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Norddeutsche Rundschau

24. August 2017 | 03:17 Uhr

Justiz : Schiedsfrau gibt Ehrenamt ab

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Juristin Claudia Dickmann war 14 Jahre lang ehrenamtlich tätig. Nachfolger sind Gerhard Blasberg und Ahmet Bektas

Claudia Dickmann hatte 14 Jahre lang ein besonderes Ehrenamt inne: Die 46-Jährige war ehrenamtliche Schiedsfrau der Stadt. Jetzt hat sie ihr Amt niedergelegt und so den Weg für vorzeitige Neuwahlen frei gemacht. Ein Grund war der Tod ihres Stellvertreters Lothar Porr, der vor einigen Monaten im Alter von 72 Jahren starb. „Wir haben zusammen begonnen und waren ein eingespieltes Team. Die Aufgaben waren zwischen uns klar aufgeteilt. Jeder von uns hatte seinen Bereich, der eigenständig bearbeitet wurde.“

Ungewöhnlich bei Claudia Dickmann war, dass sie Rechtsanwältin und als anwaltliche Gütestelle zugelassen ist . Ihre Schieds-Kollegen in anderen Städten und Gemeinden sind meist schon im Ruhestand und haben einen anderen beruflichen Hintergrund, sie sind keine Juristen. Porr war beispielsweise gelernter Schlosser.

Dickmann zog 2001 aus Nordrhein-Westfalen nach Glückstadt. Mit ihrer Familie wohnt sie seither in Butendiek. Vorher lebte ihr Mann bereits alleine in Kollmar, weil er in Hamburg arbeitete. In dieser Zeit lernte das Ehepaar Glückstadt kennen und entschied sich Ende der 90er Jahre gemeinsam hierher zu ziehen.

Für das Amt als Schiedsfrau bewarb sie sich gleich, als sie 2001 beruflich als Anwältin tätig wurde. „Es war noch nicht so formalistisch und bekannt bei den betroffenen Personen wie heute“, sagt sie über die Aufgabe damals. Durch die Einführung des Landesschlichtungsgesetzes vom Dezember 2001 wurden die Voraussetzungen für eine zulässige Klage beim Amtsgericht Itzehoe erweitert: Die Kläger mussten zunächst ein außergerichtliches Güteverfahren durchlaufen haben. Dadurch hatte sie eine Vielzahl von notwendig gewordenen Schiedsverfahren in den ersten Jahren als Schiedsfrau. 2002 und 2003 protokollierten Claudia Dickmann und Lothar Porr insgesamt 34 Schiedsverhandlungen. In den Jahrzehnten davor waren lediglich ein bis zwei Verhandlungen pro Jahr aufgenommen worden. Ab 2004 sank die Zahl, pendelte sich auf sieben Fälle im Jahr ein. Gespräche mit Betroffenen gab es weit aus häufiger.

Was Claudia Dickmann für sich persönlich spannend fand: „Ich habe durch das Amt die Stadt und die Menschen, die hier leben, kennen gelernt.“ Sie stellte fest: „Glückstadt hat viele sehr schöne Seiten, die ich auf den ersten Blick nicht gesehen hätte.“ Diese lernte sie zum Beispiel bei Streitigkeiten zwischen Nachbarn kennen, wenn sie sich das „streitige Objekt“ vor Ort ansah. Sie lernte Ecken in Glückstadt kennen, die sie sonst wohl so nicht gesehen hätte, glaubt sie.

Die Verhandlungen führte sie in der Regel im Rathaus auf neutralem Boden, was sich in den Jahren bewährt hat. Dort trafen sich die Kontrahenten mit ihr durchaus auch zu ungewöhnlichen Zeiten, wenn es sein musste.

In den vergangenen Jahren änderten sich die Umstände für die Schiedsverfahren. „Das Amt ist heute klarer definiert als noch vor 15 Jahren.“ Claudia Dickmann gehörte als gewählte Schiedsfrau zum „Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen e.V.“ (BDS). Dieser organisiert Weiterbildungen in den für dieses Amt wichtigen Rechtsbereichen sowie die Einführungslehrgänge für „neu gewählte Schiedspersonen“. Bei den Versammlungen der Bezirksvereinigung Itzehoe stellte sie fest, dass sie in der Region die einzige Volljuristin im Schiedsamt war. „Dies liegt vor allem wohl daran, dass es sich um eine ehrenamtliche Tätigkeit handelt und eine anwaltliche Vertretung der Antragsteller und -gegner in einem nachfolgenden Gerichtsverfahren nicht möglich ist.“ Was ihr die vergangenen Jahre gezeigt haben: Es ist für dieses Amt vor allem wichtig und entscheidend, über eine „gute Menschenkenntnis zu verfügen und das Bemühen um praktikable Lösungen“. Denn so ließe sich manches im Gespräch klären.

Bei den Terminen der Schlichtungsverhandlungen fertigte die Schiedsfrau ein Ergebnisprotokoll, das den Schiedsparteien zum Ende der Verhandlung vorgelesen und von diesen genehmigt werden musste. Ansonsten erfährt niemand, was im Schiedsverfahren besprochen wurde. Die Schiedsleute sind – wie Claudia Dickmann auch – zur Verschwiegenheit verpflichtet, was sie sehr ernst nimmt. So lehnte sie die Anfrage eines TV-Senders, ob nicht einzelne besonders spannende und unterhaltsame Fälle von ihr genannt werden könnten, ab. Die Internet-Seite der Stadt Glückstadt nennt deshalb nur hypothetische Fälle eines Schiedsmannes oder einer Schiedsfrau: Streitigkeiten über Bäume und Sträucher, Gewohnheiten, Geräusche, Katzen, Hunde und nicht zuletzt natürlich Kinder. Es gibt viele Anlässe, durch die aus einer nachbarlichen Gemeinschaft ein langwieriger und Nerven zehrender Streit wird.

Als ihr Nachfolger ist Bürgermeister Gerhard Blasberg und als sein Stellvertreter Ahmet Bektas von der Stadtvertretung gewählt worden. Wenn die Wahl in den kommenden Wochen von der Direktorin des Amtsgerichts Itzehoe ordnungsgemäß bestätigt wird, werden die beiden Männer das Amt offiziell für fünf Jahre ausüben.

Bürgermeister Gerhard Blasberg (55) freut sich schon auf sein neues Amt: „Ich habe Spaß an rechtlichen Fragestellungen und ich habe die Fähigkeit zu Vermitteln.“ An die Glückstädter sei sein Engagement ein Signal, dass er in der Elbestadt bleibt, wenn er am 1. Mai 2016 nicht mehr Bürgermeister ist.

Ahmet Bektas (46) ist Inhaber eines Handy-Shops in der Großen Kremper Straße. Er wurde in Istanbul geboren, wo er auch einen Teil seines Lebens verbrachte. 1978 kam er nach Glückstadt und ging dort zur Schule. Anschließend arbeitete er unter anderem bei Steinbeis, vor fünf Jahren machte sich der Vater von drei Kindern selbstständig. „Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Schiedsleute gesucht werden und mich beworben, weil ich Glückstadt etwas zurückgeben möchte.“

 

 

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erstellt am 28.Okt.2015 | 04:54 Uhr

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