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Unterwegs mit dem Kanalbetreuer : Reise in die Itzehoer Unterwelt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Blick in das 267 Kilometer lange Abwassersystem unter der Stadt offenbart: Mit Ratten und Kloake hat das nichts zu tun.

Itzehoe | Der Gang in den Untergrund beginnt vor dem Landgericht. Peter Bräuß, Betriebsleiter Kanalbetreuung beim Kommunalservice, hat einen Helm aufgesetzt und steigt vorsichtig durch einen Gully einige Meter in die Tiefe. Im Ringkanal schaltet er seine Taschenlampe an, bringt so Licht ins Dunkel der Itzehoer Unterwelt. „Ist doch ganz schön hier“, sagt der 57-Jährige. Man könnte jetzt Ratten erwarten oder eine stinkige Kloake, aber nichts davon stimmt. Den Boden des Kanals bildet eine Mulde, in der sich feiner Sand gesammelt hat. Es ist kühl und dunkel, aber nicht unheimlich. Sedimente haben sich an Leitern und Zuläufen abgesetzt, man kann erahnen, dass der Kanal auch manchmal randvoll ist. Die Betonröhre ist rund zwei Meter hoch, mindestens genauso breit und verläuft in Form eines Bogens. Aus einem Zulauf plätschert das Wasser der Itze hinein, klar und sauber. An die Wand hat jemand ein Datum gesprüht, das besagt, dass der Kanal das letzte Mal vor über vier Jahren gereinigt wurde. „Wir holen dann Sand heraus, aber das ist zum Glück nicht häufig nötig“, sagt Peter Bräuß. Einmal im Jahr prüft der Kommunalservice den Kanal, in den sonst keiner hineinkommt.

Rund 267 Kilometer lang sind die unterirdischen Rohre, die das Itzehoer Schmutzwasser zur Kläranlage und das Niederschlagswasser in die Stör leiten, davon sind 127 Kilometer Schmutzwasserkanäle und 126 Kilometer Regenwasserkanäle. Es gibt rund 5600 Reinigungsschächte, 35 Pumpwerke, zwei  Schöpfwerke und 38 Regenrückhaltebecken. Laut Kommunalservice sind alle Behandlungsanlagen, Rohre, Pump- und Schöpfwerke und Rückhaltebecken, die unter der Stadt liegen, fast 80 Millionen Euro wert. Rund 4,6 Millionen Euro nehmen die Stadtwerke über die Abwassergebühren ein.

Bräuß watet durch das nicht mal knöchelhohe Wasser im Verlauf der alten Störschleife. Um seinen Hals baumelt eine Messgerät, das ständig den Anteil an Kohlendioxid und anderen Gasen in der kühlen Luft prüft. „Eine Vorsichtsmaßnahme“, sagt Bräuß. Denn schon wenn es in dem Kanal nach Fäkalien riechen würde, „hätten wir ein Problem“.

Die Spülung der Schmutzwasserkanäle ist in vielen Kommunen zum Problem geworden, weil die Menschen immer weniger Wasser verbrauchen, sich die Kanäle immer weiter zusetzen. „In Itzehoe ist das aber nur in manchen Wohngebieten ein Thema, wo die Menschen tagsüber wenig Wasser verbrauchen“, sagt Bräuß. „Da könnten die Hauseigentümer ein Problem bekommen, weil sich ihre Leitungen bis zum Anschluss an unsere Hauptleitung verstopfen könnten.“ Ein Druck mehr auf die Spülung könnte da langfristig Kosten sparen, sagt Bräuß.

Zulauf: In manchen Kanälen kann man problemlos stehen.
Zulauf: In manchen Kanälen kann man problemlos stehen. Foto: kay müller
 

In vielen Teilen Itzehoes wird der Niederschlag durch ein vom Schmutzwassersystem getrenntes, 126 Kilometer langes Regenwasserkanalsystem abgeleitet. Nur in der Innenstadt kommt auf 14 Kilometern Länge auch Schmutzwasser aus einzelnen Haushalten dazu. Unter der Helenenstraße gibt es einen Schieber im System, der regelt wie viel Wasser zum Klärwerk geleitet wird. „Diese Drossel fängt die festeren Bestandteile ab, damit sie nicht in das Auffangbecken gelangen“, sagt Bräuß. Das befindet sich unter dem Parkplatz an der Wilhelm-Biel-Straße. An diesem regenfreien Tag ist es leer. „Aber schon wenn es einen halben Tag lang mal richtig Starkregen gibt, können die 2700 Kubikmeter schnell voll sein, denn wir können keinen Rückstau in den Kanälen riskieren“, sagt Bräuß. Über ein Überlaufventil gelangt das Wasser dann in den Ringkanal, und wird durch das Gefälle bis zum Schöpfwerk an den Malzmüllerwiesen geleitet. „Das Schmutzwasser ist dann durch den vielen Regen so verdünnt, dass es keine nennenswerten Belastungen mehr aufweist“, sagt Bräuß. Deshalb könne es bei Ebbe ohne Probleme in die Stör abfließen. „Wir haben aber auch zwei große Pumpen, die in der Stunde insgesamt 21.000 Kubikmeter Wasser in die Stör leiten können.“ Letzten Endes sorgten sie dafür, dass die Füße der Itzehoer trocken bleiben.

Ab in die Stör: Peter Bräuß im Schöpfwerk an den Malzmüllerwiesen.
Ab in die Stör: Peter Bräuß im Schöpfwerk an den Malzmüllerwiesen. Foto: Kay Müller

Als die alte Störschleife in den 1970er Jahren zugeschüttet wurde, ist das System entstanden. Seit längerem wirbt der Verein Störauf dafür, sie wiederzubeleben, um das Wasser zurück ins Stadtbild zu holen. Dann könnte am Theater, dort wo Hans-Hermann Blöcker vom Kommunalservice seinem Kollegen wieder aus der Unterwelt hilft, einmal für alle sichtbar Wasser fließen.

Doch an diesem Tag schließt Blöcker erstmal den Gully. Früher habe er bei Reinigungen auch häufig etwas finden können, sagt er. „Da waren immer mal ein paar Münzen dabei, ganze Markstücke“, erzählt der 57-Jährige. Aber die Währungsumstellung hatte für ihn zumindest keine Vorteile. „Wir finden kaum Euros, und wenn nur solche, die schon fast weggerostet sind.“

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