Kreis Steinburg : Schnupperkurs fürs echte Leben

Schätzt die Abwechslung: 'Bufdi' Anne Bauer (19) ist bei der 'Brücke SH' in Itzehoe nicht nur für die Wäsche zuständig, sondern arbeitet auch in der Designwerkstatt mit und kümmert sich um das Lager in der Kantine.  Foto: brandao
Schätzt die Abwechslung: "Bufdi" Anne Bauer (19) ist bei der "Brücke SH" in Itzehoe nicht nur für die Wäsche zuständig, sondern arbeitet auch in der Designwerkstatt mit und kümmert sich um das Lager in der Kantine. Foto: brandao

Bundesfreiwilligendienst bietet Menschen aller Altersstufen die Chance, sich sozial zu engagieren / 33 "Bufdis" im Kreis Steinburg im Einsatz

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20. April 2013, 08:47 Uhr

Kreis Steinburg | Sie bereitete Altenheimen, Kindergärten und Sportvereinen schlaflose Nächte - die Aussetzung der Wehrpflicht und damit auch des Zivildienstes im Juli 2011 sorgte bundesweit für Unruhe. Rund 90 000 Zivi-Stellen mussten ersetzt werden. Die Lösung: Der Bundesfreiwilligendienst. Er ergänzt die bisherigen Freiwilligendienste FSJ und FÖJ und dauert zwischen sechs und 24 Monate. Mitmachen können - im Gegensatz zum früheren Zivildienst - Menschen jeden Alters.

Rund 38 000 Bundesfreiwillige (kurz "Bufdis") sind zurzeit in ganz Deutschland im Einsatz, davon 33 im Kreis Steinburg. Eine von ihnen ist Anne Bauer. Die 19-Jährige ist seit einem halben Jahr bei der Brücke SH in Itzehoe, einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Neben der Betreuung von Patienten übernimmt sie auch den Fahrdienst, sortiert Lebensmittel im Lager der Kantine oder holt Kleidersäcke für die Wäscherei aus einem nahegelegenen Altenheim. "ich arbeite nicht nur am Menschen, sondern mache einfach alles, was so anfällt. Es ist sehr abwechslungsreich."

Davon konnten sich vor kurzem auch die Grünen-Politikerinnen Eka von Kalben und Dr. Marret Bohn überzeugen. Auf ihrer Frühlingsreise, die dieses Jahr unter dem Motto Freiwilligendienste stand, besuchten die Fraktionsvorsitzende und die Parlamentarische Geschäftsführerin mehrere Bufdis an ihrem Arbeitsplatz und machten dabei zuerst in Itzehoe halt. Zum einen informierten sich die Politikerinnen über die Bedingungen und Tätigkeitsbereiche der Bufdis, wichtig war es ihnen auch den Stellenwert des Ehrenamtes hervorzuheben. "Es gibt immer weniger Menschen für immer mehr Aufgaben. Das ist eine Herausforderung, der wir uns in Zukunft stellen müssen und die Freiwilligendienste tragen einen großen Teil dazu bei", so von Kalben.

"Der Gesellschaft etwas zurückgeben" - das war auch für die 19-Jährige Itzehoerin entscheidend. Dass sie nach dem Abitur nicht direkt ins Berufsleben starten wollte, hatte bei Anne Bauer jedoch auch praktische Gründe. "Ich wusste nicht rechtzeitig, was ich machen wollte", gesteht sie. Die Entscheidung, zur Überbrückung erstmal ein Freiwilligenjahr zu machen, hat sie bisher nicht bereut. "Es ist eine gute Möglichkeit, um ein bisschen Geld zu verdienen und schonmal zu gucken, wie das Berufsleben so ist. Außerdem merkt man dadurch vielleicht auch, dass man eigentlich etwas ganz anderes machen möchte." Die Itzehoerin spricht dabei aus eigener Erfahrung. Jahrelang hatte sie sich im Jugendrotkreuz engagiert, wollte eigentlich Rettungssanitäterin werden. Weil sie jedoch merkte, dass sie der Ernährungsbereich mehr interessierte, entschied sie sich für ein duales Studium der Lebensmitteltechnologie.

Trotz der zahlreichen Vorteile ist die Lücke der Zivis im Kreis Steinburg noch nicht geschlossen. Viele Stellen sind unbesetzt. "Von etwa 16 verfügbaren Plätzen sind noch zehn frei", sagt Christian Plambeck vom Paritätischen Freiwilligendienst. Insgesamt sei die Resonanz bei dem Trägerverband jedoch positiv, einige Bewerbungen würden zudem in den kommenden Wochen noch eingehen. "Wir sind sehr zufrieden", so Plambeck. Auch bei der Brücke SH in Itzehoe wurden sehr gute Erfahrungen mit den Bufdis gemacht. Die Kapazitäten seien jedoch noch nicht ausgeschöpft. "Wir haben sechs Bufdi-Stellen zu vergeben, aber im Moment sind nur zwei davon besetzt", sagt Eva Gruuitroy von der Brücke SH. Schuld daran sei in erster Linie die geringe Zahl der Bewerber. "Es ist sehr schwierig welche zu finden."

Anne Bauer wundert das nicht - in ihren Augen sei die Organisation der verschiedenen Freiwilligendienste, die im Moment noch voneinander getrennt sind, noch zu unübersichtlich, passende Stellenangebote schwer zu finden. Das sieht auch Eka von Kalben so, die die Organisation der Dienste zusammenfassen will. "Es sollte ein einheitliches Freiwilligenprinzip geben."

Obwohl junge Menschen unter 27 Jahren den Löwenanteil der Bufdis ausmachen, richtet sich das Angebot an alle Altersgruppen. "Wir hatten schon ein paar ältere Bufdis hier und haben nur gute Erfahrungen gemacht. In einem Fall konnte sogar jemand in ein Arbeitsverhältnis übernommen werden." Und auch wenn dies auf Dauer nicht immer geklappt habe, sei es für sie trotzdem jedesmal eine große Bereicherung, Menschen mit einzubringen.

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