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Norddeutsche Rundschau

18. Dezember 2017 | 21:44 Uhr

Kriegsgräber : Sammlerin in dunkler Jahreszeit

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Karin Garske aus Itzehoe sammelt seit 37 Jahren für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge – obwohl es immer schwerer wird.

shz.de von
erstellt am 02.Nov.2014 | 08:00 Uhr

Als sie es das erste Mal tat, war sie 14 Jahre alt. Heute ist Karin Garske 51 – und immer noch mit der Spendentasche für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Itzehoe und Umgebung unterwegs. Mindestens sieben Stunden in der Woche.

Seit gestern läuft wie in jedem Jahr bis 27. November die Haus- und Straßensammlung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Landesinnenminister Stefan Studt (SPD) ruft dazu auf, diese zu unterstützen – 75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten und 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges. Studt sagt: „Die Gräberstätten sind vor allem Lernorte. Sie erinnern an die Opfer und mahnen, uns für Frieden und Versöhnung einzusetzen.“ Denn der Staat habe ein Interesse an der Arbeit des VDK. „Wenn wir uns nicht um die Kriegsgräber im Ausland kümmern, muss es der Staat machen“, sagt Jürgen Benfer (Foto), Kreisvorsitzender des VDK.

Doch wer interessiert sich so viele Jahre nach Kriegsende noch für die Sammlung und für die Gräber deutscher Soldaten im Ausland, die dort vor mehr als 70 Jahren gefallen sind?

„Klar, es werden immer weniger Leute“, sagt Karin Garske. Sie trägt eine Mütze, auf der steht „Arbeit für den Frieden“, eine Jacke mit dem Schriftzug des VDK, in der Hand einen Sammelausweis. So klingelt sie an den Türen der Itzehoer, allerdings nur an denen, hinter denen sie Spender vermutet, die sie kennt. Manche geben ihr ein paar Euro, andere auch hundert. Einige wollen reden, manche sehr viel – wenn sie einsam sind. „Vor einigen Jahren hat eine Frau sogar geweint, weil die Erinnerungen an den Krieg sie so bewegt haben.“

Doch es gibt immer weniger Spender. Früher hatte fast jede Familie einen Kriegstoten in ihren Reihen, das Gedenken war den Angehörigen wichtig. „Aber die sterben uns weg“, sagt Karin Garske lakonisch. Und auch Sammler gibt es immer weniger. „Der Kreis Steinburg ist bundeswehrfrei“, erklärt Benfer. Als es noch Einheiten hier gegeben habe, seien bei den Sammlungen bis zu 30 000 Euro zusammengekommen, weil Soldaten mit Sammelbüchsen losgeschickt wurden. Heute ist Benfer schon zufrieden wenn er 8000 Euro schafft – allein rund 1500 bringt ihm Karin Garske.

Im Herbst ist sie oft jeden Abend ehrenamtlich unterwegs. Ist es ein Hobby für sie oder mehr? Garske überlegt lange, bis sie sagt: „Das weiß ich auch nicht so genau – ich mache das vielleicht aus der Tradition heraus.“ Zwei ihrer Großonkel sind im Krieg gefallen. Vor 37 Jahren sprach sie ein Lehrer an, gewann sie für die Sammlung. „Seitdem ist sie die Beste“, sagt Jürgen Benfer, der an die Zukunft des Volksbundes glaubt.

Das Image des Bundes war nicht immer das beste. Gegründet in der Weimarer Republik, sammelten sich rund um die Kriegervereine, die Denkmäler errichteten, Revanchisten und Feinde der Republik. Im Dritten Reich ließ sich der Bund von den Nazis vereinnahmen, was nach Ende des Krieges selten thematisiert wurde. Heute steht der Volksbund für den Frieden, seit Jahrzehnten ist der Bundespräsident der Schirmherr. Trotzdem will nicht jeder einem Soldaten in Uniform Geld geben, obwohl die Akzeptanz sehr hoch sei, sagt Benfer. „Aber in manchen Häusern macht es keinen Sinn, weil die Menschen nichts mit uns anfangen können“, so Benfer.

„95 Prozent der Reaktionen, die ich bekomme, sind positiv“, sagt Garske. „Nur einmal bin ich angespuckt worden.“ Ob es den Volksbund in einigen Jahren, wenn die letzten Zeugen des Krieges gestorben sind, noch gibt, weiß sie nicht.

Viele Leute spendeten lieber für andere Sachen. „Ich höre immer wieder: ,Ich spende lieber für die Lebenden als für die Toten‘“, sagt Karin Garske. Aber trotzdem macht sie weiter, so lange sie kann, länger als andere – mit Friedensmütze und Quittungsblock in der dunklen Jahreszeit von Oktober bis Dezember.

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