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Norddeutsche Rundschau

20. Oktober 2017 | 15:00 Uhr

Rinderzucht : Sauberes Futter nach der Seuche

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach einer Katastrophe auf ihrem Hof wagen Heiko und Heinrich Strohsahl an ihrem Betriebsstandort in Looft den Neuanfang.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2014 | 17:00 Uhr

Kraftrinder mit glänzendem Fell strecken heute ihre Köpfe aus den Boxen auf dem Hof der Familie Strohsahl in Looft. Die 200 Tiere werden mit hochwertigem Getreidemehl gefüttert, gehegt und gepflegt und sollen der Einstieg in die regionale Fleischproduktion sein. Davon träumen Heiko (37) und Heinrich (34) Strohsahl, denen die Erinnerung an den Kampf gegen eine erschreckende Rinderseuche bis heute tief in den Knochen steckt: Zwischen 2007 und 2009 stand ihr Betrieb und ihre Milchviehherde unter dem Joch des Botulismuserregers.

„Das Blut lief nur so die Straße hinunter. Das war wie so eine Art Hinrichtung“, erinnert sich Heinrich Strohsahl an den grauenhaften Höhepunkt der Seuchenbereinigung. Bis heute warten die Brüder auf eine angemessene Entschädigung.

Die Odyssee nimmt ihren Anfang im Jahr 2007: Bis zum Sommer des Jahres führen die Strohsahls einen normal laufenden Betrieb. Doch bald zeigen sich erste Probleme bezogen auf die Milchqualität. Einzelkuhproben ergeben unwahrscheinliche Ausfälle bei einzelnen Kühen, die damit sofort aus dem Melkbetrieb ausfallen. Gegen Ende des Jahres wird der Landeskontrollverband Schleswig-Holstein informiert.

Im folgenden Jahr steigt der Druck spürbar: „Plötzlich gab es auch tote Kühe und Totgeburten“, fasst Heiko Strohsahl zusammen. Die Ursache für das Kuhsterben bleibt zunächst unklar. Doch der Erreger verbreitet sich schnell über alle Betriebsstandorte in Oldenborstel, Aasbüttel, Wetterndorf, Landscheide und Looft, vermutlich über Gülle als Düngemittel in der eigenen Futterproduktion.

Im Januar stellen die Landwirte die Seuchenanzeige. „Wir hatten die Hoffnung: Jetzt wird was gemacht“, äußert sich Heinrich Strohsahl. Doch sein Bruder schüttelt nur den Kopf. Das Veterinäramt sei häufig gekommen. Doch es sei nichts passiert. Bis September sterben etwa 800 Tiere.

Die Strohsahls suchen sich in ihrer Hilflosigkeit selbst Unterstützung und finden diese bei Tierarzt Achim Gerlich aus Burg. „Ab diesem Moment haben wir uns wohlgefühlt“, berichtet Heiko Strohsahl.

Der Tierarzt veranlasst das Notwendige: Es werden Proben genommen und weggeschickt. „Da sind kranke, lebende Tiere nach Leipzig gefahren worden. Die haben dort einen Quarantänestall, eine Art Glaskasten, so muss man sich das vorstellen“, erklärt Heinrich Strohsahl. Und weiter: „Da haben sie den Erregertyp überall festgestellt.“ Offenbar hat sich im Betrieb der beiden Brüder der Botulismuserreger sprunghaft vermehrt.

Aufgrund des steigenden Drucks informiert die Familie den Tiersäuchenhilfedienst aus Mecklenburg-Vorpommern. In Schleswig-Holstein gebe es keine entsprechende Einrichtung.

Im Februar/ März 2008 erfolgt dann aufgrund der Untersuchungsergebnisse der Lebendtiere eine Bestandsbegehung durch die Universität Leipzig unter der Leitung von Dr. Monika Krüger aus dem Zentrum für Infektionsmedizin. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: „Aus meiner Sicht muss der gesamte Bestand euthanisiert werden, um weiteren Schaden für die dort lebenden und arbeitenden Menschen zu verhindern“, heißt es in dem Gutachten.

Die Landwirte dürfen zu diesem Zeitpunkt nach wie vor offiziell Fleisch und Milch verkaufen. „Fleisch haben wir seit August 2008 nicht mehr verkauft. Milch haben wir nur noch von ‚Super-Kühen‘ abgeliefert, bis März 2009“, berichtet Heinrich Strohsahl. Die Brüder haben kein gutes Gefühl dabei. Mittlerweile ist die Krankheit auch auf die Landwirte übergesprungen. Sie leiden unter starker Lichtempfindlichkeit, Muskelzuckungen und weiteren Ausfällen.

An eine Situation erinnert sich Heinrich Strohsahl besonders: Der Milchwagenfahrer sei auf den Hof gekommen, um die Milch abzuholen. Da habe ihn sein Sprachzentrum im Stich gelassen. Er habe kein Wort herausbekommen.

Ende März 2009 erreicht die Landwirte das Seuchengutachten. Gesundheitsamt und Veterinäramt schalten sich ein. Der leitenden Kreisveterinärdirektor Dr. Hans Treinies ordnet die Keulung des Gesamtbestands samt Kälber an. „Wir haben gedacht, jetzt geht alles seinen Weg“, äußern die Strohsals. Doch es kommt anders: Statt einer zügigen und sauberen Großschlachtung mit einem Abtransport von 200 Rindern pro Tag folgt eine Seuchensitzung.

Der Landesveterinär Dr. Martin Heilemann habe sich dort zu Wort gemeldet: „Er müsse auch den Schutz für das lebende Tier sehen, nicht nur für den Verbraucher“, schildert Heinrich Strohsahl die Begegnung und schimpft: „Es kann nicht sein, dass man einen Betrieb entseucht, indem man wartet, bis die Tiere von allein verenden.“ Und sein Bruder ergänzt: „Wir sind keine Arche. Wir hatten noch 350 Rinder auf dem Hof.“ Die Tiere seien dann, bis auf einige wenige und nach augenscheinlicher Sichtung des Kreisveterinärs, mit speziellem Entgiftungsfutter aufgepäppelt und auf die Weiden in der Wilstermarsch getrieben worden.

Schließlich werden die Behörden doch noch aktiv. Für die Landwirte völlig überraschend veranstalten sie ein „wahres Massaker“ am Betriebsstandort Wetterndorf, so beschreibt Heinrich Strohsahl die Tötungsaktion vor Ort. Er zeigt Bilder von den toten Tieren, viel Blut und von einer bei der Keulung vergessenen Kuh.

Das Geschehene hat seine Einstellung zur Landwirtschaft grundlegend verändert: „Seitdem wir diese Erfahrung gemacht haben füttern wir nur noch reines Getreide“, betont er.

 

 

 

 

 

 

 

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