Interview : „Schriftstellerei ist schlicht Arbeit“

„Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal“: Im März kommt der neue historische Kriminalroman aus der Feder der Wewelsfletherin Anja Marschall auf den Markt.
1 von 2
„Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal“: Im März kommt der neue historische Kriminalroman aus der Feder der Wewelsfletherin Anja Marschall auf den Markt.

Ihr neuester Krimi ist fertig, Tatort ist der Nord-Ostsee-Kanal – im Interview erzählt Anja Marschall über das Leben als Autorin und ihren neuen historischen Kriminalroman.

shz.de von
09. Januar 2018, 05:01 Uhr

Sie hat sich auf regionale Kriminalromane spezialisiert und auf einen Tatort am Nord-Ostsee-Kanal. Im März bringt Anja Marschall ihr neuestes Abenteuer um Kriminalinspektor Hauke Sötje auf den Markt. Wir sprachen mit der Wewelsfletherin über den Reiz historischer Schauplätze und über das Leben als Autorin.

Frau Marschall, die Hauptrolle in Ihrem neuen Krimi spielt natürlich wieder Kriminalinspektor Hauke Sötje. Wie sind Sie eigentlich auf diese Figur und die Schauplätze in der Region gekommen?

Das begann eigentlich 2005. Damals gab es eine heftige Diskussion um die Qualität historischer Krimis. Ich habe mich auch darüber geärgert, wie schlecht die oft recherchiert waren. Als Handlungspunkt wollte ich auch immer einen lokalen Bezug, etwas in der Nähe. Deshalb spielt in meinem ersten Krimi auch die Heringsfischerei in Glückstadt eine große Rolle.

Gibt es bei den Akteuren in Ihren Krimis Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen?

Sehr viele sogar. Bei den Nebenpersonen sind es sehr oft reale historische Persönlichkeiten. Da gibt es eine schöne Anekdote. Von Personen aus der Dynastie der Augustins wurde ich angesprochen, dass der im Buch erwähnte Augustin in Wirklichkeit gar nicht so dick gewesen sei. Da habe ich gemerkt: Den gab es tatsächlich. Nur die Fieslinge sind nicht real. Ich will mich ja nicht mit den Erben anlegen.

Ihre Romane spielen in der Zeit vor gut 100 Jahren. Warum nicht im Mittelalter oder im Dritten Reich?

Mittelalter gab es bei uns hier praktisch ja gar nicht. Vor allem aber weist die Kaiserzeit sehr viele Parallelen zu heute auf. Damals sind die alte und die neue Welt brutal aufeinandergestoßen. Es war die Zeit vieler großer Erfindungen. Und wer sich den Neuerungen widersetzte, hatte schon verloren. Genau wie heute, da herrscht bei vielen Menschen die gleiche Unsicherheit. Auch gesellschaftlich war es die Zeit der großen Umbrüche. Man denke nur an die Einführung der Krankenversicherung. Oder das Frauenwahlrecht. Und: Plötzlich hatten auch die Arbeiter etwas zu sagen. Damals wie heute wurde sehr vieles komplett umgekrempelt.

In Ihren Büchern befassen Sie sich sehr intensiv mit den historischen Schauplätzen. Ist die Forschungsarbeit dafür nicht sehr aufwendig?

Zum Glück hatte ich immer gute Historiker und Archivare an meiner Seite. Für mein neues Buch habe ich zum Beispiel eine historische Stadtführung durch Kiel machen können. Dabei wurden mir auch alte Villen gezeigt. Eine davon ist jetzt Schauplatz in meinem neuen Buch. Als Berater hatte ich auch einen Kanalführer zur Verfügung, der mich mit den dortigen Besonderheiten vertraut machte.

Was fasziniert Sie so am Nord-Ostsee-Kanal?

Mein Verlag fordert dieses Thema. Es verkauft sich unwahrscheinlich gut. Da haben die sich wohl gesagt: Never change a winning team. Ich würde meinen Hauke Sötje gerne in ganz Schleswig-Holstein ermitteln lassen. Zum Beispiel irgendwo am Elbdeich.

Sie sind inzwischen hauptberuflich Autorin. Wie darf man sich da Ihren Arbeitsalltag vorstellen?

Von morgens um 7 bis gegen 12 oder 1 Uhr sitze ich am Schreibtisch. Anschließend gibt es viel Korrespondenz, Verlagsgespräche – und eben Interviews. Ich bin eine sehr fleißige Schreiberin. Man kann sich das allerdings nicht so vorstellen, dass man von der Muse geküsst wird und dann fliegt einem der Nobelpreis zu. Schriftstellerei ist schlicht Arbeit.

Und wie kommt man auf eine neue Buch-Idee?

Das ist die schönste Zeit. Das ist dann, als wäre man verliebt. Es fühlt sich einfach genial, grandios an. Manchmal träume ich auch von Geschichten. Dann wache ich auf und schreibe mir das gleich auf. Oder beim Abwasch ist mir plötzlich klar: Jetzt weiß ich, wer der Mörder ist.

Die technischen Möglichkeiten bis hin zum Selbstpublishing führen heute ja dazu, dass sich immer mehr Menschen zum Schreiben bemüßigt oder berufen fühlen. Können Sie denen eine Empfehlung geben?

Da gibt es inzwischen viel Literatur mit praktischen Hinweisen. Ich kann nur sagen: Eine Geschichte muss so gut sein, dass man sich ein Jahr lang damit beschäftigen will. Dann hat sie vielleicht das Potenzial zur Veröffentlichung. Die meisten Projekte sterben aber nach 20 oder 30 Seiten. Und man muss eines wissen: Schreiben besteht zu zehn Prozent aus Talent, aber zu 90 Prozent aus Handwerk.

Sie sind auch bei den „mörderischen Schwestern“ aktiv, einer Vereinigung von Krimiautorinnen. Aktuell sogar als Vize-Präsidentin. Welche Rolle spielt diese Gruppe bei Ihrer Arbeit?

Eine sehr große Rolle. Den Posten will ich allerdings aufgeben, weil ich als Autorin noch aktiver sein möchte. Wir wollen, dass von Frauen geschriebene Krimis mehr Bedeutung bekommen. Die Mehrzahl der Krimis wird ja von Frauen geschrieben. Dominiert wird das Genre allerdings nach wie vor von Männern.

Im März wird Ihr drittes Buch um Hauke Sötje auf den Markt kommen. Verraten Sie schon, worum es dann im vierten Band dieser Reihe gehen wird?

Im Kopf habe ich da schon etwas. Mein Verlag hängt aber sehr an dem Thema Nord-Ostsee-Kanal. Je mehr Leute nun mein neues Buch kaufen, um so größer ist dann aber die Chance, dass ich hier mal einen anderen Tatort durchsetzen kann.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen