre neuen Lehrer sind. „Wir hoffen, dass wir Euch ein bisschen Deutsch beibringen können“, sagt Raphael Reimers und nickt den Flüchtlingen aufmerksam zu.

Die meisten von ihnen sind erst seit wenigen Wochen in Itzehoe, sie sprechen weder Deutsch noch Englisch. Doch Safkan Mustafa hat in den eineinhalb Jahren, die er jetzt in Itzehoe lebt, so gut Deutsch gelernt, dass er sich in der Sprache locker verständigen kann. Dennoch will der Syrer weiterlernen. „Ich möchte irgendwann eine Naturwissenschaft studieren“, sagt er. „Aber meine Sprache ist noch nicht gut genug. Ich möchte von Deutschen lernen, denn wenn ich mit anderen Syrern spreche, lerne ich nur die Fehler, die die machen.“

Damit er sein Ziel erreichen kann, wollen ihm die AVS-Schüler helfen. „Wir sind auch nicht die Besten im Deutschunterricht, aber wir reden beide gern und spontan“, sagt Lara Evers. Die 18-Jährige hat sich nicht besonders auf ihren neuen Job vorbereitet. „Wir haben ein Buch, das auch Grundschüler verwenden“, sagt sie den Flüchtlingen. Das will sie mit ihnen durcharbeiten, damit sich die jungen Männer besser in ihrer neuen Umgebung zurechtfinden können. „Wir wollen uns zweimal in der Woche treffen und Unterricht machen, dazu möglichst noch einmal in der Woche gemeinsam etwas in der Stadt erledigen – wie etwa zur Post oder einkaufen gehen“, sagt Raphael Reimers. Angst, dass er die Aufgabe nicht leisten kann, hat er nicht: „Das kriegen wir schon hin.“ Und Lara Evers sagt: „Ich finde das spannend andere Kulturen kennen zu lernen.“

Auf die Idee des Unterrichts durch Schüler sind mehrere Lehrer und der Vorstand des Fördervereins der AVS gekommen. „Unsere Schule hat das Siegel ,Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘, und im Rahmen dieses Projektes war es nur konsequent, auch dieses Angebot zu machen“, sagt Deutschlehrerin Frauke Looft, die die Jugendlichen unterstützt. „Sprache ist der Schlüssel zur Integration, und wir können das hier vermitteln.“ Ein Vorteil sei, dass die Schüler und die neuen Lehrer altersmäßig auf Augenhöhe seien. „Das erleichtert das Lernen.“ Natürlich ersetze das Angebot der AVS keinen regulären Sprachkursus, aber es sei eine gute Ergänzung, so Looft.

Dafür hat der Förderverein Geld in die Hand genommen. „Die Schüler bekommen den Mindestlohn“, sagt Looft. „Aber die haben sich auch schon bereit erklärt, hier mitzumachen, bevor wir überhaupt über Geld gesprochen haben.“ Und: „Das Angebot kann bei Interesse noch ausgeweitet werden.“

Die zwei Iraker und die zwei Syrer, die nun schon entspannter vor den Schülern sitzen, wollen lernen. Auch an anderen Schulangeboten wollen die Flüchtlinge teilnehmen, selbst wenn dort vor allem jüngere Schüler sind. Beim Sport oder anderen Aktivitäten falle die Integration am leichtesten, sagt Safkan Mustafa: „Das ist alles besser, als die Zeit totzuschlagen.“ Die ersten Schritte sind gemacht.

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