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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2017 | 05:33 Uhr

Schönheitskur für Erna Becker

vom

Seit dem Untergang vor Brunsbüttel steht der Hamen-Kutter im Natureum Niederelbe

shz.de von
erstellt am 25.Sep.2012 | 07:02 Uhr

Brunsbüttel / Balje | Das tragische Unglück ereignete sich in der Nacht zum 26. September 1992: Kurz vor Mitternacht rammt der elbabwärts fahrende Frachter "Einstein" (Antigua) den zwischen Kernkraftwerk Brunsbüttel und Elbehafen auf Reede liegenden Kutter "Erna Becker HF 348". Das Fischer-Boot sinkt in Sekundenschnelle. Eigner Hans-Heinrich Becker aus Finkenwerder wird im Schlaf überrascht und kommt ums Leben. Der hölzerne Hamen-Kutter, der 100 Jahre zuvor auf der Sietas-Werft in Cranz-Neuenfelde (Altes Land) unter dem Namen "Anna Helene LL 70" als Segler mit Spiegelheck vom Stapel gelaufen ist, wird wenige Tage später geborgen - und ist seit November 1992 im Natureum Niederelbe in Balje (Landkreis Stade) ausgestellt.

Wind und Wetter haben dem historischen Schiffswrack in den vergangenen Jahrzehnten stark zugesetzt. Rechtzeitig zur Fertigstellung des Hamen-Kutters vor 120 Jahren, der ein Stück weit die Fischereigeschichte auf der Unterelbe widerspiegelt, hat in diesem Jahr die Restaurierung begonnen. In mühseliger Handarbeit befreien ehrenamtliche Helfer seit April unter anderem den Rumpf des Schiffes von abblätternden Farbschichten. Fachkundig angeleitet werden die sieben Aktiven, zu denen Inge und Jürgen Evers aus der Wingst gehören, von Bootsbauer Rainer Hatecke aus Freiburg/Elbe.

Im Juni hat die Jugendbauhütte (JBH) Stade ein Bildungsseminar im Natureum durchgeführt. Die 22 Jugendlichen, die ein Freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege absolvieren, stellten sich in den Dienst der guten Sache. Deck säubern und streichen, Motorraum und Bünn reinigen - auch für die "Drecksarbeit" seien sich die Mädchen und Jungen um JBH-Leiterin Eva Pfennig nicht zu schade gewesen, betont Dr. Clivia Häse vom Natureum Niederelbe, die sich über die Unterstützung freut. "Während des einwöchigen Einsatzes haben die Jugendlichen den kompletten Innenraum, der in einem wirklich gruseligen Zustand war, wieder begehbar gemacht." Dadurch habe der Hamen-Kutter, der nach der Restaurierung für Besichtigungen frei gegeben werden soll, extrem gewonnen.

"Wir wollen den alten Charakter des Kutters bewahren", erklärt Thomas Bock vom Natureum Niederelbe. Rund 8000 Euro sind für die Restaurierung des Kutters veranschlagt. Bis zum Frühjahr 2013 soll um das Schiffswrack, das seit 2010 von einem Dachunterstand geschützt wird, eine Ausstellung zur Fischereigeschichte auf Oste und Elbe aufgebaut werden. "Wir werden versuchen, die eine Seite des Fischkutters wieder mit einem funktionstüchtigen Hamen auszustatten", sagt der Museumsmitarbeiter. "Vielleicht können wir auch die alte Kajüte wieder herstellen."

Der in Balje ausgestellte Hamen-Kutter, dessen Rumpf noch deutlich die Spuren der Schiffskollision zeigt, hat eine bewegte Vergangenheit. Im September 1892 übernahm Heinrich Hülsen das Schiff auf der Sietas-Werft und taufte es nach seinen Töchtern auf den Namen "Anna Helene". Sein Sohn Heinrich Hülsen jun. benannte den mittlerweile motorisierten Kutter 1933 nach seiner Frau "Elisabeth". Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt das Schiff einen dritten Motor. Nach einem Bombentreffer im Achterheck wurde 1945 ein modernes Spiegelheck eingebaut. 1955 verkaufte Fischer Hülsen den Kutter an Anita Albers aus Cuxhaven, drei Jahre später erwarb Hans Becker aus Altenwerder das Schiff - und taufte es nach seiner Frau auf den Namen "Erna Becker". Sieben Jahre nach seinem Tod übernahm sein Sohn Hans-Heinrich Becker 1976 das Boot und führte damit die Familientradition fort.

Die Hamenfischerei, die durch das Ausstellen der rechteckigen Netz taschen beidseits des Schiffes als eine der umweltfreundlichsten Fangarten gilt, war vor Jahrzehnten auf der Niederelbe weit verbreitet. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts lagen mehrere hundert Fischerboote im Strom, um Aal, Stint oder Lachs zu fangen. Heute sind nach Auskunft von Thomas Bock nur noch vier Elbfischer auf diese Weise aktiv. Daran will das Natureum erinnern.

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