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Norddeutsche Rundschau

21. November 2017 | 08:57 Uhr

Wilster : Rohkost zwischen Autoreifen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit Naturforscher Jürgen Feder auf grüner Spurensuche auf dem Parkplatz neben dem Neuen Rathaus.

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2017 | 05:00 Uhr

Mit allzu großen Erwartungen war Jürgen Feder offenbar nicht nach Wilster gekommen: „Ich dachte, das ist hier monotones Marschenland. Und jetzt bin ich total überrascht, was hier alles wächst.“ Dabei kam der gelernte Landschaftsgärtner und studierte Diplomingenieur für Fauna und Flora über den Parkplatz neben dem Neuen Rathaus gar nicht hinaus. Verein Leselust und Stadtbücherei hatten den Naturforscher für eine Lesung engagiert. Im Vorfeld unternahm der 56-Jährige mit beachtlich vielen Zuhörern im Schlepptau aber einen Parforceritt durch all das, was der gemeine Homo Sapiens bis dahin für schnödes Unkraut gehalten hatte.

„Bei der Jugend müssen wir ansetzen, die werden wir gleich einbinden“, freute sich Feder auch über junge Teilnehmer. Seine erste Botschaft: „Mähen ist gut. Wir gehen ja auch zum Friseur.“ Und dann die in manchen Ohren wohl eher ernüchternde Beobachtung: „Diese Wurst da ist gut, das bringt Nährstoffe.“ Und wenn es salzig schmeckt, so klärte Feder bei seinen zahllosen Geschmacksproben von zwischen Pflastersteinen emporschießenden Pflänzchen auf, dann habe wohl ein Hund hier vorher Pipi gemacht.

Wie beiläufig servierte ein mitreißender Feder seiner immer wieder staunenden Zuhörerschaft auch ein bisschen Naturschutzpolitik. So erfuhr man, dass Bauern wohl doch weniger klug als ihre Tiere seien. Die würden giftiges Kraut nämlich riechen können. Überhaupt sei ihm jede Form einer verallgemeinernden Verdammung der Natur zuwider. „Ich habe schon 60 Zeckenbisse. Na und, ich lebe noch.“ Schon kaute er wieder auf einem Knöterich herum. Wie gesagt: Wenn der ein bisschen salzig schmeckt...

Gleich daneben hatte Feder eine Ackergrasdistel erspäht. Sein Tipp: Ein Bündel davon auf dem Beifahrersitz vertreibt jedweden unangenehmen Geruch im Auto. Und erst der ordinäre Löwenzahn: „Der kann in jeden Salat. Es gibt 80 Arten davon.“ Überhaupt, so dozierte Feder fast atemlos weiter, seien Siedlungsgebiete wie eben auch die Stadt Wilster tolle Rückzugsräume für Pflanzen, die es auf Feldern, Weiden und in Wäldern immer schwerer hätten. „Und hier der Spitzwegerich. Ein tolles Mittel gegen Wespenstiche.“ Im nächsten Moment war Feder auch schon über den Zaun auf ein angrenzendes Privatgrundstück geklettert. Eine Sauergrasart hatte es ihm spontan angetan.

Zurück zu den parkenden Autos zwischen denen eine Mischung aus Kochzutaten und Arzneimitteln sprießt. „Hier der scharfe Hahnenfuß. Die Blüten kann man essen, schmecken süßlich. Aber nur in Wilster.“ Alternativ kann man sich auch an den Ehrenpreis halten, besser bekannt als Veronika. Schmeckt nach Weißkohl. Der Giersch weist übrigens eine pikante Möhrennote auf. Mit viel Arbeitseinsatz lasse sich diese bei Hobbygärtnern unbeliebte Pflanze sogar in den Griff bekommen. Feder verriet: „Ich darf nur bei meiner Freundin bleiben, weil ich den Giersch beherrsche.“ Kaum ein Kraut hingegen sei gegen die Ackerschmalwand gewachsen. „Ganz Wilster trieft davon.“ Immerhin: schmeckt auch nach Kohl. Irgendwie hatte Feder bei seinem Rundgang immer etwas Grünes zwischen den Zähnen – und viele seiner Zuhörer ließen sich gerne mitreißen.

Nach der eher hageren Statur des Naturforschers zu urteilen hält der Naturgarten Parkplatz offenbar auch gesund. Und selbst dem Ackerschachtelhalm konnte er noch Positives abgewinnen. „Den hat man zum Zinnputzen benutzt.“ Gleich nebenan: „Und da, der Gundermann. Hilft gegen Pickel.“

Nur ein paar Meter weiter leuchten die Augen von Jürgen Feder noch heller: „Jetzt kommt die schönste Pflanze von heute: der fremde Ehrenpreis.“ Wer es bislang noch nicht wusste: In Deutschland sei diese Pflanze extrem selten. „Und hier ist der ganze Ort voll davon.“ Vermutlich sei die Pflanze über Baumschulen eingebürgert worden. Dass die in der Wilstermarsch eher rar sind, gab Feder dann aber doch ein kleines Rätsel auf. Bleibt noch seine Lieblingspflanze, die Feder natürlich auch auf dem Parkplatz fand: die strahlenlose Kamille, erkennbar an den glatzköpfigen Blütenstumpf. Diese Art, so erläuterte er fachkundig, habe es hier vor 150 Jahren noch nicht gegeben. Sie sei nämlich erst mit dem Zug aus der Steppe gekommen. „Und dass die in dieser kalten Gegend hier schon soweit ist...“, wunderte er sich. Bei seinem Besuch in Wilster hatte er aber auch einen angenehmen Frühlingstag erwischt. „In Wilster trifft sich die Welt“, fasste er seinen Parkplatzrundgang zusammen, wobei er ausdrücklich nicht die dort stehenden Automarken, sondern das Grün unter ihren Reifen meinte.

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