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Norddeutsche Rundschau

18. Oktober 2017 | 17:39 Uhr

Soziales : Riesenandrang im Sozialkaufhaus

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Nachfrage durch Flüchtlinge steigt immer weiter. Möbel bleiben oft weniger als eine Woche im Lager. Weitere Spenden erwünscht

Beate Paulsen hat wenig Zeit. Die Leiterin des Sozialkaufhauses der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Bildung und Arbeit hat alle Hände voll zu tun. Schnell klebt sie noch einige Zettel auf ein paar Möbel. „Verkauft“, steht darauf. „Im Moment bleiben die Möbel höchstens eine Woche hier. Manchmal habe ich das Gefühl, es geht hier zu wie im Taubenschlag“, sagt die
48-Jährige.

Sie steht im Lager des Sozialkaufhauses. Helfer verladen gerade ein Sofa in einen Lieferwagen. „Das kommt auch in eine Wohnung, in die eine Flüchtlingsfamilie einzieht“, sagt Beate Paulsen. Jeden Tag stünden jetzt Menschen, die aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea nach Itzehoe gekommen sind, im Kaufhaus – mit einer von der Stadt ausgestellten Berechtigung auf eine Grundausstattung. „Da ist alles drin – vom Stuhl über den Topf bis zur Gabel“, sagt Paulsen. Wenn sie und ihre Mitarbeiter mal ein wenig Zeit haben, stellen sie die Pakete schon im Vorwege zusammen. „Wir schätzen jedes Mal den Wert, denn die Flüchtlinge dürfen bei ihrem Einkauf einen gewissen Betrag nicht überschreiten. Deswegen können wir ihnen nicht alle Waren geben, die wir haben“, sagt Paulsen. So liegt das Budget für einen Wohnzimmerschrank bei 36 Euro – „und dafür gibt es meist keinen“, so Paulsen. Doch in der Regel könne sie alle Anfragen befriedigen. „Wenn nicht beim ersten, dann beim zweiten Mal.“

Angesichts der immer weiter steigenden Flüchtlingszahlen glaubt Beate Paulsen nicht, dass das noch lange so bleiben wird. „Es kommen zwar zurzeit auch mehr Spenden rein, aber das ist irgendwann endlich. Ich habe Angst davor, irgendwann Leute mit leeren Händen wieder wegschicken zu müssen. Aber noch schiebe ich diesen Gedanken ganz weit von mir weg.“

Die 50 Ein-Euro-Jobber im Sozialkaufhaus arbeiten schon in zwei Schichten. Beate Paulsen hat vor acht Jahren auch mal so angefangen, schaffte wenige Jahre später den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt – als Betriebsleiterin des Sozialkaufhauses. So stressig wie jetzt sei es noch nie gewesen. „Wenn wir jetzt Spenden bekommen, können wir die erst Anfang Oktober abholen“, sagt Paulsen. Und dennoch wirbt sie weiter um Kleider, Möbel, Elektrogeräte und Fahrräder (siehe Kasten).

Viele Menschen wollten exklusiv Sachen für die Flüchtlinge spenden, aber das sei nicht möglich. „Wir müssen die Waren mit einem Preis auszeichnen, und den müssen wir bekommen – egal, wer von unseren Kunden sie mitnimmt.“ Im Fall der Flüchtlinge wird das Geld von der Kommune erstattet, die wiederum Mittel vom Land bekommt.

Manchmal statte das Sozialkaufhaus auch ganze Wohnungen für die Kommunen aus – so wie vor einigen Wochen, als eine achtköpfige Familie aus Syrien nach Steinburg kam. „Wir haben erst drei Tage vorher davon erfahren, haben in der Wohnung Teppich verlegt, Schränke aufgebaut, sogar Lampen angeschlossen, was wir eigentlich gar nicht dürfen“, erzählt Paulsen und breitet ein paar Fotos vor sich aus, die die fertige Wohnung zeigen. Sogar Blumen sind in einer Vase zu sehen. „Da waren ganz kleine Kinder dabei, die hatten so viel durchgemacht. Wir wollten, dass sich die Familie hier willkommen fühlt“, sagt die Betriebsleiterin. Das ist offenbar gelungen. „Die Familie kommt immer noch fast jede Woche vorbei“, sagt Beate Paulsen und streicht ein unsichtbares Staubkorn von einem Möbelstück. „Um sich zu bedanken.“

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