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Norddeutsche Rundschau

21. August 2017 | 22:00 Uhr

Schauspielkunst aus der Schachtel

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Berliner Performancekünstlerin servierte schmackhaften Kultur-Imbiss / Besucher hoffen auf ein Wiedersehen

Wie stellt man als Einzelschauspielerin verschiedene Charaktere dar, spricht damit auch ein eher theaterfernes sowie junges Publikum an – und kann doch die Tiefe und Qualität der Vorlage wahren, wenn nicht gar steigern? Die Berliner Performerin Bridge Markland hat dafür ein faszinierendes Konzept entwickelt und spielt ihre Stücke „in the box“. Im Rahmen des Kulturprojekts in der Alten Schule gastierte sie zum zweiten Mal in Wilster und präsentierte „Leonce und Lena“ von Georg Büchner.

Die „box“ ist ein weißes Metallgestell auf der Bühne, an dem und in dessen Umfeld Markland diverse Requisiten, Perücken, Hüte und Handpuppen postiert und der Reihe nach aufgreift.

Mit den blonden langen Haaren und dem weißen Spitzenhemd parliert sie als Prinz Leonce, mit der knorrigen Puppe in der Hand als dessen Diener Valerio. Mit der rotgelockten Perücke, dem eleganten Mantel und gespitzten Lippen agiert sie als Prinzessin Lena. Beide sollen sich auf Wunsch der Väter verheiraten, verweigern sich aber und finden sich unerkannt zufällig doch in der Liebe zusammen.

Die besondere Note erhält Marklands Interpretation der Komödie, die sich satirisch-kritisch den ‚höflich‘-höfischen Verhältnissen, dem adligen Müßiggang und den gesellschaftlichen Arrangements in vorrevolutionären Zeiten widmet, durch die unterlegte Musik-Sprechcollage. Die Performerin hat die verschiedenen Rollen durch Profis sprechen lassen und spielt sie vom Band ein, bewegt aber selbst oder bei der Führung einer Puppe die Lippen synchron und lässt damit eine besonders dichte Inszenierung entstehen. Collagenhaft sind zu den einzelnen Äußerungen und Handlungen kurze Musik- und Liedausschnitte dazwischen geschnitten, die das Gesagte unterstreichen, kontern oder humorvoll kommentieren. „Leider geil“ singen Deichkind, wenn die Hochzeit in Abwesenheit von Braut und Bräutigam inszeniert werden soll. Die abservierte Geliebte des Prinzen tanzt Techno: „Ich bin heiß“. Und die noch nicht erkorene Prinzessin Lena bekennt: „I can’t get no satisfaction“. Wenn der greise König absolutistisch-lächerlich behauptet: „Die Substanz bin ich“, wird er von Doris Day im Schlager nur trocken kommentiert: „Perhaps, perhaps, perhaps…“. Von Chris Roberts „Ein Mädchen nach Maß“ bis zu 2raumwochnung, Tocotronic und Otto Waalkes reicht die lange Liste der Musikeinspielungen, die aus dieser Inszenierung eine anspielungsreiche Damals-heute-Collage machen. Sie verdeutlichen der Generation Pop auch die kulturelle Thementradition, der sich die Musik immer wieder anders stellt.

Besonders faszinierten auch die leisen Passagen, wenn Markland beispielsweise in der Rolle des Prinzen in der Box sitzend einen langen Wasserstrahl aus dem Mund über einen Stein laufen lässt, um zu demonstrieren, wieviel dieser zu tun habe. Oder wenn sie die zahlreichen durchsichtig-luftigen Plastiktüten zusammensammelt, die die höfische Leere spiegeln.

Einige der Besucherinnen und Besucher hatten vor einigen Monaten bereits Bridge Marklands „Faust in the Box“ gesehen und wollten sich ein weiteres Stück nicht entgehen lassen. Die Zuschauer bekannten freimütig im sich anschließenden Gespräch mit der Künstlerin, dass sie sich in der Schule mit der Lektüre von Klassikerstücken eher gequält hätten, aber von dieser Umsetzung sehr fasziniert seien. Sie wünschten sich ein Wiedersehen mit Bridge Markland und einem weiteren Stück.



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erstellt am 02.Nov.2015 | 13:39 Uhr

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