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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 03:55 Uhr

Schlammpeitzger – es gibt ihn wirklich

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Sechsjähriger Emil fängt das Phantom in Herzhorn / Geschützter Fisch könnte Bau der A 20 gefährden

Manche glaubten schon, es gäbe ihn gar nicht: den Schlammpeitzger. Doch dem sechsjährigen Emil ist es jetzt gelungen, diesen seltenen Fisch zu fangen – in einer Herzhorner Wettern, nur wenige hundert Meter von der geplanten Autobahntrasse entfernt. Der Fisch, der ein Leben im Verborgenen führt, im Schlamm, beschäftigt zurzeit Politiker, Juristen, Naturschützer und Verkehrsplaner. Denn der Schlammpeitzger lebt dort, wo eigentlich die Autobahn 20 inklusive der Elbquerung entstehen soll. Das sagen zumindest der Landesnaturschutzverband und die Gemeinde Kollmar, die sich auf wissenschaftliche Studien berufen. Sie haben den geplanten Eingriff in den Lebensraum des seltenen Fisches daher zum Gegenstand ihrer Klagen gegen den A20-Bau vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gemacht (wir berichteten), weil die Planer der Autobahn den Schlammpeitzger bei der Trassenführung nicht berücksichtigt hatten.

Emils Großvater weiß um die Besonderheit des Fangs: „Mein Enkel besucht mich regelmäßig und fischt mit dem Kescher in der Deichgrube am Obendeich“, berichtet Klaus Butenop aus Herzhorn. „Er fängt in der Regel Stichlinge, die er sich in einem Weckglas kurz ansieht, bevor er sie wieder in die Freiheit entlässt.“ Den Tieren schaden solle das Keschern nicht, so haben es Großvater und Enkel vereinbart. Als Emil den selten gesehenen Fisch fing, erzählte er es gleich seinem Opa. „Er hielt ihn für eine Art Aal“, sagt Butenop. Auch er selbst staunte nicht schlecht, als er den knapp zehn Zentimeter langen Süßwasserfisch erblickte. „Ich lebe schon sehr lange an der Deichgrube, aber einen Schlammpeitzger habe ich noch nie gesehen.“

Dass der 78-Jährige den Fisch überhaupt erkannte, lag daran, dass er ihn im Zuge der Berichterstattung unter anderem auf Bildern in unserer Zeitung gesehen hatte. „Ich hatte ihn mir aber größer vorgestellt. Vielleicht ist es ein junges Tier gewesen.“ Gemeinsam mit dem Enkel machte Klaus Butenop Fotos des ungewöhnlichen Fanges, bevor das streng geschützte Tier wieder in sein Gewässer entlassen wurde.

„Ich finde es verblüffend, dass dieser Fisch hier lebt“, sagt der Herzhorner. Die Deichgrube, die ein aktiver Entwässerungsgraben sei und Verbindung zu größeren Wettern in Richtung Elbe habe, werde jedes Jahr kräftig ausgebaggert. „Ich habe nicht erwartet, dass dort Fische, die im Uferschlamm leben, heimisch sind.“ Vielleicht werde sein Enkel ja nun als Zeuge für die Existenz des Schlammpeitzgers vor Gericht vorgeladen, scherzt Butenop und fügt augenzwinkernd hinzu: „So lange, wie über die A20 schon verhandelt wird, ist er bis dahin vielleicht auch schon volljährig und kann aussagen.“

Ob der Schlammpeitzger den Bau verhindern kann, werden die Richter entscheiden. Fest steht: Der Fisch gilt als Phantom. Wissenschaftler erklären, warum er so selten gesehen wird: Er überlebt im Schlamm, weil er durch den Darm atmet. Da er vom Aussterben bedroht ist, steht er in einem Gebiet von 26 Hektar Fläche in der Marsch unter Schutz – so heißt es vom zuständigen Ministerium aus Kiel. „Im Rahmen der Planungen für die A 20-Abschnitte von der Landesgrenze bis zu B 431 und von der B 431 bis zu A 23 wurde die Verträglichkeit der Planungen mit diesem Fauna-Flora-Habitat-Gebiet untersucht“, teilt Pressesprecherin Birte Pusback mit.

Trotzdem tun die Planer der A20 so, als ob der Schlammpeitzger gerade in dem Stück, wo die Autobahn gebaut werden soll, nicht vorhanden ist. Was absurd ist für diejenigen, die den Fisch schützen wollen – denn der Fisch schwimmt durch den Verbund der Gräben. So lautet auch die Begründung des Landesnaturschutzverbandes in der Klageschrift vor dem Bundesverwaltungsgericht. Einziger Pferdefuß: Geklagt wird nur für den Schlammpeitzger auf Kollmaraner Gebiet und nicht für das Herzhorner Areal, wo Emil den Fisch in der Wettern gefangen hat.

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erstellt am 05.Aug.2015 | 17:00 Uhr

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