Flüchlingshilfe : Rettungsmission im Mittelmeer

Dicht gedrängt: Nach der Rettung aus dem kalten Wasser erhalten die Bootsflüchtlinge an Bord der Sea-Watch2 eine Erstversorgung und werden an Land gebracht.
Dicht gedrängt: Nach der Rettung aus dem kalten Wasser erhalten die Bootsflüchtlinge an Bord der Sea-Watch2 eine Erstversorgung und werden an Land gebracht.

Regelmäßig geraten Bootsflüchtlinge im Mittelmeer in Seenot.  Freiwillige Helfer versuchen mit dem Rettungsschiff Sea-Watch2  zu helfen. Mit an Bord ist auch der Itzehoer Notfallsanitäter Kai Anders.

shz.de von
28. März 2017, 05:18 Uhr

Viel Zeit zum Eingewöhnen hatte er nicht: Kaum auf dem Schiff, hatte die Crew um den Itzehoer Kai Anders nicht nur mit drei Meter hohen Wellen zu kämpfen, sondern rettete einen Tag später insgesamt 270 afrikanische Flüchtlinge in zwei Schlauchbooten aus akuter Seenot. Anders ist zur Zeit als Sanitäter auf der Sea-Watch2 im Mittelmeer. Der 37-jährige Itzehoer, im Hauptberuf Notfallsanitäter beim Rettungsdienst im Kreis Steinburg, ist ehrenamtlich als Teil der medizinischen Crew tätig. Auf dem spendenfinanzierten Schiff der Nicht-Regierungsorganisation Sea-Watch ist er seit Mitte März für drei Wochen unterwegs und hat nach der Hälfte seiner Mission das Flüchtlingsleid hautnah miterlebt.

An Bord sind sie eine bunt zusammen gestellte internationale Crew aus 16 Freiwilligen, darunter neben einigen Deutschen auch Helfer aus Österreich, den Niederlanden, Italien und den USA. „Ich habe überhaupt keine Ahnung von der Schifffahrt gehabt, aber beim Dienst auf der Brücke schon viel über Navigation und Radar gelernt“, sagt Anders. Seine eigentliche Aufgabe ist aber, gemeinsam mit einer Ärztin die Crew und die Geretteten medizinisch zu versorgen. „Wir müssen im Ernstfall aber auch weitere Aufgaben übernehmen, etwa Schnellboote zu Wasser lassen, den Kran führen oder Feuer löschen.“

Nach einer Testfahrt inklusive diverser Trainingseinheiten ist die Sea-Watch2 Mitte März von Valetta auf Malta aus in ihr Einsatzgebiet gestartet. Das liegt zirka 24 Seemeilen vor der libyschen Küste in internationalen Gewässern. Dort hält die Crew nach Flüchtlingsbooten Ausschau. Als Kai Anders auf seiner Wache durchs Fernglas blickte, dauerte es nicht lange, bis er im Morgengrauen am Horizont tatsächlich drei Schlauchboote und ein kleines Kunststoffboot mit mehreren Hundert Menschen in akuter Seenot entdeckte. „Sie saßen dicht an dicht.“

Beim Aufnehmen der Flüchtlinge auf die Sea-Watch2 spielten sich teils dramatische Szenen ab. Mehr als zehn Stunden waren die Menschen bereits unterwegs. Auf den Booten herrschten katastrophale Zustände. „Sie waren voll mit Exkrementen, einige mussten sich übergeben“, schildert Anders. „Viele haben sich an Schrauben im Boden verletzt, denn die meisten sind barfuß.“

Die Temperaturen betragen tagsüber etwa 20 Grad, sinken nachts aber auf unter 15 Grad ab, das Wasser ist noch kälter. „Einige waren im Wasser ohne Weste. Das kann lebensgefährlich sein, zumal viele nicht schwimmen können.“

270 Frauen, Kinder und Männer von zwei Booten wurden auf dem Schiff in Sicherheit gebracht. Sie bekommen farbige Bändchen ums Handgelenk und eine Rettungsdecke. „Alle waren heilfroh, dem Tode entronnen zu sein, einige sind zusammengebrochen, andere haben gebetet, gesungen, geweint oder gelacht. Sie waren sehr emotional und haben sich umarmt.“ In all dem Trubel sei es den Rettern nicht leicht gefallen, professionell weiter zu arbeiten. Die Flüchtlinge wurden mit frischer Ersatzkleidung von der Organisation „Hanseatic Help“ versorgt. „In der nächsten halben Stunde haben sie alle geschlafen. Sie waren müde, angestrengt und glücklich, gerettet worden zu sein“, sagt Anders.

Die Flüchtlingsboote starten ihre Odyssee über das Mittelmeer immer abends, um nicht gesehen zu werden. Die durch die Sea-Watch2-Crew geretteten kamen von der libyschen Küste. Sie stammten aus vielen verschiedenen afrikanischen Nationen, der überwiegende Anteil waren junge Männer, aber es waren auch Familien und viele Kinder darunter sowie vier schwangere Frauen. „Einige kamen mit Kopfplatzwunden, denn sie waren geschlagen worden.“

Kai Anders war neugierig auf die Menschen, die sie da aus dem Wasser gezogen haben. „Sie wollten nach Deutschland oder Europa. Einige sind traumatisiert, kommen aus einem Arbeitslager, in dem sie keinen Lohn erhielten. Andere hatten Narben alter Wunden. Sie sind auf dem Weg nach Libyen mit Stöcken malträtiert und geschlagen worden.“ Einer hatte ein gebrochenes Handgelenk. „Sie wollten dem schlechten Leben entrinnen, die Flucht galt ihnen als letzter Ausweg, für den sie viel bezahlt haben.“

Nach der Rettung versenken die Helfer die Flüchtlingsboote. „Sie sollen nicht erneut verwendet werden.“ Die Insassen zweier weiterer Boote, die Anders Crew am gleichen Tag entdeckte, konnten sie nicht mehr aufnehmen. „Wir haben Schwimmwesten an sie verteilt und ein britisches Kriegsschiff hat sich dann um sie gekümmert.“ Viele würden aber nicht mal die 24-Seemeilen-Zone lebend erreichen, sagt Anders.

Während jüngst Österreichs Außenminister Sebastian Kurz die Arbeit der freiwilligen Flüchtlingsretter angegriffen hat und ihnen vorwarf, sie würden immer weitere Flüchtlinge ermutigen, sich auf den Weg zu machen, sagt Kai Anders: „Für mich erschreckend ist, dass eine Rettung nicht auf großer politischer Ebene möglich ist. Es sterben jeden Monat Menschen. Das wird einfach so hingenommen. Rettung wäre relativ einfach, ist aber anscheinend nicht gewollt.“


>Weitere Infos: www.sea-watch.org

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