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Norddeutsche Rundschau

20. August 2017 | 12:29 Uhr

Hilfsprojekt : Schon mehr als 50 Sprachpaten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Rüdiger Schumacher startete vor zwei Jahren das Projekt – nun bringen Ehrenamtliche mehr als 100 Flüchtlingen Deutsch bei.

Khaled Abdul Hamid kommt einmal in der Woche ins katholische Familienzentrum St. Ansgar am Coriansberg. Sein Deutsch will er verbessern – das Deutsch, das ihm Sprachpate Rüdiger Schumacher in den vergangenen sechs Monaten beigebracht hat. „Sprechen fällt mir noch schwer, aber es geht immer besser“, sagt der 50-Jährige, der aus Aleppo in Syrien stammt und seit fast einem Jahr in Itzehoe lebt. „Dass ich das kann, das verdanke ich Rüdiger.“

Kaum ein ehrenamtliches Projekt in Itzehoe hat im vergangenen Jahr so expandiert wie das der Sprachpaten, die beim Familienzentrum St. Ansgar angesiedelt sind. Mit dem Projekt ist untrennbar der Name von Rüdiger Schumacher verbunden. Im Oktober 2013 hat er begonnen. „Damals war ich der einzige Sprachpate, jetzt sind wir über 50“, sagt der 61-Jährige. Und er sucht weiter ehrenamtliche Helfer, die Flüchtlingen den Start in Itzehoe erleichtern und ihnen erste Sprachkenntnisse beibringen. „Wir machen das oft aus dem Bauch heraus, bei uns braucht keiner Vorkenntnisse.“ Mancher Pate nimmt eines von den Büchern, die Schumacher aus Spendengeldern angeschafft hat, und versucht, den Flüchtlingen gleich die richtige Grammatik beizubringen. „Andere stellen einen Hammer auf den Tisch und sagen: ,Das ist mein Hammer. Und wenn ich ihn dir gebe, ist es dein Hammer.‘ Es geht ja darum, dass die Menschen einander verstehen. Und hier müssen sie reden – auf Deutsch.“

Die Unterschiede bei den Flüchtlingen seien groß, vom Akademiker bis zum Analphabeten. Die Flüchtlinge werden meist 1:1 betreut – ein Pate, ein Flüchtling. Das sei ein Vorteil gegenüber offiziellen Sprachkursen, meint Schumacher, der sein Projekt aber gar nicht damit vergleichen will. „Ich bin kein Pauker.“

Schumacher kümmert sich darum, dass Flüchtlinge Paten vermittelt bekommen, die zu ihnen passen. Meist sind es ältere Sprachpaten, aber er hat auch einen 19-Jährigen dabei, der ein gleichaltriges Flüchtlingsmädchen unterrichtet. Auch mehrere junge Mütter arbeiten als Sprachpaten – und bringen ihre Babys mit zum Unterricht. Die Nachfrage unter den Flüchtlingen steige weiter, eine Warteliste kann Schumacher gar nicht mehr führen.

Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge nach Itzehoe und nicht wenige landen bei den Sprachpaten. „Eigentlich machen wir hier das, was der Staat leisten müsste“, meint Schumacher. Denn Sprachkurse gebe es immer noch viel zu wenige, Flüchtlinge, die neu in Deutschland sind, müssten sie selbst bezahlen. „Und das können die nicht.“ Da sind die Sprachpaten oft die einzigen, bei denen die Flüchtlinge überhaupt etwas Deutsch lernen können. „Noch können wir das schaffen, aber wenn immer mehr Flüchtlinge kommen, kann man so ein Projekt irgendwann nicht mehr ehrenamtlich wuppen“, sagt Schumacher. Was dann werden soll? Schumacher zuckt mit den Schultern.

Sein Engagement ist schon jetzt größer, als er je gedacht hätte, 16 Sprachschüler betreut allein er im Moment. „Aus einem kleinen Rentnerjob ist schnell viel mehr geworden“, sagt der pensionierte Informatiker. Aber er sei immer noch gern Sprachpate. Schließlich lerne er auch etwas, sagt er grinsend: „Ich weiß jetzt endlich wieder, was ein Personalpronomen ist.“

Auch in anderen Momenten spürt er, dass es sich lohnt, jede Woche rund 30 Stunden ehrenamtlich im Familienzentrum zu arbeiten. Momente wie der, den ihm Khaled Abdul Hamid und seine Familie beschert haben. Ein Jahr lang war der Syrer mit seiner ältesten Tochter allein in Itzehoe, kämpfte um die Anerkennung und darum, seine Frau Lania und seine beiden anderen minderjährigen Kinder nachholen zu können. „Vor einem Monat durfte ich dabei sein, als sie sich wiedergesehen haben“, sagt Schumacher – ein emotionaler Augenblick.

Im vom Bürgerkrieg zerstörten Aleppo hat die Familie alles verloren, ihr Haus ist zerstört. „Meine Heimat ist gestorben“, sagt Khaled Abdul Hamid, der dort im Finanzamt gearbeitet hat. Jetzt wollen sie es in Itzehoe schaffen. Der
15-jährige Sohn Mohamed Joud Abdul Hamid will irgendwann studieren, seine Mutter wieder als Lehrerin arbeiten. „Arabischlehrerinnen werden hier bald noch mehr gebraucht werden“, sagt ihr Sprachpate. Es ist – na klar – Rüdiger Schumacher.

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erstellt am 01.Sep.2015 | 12:00 Uhr

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