Itzehoer Kantoren zum Thema Weihnachtslieder : Schlechte Chancen für neues Liedgut

Musizierten zur Weihnachtszeit auch in der Kirchenstraße: Die Kantoren Dörthe Landmesser und Stephan Reinke.
Foto:
Musizierten zur Weihnachtszeit auch in der Kirchenstraße: Die Kantoren Dörthe Landmesser und Stephan Reinke.

Zu keiner Zeit im Jahr wird so viel gesungen wie zu Weihnachten – neue Trends setzen sich dabei nur selten durch, sagen Dörthe Landmesser und Stephan Reinke.

von
23. Dezember 2017, 05:00 Uhr

Dörthe Landmesser und Stephan Reinke sind Kantoren in Itzehoe. Während Landmessers Schwerpunkt die klassische Kirchenmusik ist, ist Reinke für Popularmusik im Gottesdienst zuständig. Im Interview erklären die beiden, warum Weihnachtslieder so beliebt sind.

„Vom Himmel hoch“, „Alle Jahre wieder“, „Last Christmas“ – zu keinem anderen Fest gibt es so viele Lieder wie zu Weihnachten. Frau Landmesser, Herr Reinke, woran liegt das?

Reinke: Das Fest der Geburt Jesu ist ein zentrales Ereignis im Christentum. Zu diesem freudigen Anlass wurde seit jeher gesungen, das ist eine ungebrochene Tradition. Schon in der Bibel findet man rund um die Weihnachtsgeschichte große Gesänge wie das „Magnificat“ oder das „Nunc dimittis“. So entwickelte sich in der Kirchenmusik schnell die Gewohnheit, diese Texte zu vertonen. Im Laufe der Zeit sind zahlreiche Gemeindelieder zu Weihnachten entstanden, viele übrigens im Zuge der Reformation.

Landmesser: Aufwind erhielt die Tradition der Weihnachtslieder besonders durch die Hirtenspiele oder das sogenannte Christkindlwiegen im 15. und 16. Jahrhundert. Dadurch ist das Singen zum Weihnachtsfest ganz tief verwurzelt in unserer Kultur.

Wie haben sich die Weihnachtslieder seitdem entwickelt?

Landmesser: Im 19. Jahrhundert zogen die Weihnachtslieder in die bürgerlichen Wohnstuben ein. Dabei rückten romantisierende Elemente in den Vordergrund, wenn zum Beispiel der Tannenbaum oder der leise rieselnde Schnee besungen wurden.

Reinke: Im Laufe der Zeit ist die Theologie allmählich aus den Weihnachtsliedern verschwunden. Bei „Alle Jahre wieder“ ist das Christuskind noch drin, aber die Bedeutung von Weihnachten nicht mehr. Und irgendwann landet man bei „In der Weihnachtsbäckerei“ oder „White Christmas“.

Warum werden dann trotzdem noch Lieder rund um das Fest geschrieben, wenn die eigentliche Botschaft gar keine Rolle mehr spielt?

Landmesser: In den Weihnachtsliedern stecken ganz viele Emotionen. Sie rufen Erinnerungen aus der Kindheit wach. Und dann wird die Musik auch zu Verkaufszwecken genutzt. Durch die Berieselung auf dem Weihnachtsmarkt oder im Kaufhaus bleiben die Weihnachtslieder auch im außerkirchlichen Kontext erhalten.

Reinke: Ganz erstaunlich ist ja, dass seit einigen Jahren Tausende Menschen in Fußballstadien zusammenkommen, um Weihnachtslieder zu singen. Das fing 2003 ganz klein in Berlin an und ist mittlerweile ein deutschlandweites Phänomen. Da kommen Leute zusammen, die eigentlich mit Singen nicht so viel zu tun haben. Man sieht also, wie viele Emotionen mit den Weihnachtsliedern verbunden sein müssen.

Das heißt, rund um Weihnachten sind die Leute leichter für das Singen zu begeistern als sonst?

Landmesser: Zumindest für das Konsumieren von Musik. Egal, was für Konzerte wir rund um Weihnachten anbieten, die sind immer voll. Aber auch zu unserem Adventssingen, das wir seit sechs Jahren in der Innenstadtgemeinde veranstalten, kommen immer rund 200 Leute.

Reinke: Die Chorprojekte, die ich mache, sind rund um Weihnachten auch besser besucht. Zu Hause unterm Weihnachtsbaum wird dagegen wahrscheinlich nicht mehr so viel gesungen, wie das früher einmal üblich war.

Welche Trends gibt es bei zeitgenössischen Weihnachtsliedern?

Reinke: Wie für andere Popmusik auch gilt für zeitgenössische Weihnachtslieder, dass sie in der Regel nicht zum Mitsingen gemacht sind. Das Konzept ist: Eine Band singt ihr Weihnachtslied.

Landmesser: Interessant finde ich auch, dass es eigentlich kein neues Liedgut gibt, das sich durchsetzt. In der Regel besinnt man sich immer auf alte Schlager, die man schon aus der Kindheit kennt.

Reinke: Das hängt wieder damit zusammen, dass die Erwartungshaltung von vielen Leuten an Weihnachten sehr traditionell ist. Popsongs, die heute zu Weihnachten beliebt sind, stammen häufig entweder aus den 70er- oder 80er-Jahren wie „War is over“ oder „Last Christmas“ oder aus den 20er- und 30-er Jahren wie „Winter Wonderland“.

Landmesser: Wenn Stars wie Helene Fischer aktuelle CDs mit Weihnachtsliedern herausbringen, dann sind das auch alles alte Lieder. Die verkaufen sich einfach gut. Meistens steht das Rührselige im Vordergrund, inhaltlich gehen die Texte nicht besonders tief.

Klingt eher negativ, aber können Sie denn dem Trubel um die Weihnachtslieder auch etwas Positives abgewinnen?

Reinke: Ich finde es schon mal gut, wenn Leute überhaupt singen. Wenn zusätzlich positive Emotionen durch die Weihnachtslieder übertrage werden, dann ist das auch ein Wert an sich. Was in Kaufhäusern und Weihnachtsmärkten gespielt wird, sind natürlich überwiegend amerikanische Songs oder Kinderlieder von Rolf Zuckowski. Als Kirchenmusiker sehe ich es als unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass auch das starke christliche Liedgut nicht verloren geht.

Was ist Ihr liebstes Weihnachtslied?

Landmesser: Mein absoluter Favorit ist „Ich steh an Deiner Krippen hier“.

Reinke: Meiner auch.

Also ganz klassisch. Und sind bei Ihnen auch Kindheitserinnerungen mit diesem Lied verbunden?

Landmesser: Ja, ich komme aus einem sehr protestantischen Elternhaus, wo dieses Lied immer unter dem Weihnachtsbaum musiziert wurde. Da hängen tiefe Emotionen dran.

Reinke: Bei mir ist der Zugang eher rationaler. Ich finde Text und Musik sehr gelungen. Die Zeilen stammen ja von Paul Gerhardt, an dem mich fasziniert, wie er während des 30-jährigen Krieges solche Texte schreiben konnte. Da gehört schon eine enorme Glaubensstärke dazu.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen