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Aus dem Gericht : Prozess sechs Jahre nach dem Überfall

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Am Landgericht Itzehoe ist ein 37-Jähriger wegen schweren Raubes angeklagt. Am ersten Prozesstag sagt die überfallene Spielhallenaufsicht aus.

Das Leiden des Opfers, einer 50-jährigen Frau aus Itzehoe, schreit geradezu nach einer harten Strafe. Auch sechs Jahre nach dem Überfall auf eine Spielhalle in Itzehoe-Wellenkamp, in der die 50-Jährige nachts als Aufsicht tätig war, ist ihr Leben fernab jeder Normalität. Beruhigungspillen und Therapie, Ängste, Schlafstörungen und Flashbacks quälen sie noch heute. ,,Ewig“ habe sie die „Angst im Nacken“, sagt die Frau gegenüber Strafrichter Johann Lohmann.

Lohmann ist Vorsitzender der großen Strafkammer am Landgericht Itzehoe. Dort muss sich ein 37-jähriger Mann aus Lüneburg derzeit wegen schweren Raubes verantworten. Er soll am 17. Mai 2011 die Spielhalle um 3.35 Uhr überfallen haben. Die letzten Gäste hatten grade die Halle verlassen, darunter die Verlobte des Angeklagten, die Aufsicht ist dabei die Geldscheine in den Tresor zu packen, als ein maskierter schlanker Mann über die gut zwei Meter hohe Schutzscheibe der Kasse springt und die Frau mit einer Waffe bedroht. Er drängt sie in die angrenzende Küche, räumt Tresor und Kasse aus, macht 1500 Euro Beute. ,,Bleib´ ganz ruhig, dann passiert dir nix“, habe der Täter gesagt – gleichzeitig hielt er ihr die Pistole an den Kopf, spannte den Hahn, erinnert sich die 50-Jährige im Prozess.

Zwei Stunden lang sagt sie aus, ist oft den Tränen nahe, sucht Blickkontakt zu ihrer im Zuschauerraum sitzenden Psychologin. ,,Wenn ich irgendwann normal einkaufen kann, bin ich froh. Ich hab alle in der Familie sehr weit weggestoßen, ich kann keine Nähe mehr ertragen“, beschreibt sie ihr aktuelles Leben. Sechs Wochen lang hat sie nach dem Überfall noch weitergearbeitet. Dann kamen Zusammenbruch, Traumaklinik, Therapie. Ein Drohbrief, den sie nach der Tat im Briefkasten fand, hatte ihr den Rest gegeben. ,,Ich hab den zerrissen. Da stand drauf: Sagst du ein Wort, ist deine Familie dran“, berichtet die 50-Jährige.

Der Angeklagte sagt kein Wort, schweigt. Durchaus verständlich, hat doch das Opfer ihn lediglich an seiner Stimme als mutmaßlichen Täter wiedererkannt. Bei einer Hausdurchsuchung wurden zudem Geldbanderolen gefunden, die aus der Spielhalle stammen. Ein starkes Indiz, mehr nicht, kann doch auch eine andere Person die Banderolen beim Angeklagten hinterlassen haben. Außerdem wurden Gewinne gelegentlich offenbar auch in Geldrollen ausgezahlt. Auch so könnte der Angeklagte an Banderolen gelangt sein.

Cornelius Diedrich, Anwalt des Angeklagten, versuchte gleich zu Prozessbeginn, die von der Polizei seinerzeit durchgeführte Stimmenerkennung einem Verwertungsverbot zu unterziehen und scheiterte damit. Die Gretchenfrage des Verfahrens lautet: Kann allein eine Stimmenerkennung eine Verurteilung zu einer mehrjährigen Haftstrafe tragen? Oder muss das Gericht letzte Zweifel zugunsten des Angeklagten werten und ihn freisprechen. Die Entscheidung darüber könnte bereits am 17. Mai – exakt sechs Jahre nach der Tat – fallen. Dann wird das Verfahren fortgesetzt.

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