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Norddeutsche Rundschau

26. September 2017 | 05:57 Uhr

Lesung : Raus aus der Sucht – mit viel Humor

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Autor Peter Wawerzinek stellt sein neues Werk „Schluckspecht“ im Wewelsflether Eulenhof vor. Das Buch bietet tiefe Einblicke und ergreifende Komik.

Es war ein Heimspiel. Der Berliner Autor Peter Wawerzinek war sichtlich gerührt, als er sein neues Buch „Schluckspecht“ im Wewelsflether Eulenhof vor über 100 Besuchern vorstellte. Die große Scheune war extra für ihn dekoriert. Stellwände mit Zeitungsartikeln zeugten von seinen großen schriftstellerischen Erfolgen der vergangenen Jahre. Von der Decke baumelnde Pappvögel, Bilder und Flaschen verwiesen auf seinen Erfolgsroman „Rabenliebe“ (2010) und auf den aktuellen „Schluckspecht“ (2014). Im Hintergrund liefen tonlos Filmausschnitte von seinem Auftritt im ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“, von seinem Stipendiaten-Aufenthalt im Wewelsflether Döblinhaus und seinem anschließenden Umzug in den Eulenhof, wo er über Jahre seine Alkoholsucht in den Griff bekam und zu neuen kulturellen Höhenflügen startete.

Wawerzinek las in der Kulisse einer Hausbar, die die Bewohner des Eulenhofs, einer Langzeiteinrichtung für Alkoholabhängige, für ihn aufgebaut hatten. Zum Start schmetterte der Autor gemeinsam mit alten Freunden ein umgedichtetes Lied, das das Saufen ironisch auf die Schippe nahm. Ironie und viel Humor zeichnen auch den „Schluckspecht“ aus, in dem der heute 60-Jährige mit seinen autobiografischen Erfahrungen den Lebensweg eines Jugendlichen und Mannes nachzeichnet, der sich nach langer Abhängigkeit mit eigener Kraft aus dem Selbstbetrug hinauskämpft. Es beginnt mit dem Rumtopf und Eierlikör der Tante. Alkohol ist Lösungsmittel für die jugendlichen Blockaden, es ist „befreiend besoffen zu sein“, bald löst der Alkohol aber auch die „Gehirnzellen“ auf. Die beschwichtigenden Unterscheidungen des Onkels zwischen dem gesellschaftsfähigen „Trinker“ und dem gefährdeten „Säufer“ greifen irgendwann nicht mehr, und die Tischbeine fangen an zu wanken. „Ich habe als Jugendlicher ebenfalls geglaubt, mit Wein sei ich auf der sicheren Seite,“ bekennt der Autor. Auch bei seiner Hauptfigur beginnt das Doppelleben schleichend – mit einem ersten Ich, das fertig ist und sich verflucht, und mit einem zweiten Ich, das alles beschönigt und als ‚halb so schlimm‘ einordnet. Er ist „Jekill und Hyde, aufgespalten, hat Angst“ um sich selbst. Wawerzinek orientierte seine Figuren auch an Wewelsflether Eindrücken. „Tante Luci hat viele Züge von Hannelore Keyn,“ erläuterte er den Zuhörern und verwies auf die mittlerweile verstorbene „gute Seele“ des Döblinhauses, die über viele Jahre die Stipendiaten betreute und bemutterte.

Der Roman zeichnet sich durch die bildliche, oft auch unverblümte Sprache und viele Querbezüge aus. Zitate aus Goethes Faust, abgewandelte Sprichwörter oder Lebensweisheiten und Alltags-Reime veranschaulichen die Gedanken und Erkenntnisse der Figuren, die ihr Herz auf der Zunge tragen und sich „nackig machen“, wie der Autor auch seine eigene Läuterung durch dieses Buch beschreibt.

Somit ist ihm viel mehr gelungen als einer der typischen Ratgeber oder „Bekennerromane“, wie es Eulenhof-Leiter Gerd Gedig ausdrückte. Es geht um tiefe Einsichten, aber vor allem auch um packende Literatur und ergreifende Komik, wie die begeisterte Besucherreaktion bei der Lesung zeigte.

Gerd Gedig verbindet mit Wawerzineks neuem Buch eine eigene Mission: Der Psychologe möchte nun, da er die Leitung des Eulenhofs abgibt, mit seinem Schriftstellerfreund auf Leserreise gehen. Er würde das Buch gern in Schulen vorstellen. Außerdem schweben ihm Lesetermine in Krankenhäusern und Diskussionen mit Ärzten und Suchtexperten vor – als Gegengewicht gegen die wissenschaftliche Dogmatik.

Der Inhalt von „Schluckspecht“ verweise auf die Notwendigkeit, die Suchthilfe neu auszurichten, niedrigschwellig, ohne absolutes Abstinenzgebot, sagt Gedig. Da taucht Wawerzineks eigene Erfahrung mit dem Eulenhof-Konzept auf, das gelegentliche Rückfälle langfristig bewusst einbaut – und so dem Autor letztlich nach längeren Schaffenspausen immer wieder die Kraft für einen künstlerischen Höhepunkt verlieh.





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