Präventionsunterricht : Schüler auf den Spuren der Sucht

In einer Gespächsrunde diskutierten die Jugendlichen über das Thema Koma-Saufen, dabei gefilmt von einem NDR-Team.
1 von 2
In einer Gespächsrunde diskutierten die Jugendlichen über das Thema Koma-Saufen, dabei gefilmt von einem NDR-Team.

Neuntklässler des Sophie-Scholl-Gymnasiums Itzehoe setzen sich mit dem Thema Koma-Saufen auseinander und besuchen den Eulenhof in Wewelsfleth.

23-524760_23-93310626_1510758813.JPG von
01. Juli 2014, 05:00 Uhr

Seit zwei Jahren lebt Jürgen (61) im Eulenhof. „Eigentlich komme ich aus Hessen, bin in Hamburg gestrandet“, erzählt er. Seit seinem 20. Lebensjahr ist er Alkoholiker, hat vier Entziehungskuren hinter sich, war 13 Jahr in Haft – „in Abständen“. Sein letzter Rückfall war vor drei Monaten, seit ein paar Wochen ist er wieder „trocken“. „Ich will nicht ewig hierbleiben“, sagt er.

Seine Geschichte erzählte der 61-Jährige gestern Neuntklässlern des Sophie-Scholl-Gymnasiums Itzehoe. Seit mehreren Jahren kooperiert das Gymnasium mit dem Eulenhof, Rehabilitationseinrichtung für suchtkranke Menschen, speziell für Alkoholiker. „Der Besuch ist in unser Präventionskonzept eingebunden“, erklärte Christian Kollinger, Klassenlehrer der 9e. Die Schüler auf die Gefahren des Alkoholmissbrauchs hinzuweisen, setzt die Schule bereits ab Klasse 5 mit entsprechenden Projekten um. Im Rahmen der „Vorhabenwoche“ sind in dieser Woche alle Neuntklässler auf dem Eulenhof, die 9e startete gestern mit dem Besuch, der es möglich mache, dass den Schülern Sucht und ihre Folgen durch Erlebnisberichte Betroffener deutlich gemacht werde. „Durch den Kontakt erleben sie, was es heißt, süchtig zu sein.“ Christian Kollinger bewertet die Zusammenarbeit als „WinWin-Situation“ für Schule, Schüler, Betroffene und Einrichtung: „Für uns ist es eine ganz große Bereicherung, für die Bewohner auch ein Teil der Reha.“

Im Mittelpunkt steht in dieser Woche das Thema Koma-Saufen. Ein entsprechender Film „Koma-Saufen statt Hausarbeiten“ zum Auftakt des Besuchs machte die Alkohol-Problematik, verstärkt durch Gruppenzwang und Angst vor Ausgrenzung, deutlich. Einstiegsdrogen sind verführerische Alkopop-Getränke, bevorzugt von Mädchen und Frauen konsumiert. Im Anschluss führten Mitarbeiter und Bewohner des Eulenhofs die 19 Schüler in Gruppen durch das Gebäude und in die Werkstätten, gestern auch begleitet von einem NDR-Fernsehteam, das Aufnahmen für das Schleswig–Holstein-Magazin auf N3 machte. Sendetermin ist wahrscheinlich kommenden Donnerstag.

Die Leitung einer dieser Gruppen hatte der bisherige Einrichtungsleiter Gerd Gedig übernommen. Zurzeit leben 30 Bewohner im stationären Bereich. Hinzu kommt der teilstationäre Arbeitsbereich in der alten Meierei und die Fahrradreparaturwerkstatt im Dorf sowie der ambulante Bereich. Der Eulenhof ist ab heute übrigens unter neuer Leitung der GSHN (Gesellschaft für Soziale Hilfen in Norddeutschland). Wichtig bei dem Besuch der Schüler, so unterstrich Gedig, sei die Kommunikation. In einer abschließenden Gesprächsrunde ging es darum, mit den Schülern zu diskutieren, über das Alkoholkonsumverhalten in der Gesellschaft nachzudenken und auch im eigenen sozialen Umfeld zu reflektieren – der Probeschluck bei besonderen Feiern wie Konfirmation, Silvester oder Public Viewings, das Trinkverhalten in der Gruppe. Eine Anmerkung aus der Schülergruppe: „Man sieht im Fernsehen eigentlich nie einen Fan ohne Flasche.“ Gerd Gedig war begeistert von der offenen Gesprächsrunde und beeindruckt, dass einige der Jugendlichen darauf hinwiesen, schon aufgrund des Jugendschutzgesetzes keinen Alkohol zu konsumieren. „Es ist schön zu hören, dass das respektiert wird.“ Und doch kannte der eine oder die andere auch ältere Jugendliche, die sich regelmäßig treffen, um zu feiern. Oft eher im privaten Bereich als in der Disco oder Kneipe, um Geld zu sparen. Gerd Gedig zitierte das so genannte „Vorglühen“ vor dem Discobesuch, für zwischendurch würde im Umkreis von höchstens einem halben Kilometer den Rucksack mit alkoholischen Getränken versteckt. Eine der Bewohner griff noch einmal die Getränkekosten auf: Oft ist Alkohol billiger als alkoholfreie Getränke. „Da könnte man sich für fünf Euro super mit Bier und Schnaps besaufen.“

Was sie gestern gesehen, gehört und diskutiert haben, werden die Jugendlichen in der Klasse besprechen und aufarbeiten. Außerdem wurden sie vor dem Besuch mit Einwegkameras ausgestattet, spendiert von Peter Rehfeld, Ringfoto Krempe. Die Schüler sollten Eindrücke fotografisch festhalten, die Bilder sollen ausgestellt werden – später eventuell zu einem Buch zusammengefasst.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen