Landwirtschaft : „Schnell werden sie von ganz alleine“

Der berufliche Nachwuchs auf dem Hof Ehlers: Oussama Boukil, Praktikant und Student aus Tunesien, und Tristan, Auszubildender aus Wewelsfleth im ersten Lehrjahr (re.).
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Der berufliche Nachwuchs auf dem Hof Ehlers: Oussama Boukil, Praktikant und Student aus Tunesien, und Tristan, Auszubildender aus Wewelsfleth im ersten Lehrjahr (re.).

17-Jähriger aus Wewelsfleth macht in Grevenkop seine ersten beruflichen Gehversuche

shz.de von
05. Mai 2015, 12:10 Uhr

„Erst mal müssen sie ordentlich arbeiten. Schnell werden sie dann von alleine.“ Der Grevenkoper Landwirt Eike Ehlers weiß, wie schwer sich angehende Berufskollegen gerade in den ersten Wochen und Monaten tun. Seit Jahren bildet er erstmals wieder Nachwuchs aus. Seit vergangenen Sommer lernt Tristan aus Wewelsfleth bei ihm den Beruf des Landwirts von der Pike auf.

An dem 17-Jährigen wird auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft deutlich. Früher kamen die meisten Auszubildenden von heimischen Betrieben, waren so mit der Materie schon von Kindesbeinen an vertraut. Tristan, einst Schüler an der Gemeinschaftsschule Wilster, kam erstmals durch ein Schulpraktikum mit der Landwirtschaft in Berührung. Den Hof Ehlers als Ausbildungsbetrieb hat er dann via Internet gefunden. „Mit den Arbeitskollegen ist das echt cool hier“, macht ihm die Arbeit Spaß.

Den erforderlichen Schlepperführerschein hat er mitgebracht. „Da hat mich mein Vater kräftig unterstützt.“ Sicher, am Anfang sei die Arbeit sehr anstrengend gewesen. „Aber dann gewöhnt man sich dran.“ Tristan kann sich gut vorstellen, auch den Rest seiner beruflichen Laufbahn in der Landwirtschaft zu verbringen. Im zweiten Lehrjahr wird er den Betrieb noch einmal wechseln und auf den Hof von Gerd Widderich in Nortorf gehen.

„Früher mussten die Lehrlinge erst einmal vier Wochen lang auf dem Hof bleiben“, erinnert sich Lehrmeister Eike Ehlers. An den Grundvoraussetzungen, um in dem Beruf zurecht zu kommen, habe sich aber nicht viel geändert. „Die jungen Leute müssen motiviert sein und die Bereitschaft, sich einzubringen, mitbringen.“ In der Landwirtschaft ist es wie in vielen anderen Bereichen: Man muss einen Blick für die jeweils anfallenden Arbeiten entwickeln. Der Landwirt misst persönlich auch Grundkenntnissen in der Mathematik eine große Bedeutung bei. Schließlich muss auf dem Hof an vielen Stellen gerechnet werden. Wichtig für Eike Ehlers: „Die Auszubildenden müssen vernünftige und gründliche Anweisungen bekommen. Schließlich fällt das sonst ja auch auf mich zurück.“ Grundsätzlich gebe es keine großen Probleme, junge Leute für die Landwirtschaft zu begeistern. „Ich hatte auch in diesem Jahr zwei Bewerbungen auf dem Tisch liegen.“ Viele Betriebe seien allerdings daran interessiert, Auszubildende erst ab dem zweiten Lehrjahr aufzunehmen. Schließlich dauere es meist ein gutes halbes Jahr, bis die Betriebsabläufe in Fleisch und Blut übergangen sind. Ganz wichtig sei es auch, einen Blick für die Tiere zu entwickeln. „Die wollen schließlich 24 Stunden am Tag umsorgt werden.“

Die Perspektiven für ausgebildete Landwirte schätzt Eike Ehlers gut ein. Zwar gebe es immer weniger Höfe. Die verbleibenden aber würden immer größer und seien daher zunehmend auf qualifizierte Mitarbeiter angewiesen. Hinzu komme, dass auch Landwirte einen Bedarf an Freizeitgestaltung und Urlaub entwickeln. „Wir können jeden gut gebrauchen: den Ungelernten ebenso wie den Studierten.“

Ohnehin haben sich auch viele Rahmenbedingungen geändert. Zwar ist Landwirtschaft noch immer auch mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden. Früher wogen die Futtersäcke allerdings noch 50 Kilogramm, dank Arbeitsschutz sind es heute nur noch 25. Im Zweifel sitzt der Landwirt ohnehin auf seinem Radlader. Eines hat sich allerdings bis heute nicht geändert. Zweimal die Woche besucht Tristan die Berufsschule. Und in der ersten Unterrichtseinheit steht nach wie vor Wetterkunde auf dem Lehrplan. „Das ist für uns Landwirte das Wichtigste: der Blick in den Himmel, wie sind gerade die Wolken aufgebaut?“

Seit einigen Wochen hat Tristan sogar noch Gesellschaft. Auf dem Hof Ehlers absolviert Oussama Boukil ein Praktikum. Der 20-Jährige kommt aus Tunesien und will in Deutschland Agrarwissenschaften oder Biologie studieren. Voraussetzung dafür sind praktische Erfahrung. Oussama spricht auffällig gut deutsch: „ Das habe ist in meiner Heimat an einer Privatschule gelernt und dann in Deutschland noch einen Kurs belegt.“ Auf den Hof Ehlers war er über die Landwirtschaftskammer und eine Liste im Internet gekommen. Dann hatte er einfach in Grevenkop angerufen. „Die Stimmung hier ist gut, sonst hätte ich meinen Vertrag auch nicht schon verlängert“, fühlt sich der Tunesier in der Krempermarsch wohl. Warum er gerade nach Deutschland gekommen sei? „Ich war schon immer begeistert von Deutschland, lese auch viel die Geschichte.“ Oussama räumt allerdings auch ein, dass das Leben und Studieren hier nicht so teuer wie in anderen Ländern sei. Sein berufliches Ziel wird ihn zurück in die Heimat führen. Der 20-Jährige wird wohl in das Unternehmen seines Vaters einsteigen, der in großem Stil mit landwirtschaftlichen Produkten handelt.

Im Unterschied zu Tristan wird Oussama aber wohl weniger mit gründlich-deutscher Bürokratie in Kontakt kommen. „Wenn ich einen Bürojob gewollt hätte, wäre ich nicht Landwirt geworden“, schimpft Eike Ehlers über die zunehmende Verwaltungsarbeit in der Landwirtschaft. „Da muss man nebenbei fast schon eine kaufmännische Ausbildung haben.“ Das allerdings decke die gesamte Ausbildung bei weitem nicht ab. Tristan wird sich auf dem Hof Ehlers wohl auch mit diesem Thema anfreunden müssen.

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