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Norddeutsche Rundschau

17. Oktober 2017 | 06:10 Uhr

Erinnerungen : Rathauswohnung nach dem Krieg

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Frauken Klinkforth bewohnte als Kind mit ihrer Familie von 1945 bis 1953 das Dachgeschoss des heute denkmalgeschützten Wilsteraner Gebäudes.

von
erstellt am 10.Sep.2014 | 17:00 Uhr

Der Förderverein Historische Rathäuser in Wilster sucht in Zusammenarbeit mit unserer Zeitung Menschen, die Erlebnisse in Zusammenhang mit den Rathäusern erzählen. Mehrere haben sich bereits gemeldet, eine davon ist Frauken Klinkforth, geborene Steinbrecher, aus Münsterdorf. Sie hat von Sommer 1945 – als Zehnjährige – bis Frühjahr 1953 mit ihrer Familie im Dachgeschoss des Alten Rathauses gewohnt, zog danach in die Rathausstraße – und erzählte davon nun dem Vorsitzenden des Fördervereins, Holger Stamm.

Zehn Jahre war Frauken Klinkforth alt, als sie die eigene Wohnung im dritten Stock des Andresen-Hauses am Markt verlassen mussten. Englische Besatzer beanspruchten das Gebäude für sich. „Binnen drei Tagen mussten wir raus.“ Zunächst lebten sie im Keller, der aber zu nass war, so dass die vierköpfige Familie in das Alte Rathaus eingewiesen wurde. Aber natürlich nicht als einzige. Denn damals war Wilster „sowieso schon voll“, erst kamen die Menschen, die ausgebombt worden waren, dann die Flüchtlinge.

Und so lebten auch im Alten Rathaus viele Menschen, auf jeder Seite jeder Etage. Der Saal beispielsweise, in dem heute die Doos’sche Bibliothek untergebracht ist, war mit Wänden versehen worden. In den Zimmern wurde eine Flüchtlingsfamilie untergebracht. „Aber die Wände waren dünn, es gab keine Heizmöglichkeiten. Die Familie war nur ganz kurz dort.“ Unten in der einstigen Markthalle waren ebenfalls Wände gezogen worden, es wurde als Obdachlosenasyl genutzt.

Vergleichsweise hatte Frauken Klinkforths Familie noch viel Platz. Schlafzimmer, Stube und Küche, von der aus eine Treppe zum Dachboden führte. Das Giebelzimmer nach vorne wurde von anderen bewohnt, die aber bald auszogen. „Das wurde später mein Kinderzimmer“, erzählt sie. Bis dahin schlief sie auf dem Sofa in der Stube.

Direkt an das Alte Rathaus schloss sich zur Schmiedestraße hin noch ein Gebäudetrakt an. „In dem Nebengebäude war die Kommandantur, später die Polizei, bis diese zum Steindamm zog.“ In diesem Nebengebäude gab es fünf Toiletten. „Eine davon wurde uns zugewiesen, sie war aber gleichzeitig auch öffentliche Toilette. Sie können sich vorstellen, wie das da aussah.“ Doch ihre Mutter erreichte, dass die Kommandantur noch eine weitere Toilette abgeben musste. Das war erträglicher, auch wenn sie abends mit Laternen ausgestattet über den dunklen Hof dorthin gehen mussten. Da gab es allerdings noch ein anderes Problem: Neben dem Rathaus floss noch die Au – und an deren Ufer gab es viele Ratten.

Doch an eines erinnert sich Frauken Klinkforth noch besonders gern: Mit den Flüchtlingen kamen auch viele Spielkameraden für sie in die Stadt. „Wir konnten herrlich spielen, in der Zeit hat uns keiner gestört“, fügt sie lächelnd hinzu.


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