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Vergewaltigung in Itzehoe : Prozess nach 24 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Sommer 1989 ereignet sich in Itzehoe ein brutales Verbrechen. Angeklagt ist ein heute 54-Jähriger, der nahe Göteborg in Schweden lebt.

shz.de von
erstellt am 05.01.2014 | 16:00 Uhr

Itzehoe | Es war der letzte Sommer vor dem Fall der Mauer. In den Satellitenstaaten des ehemaligen Warschauer Paktes herrschte Aufbruchstimmung unter den Bürgern. Nach Westen zog es die meisten. So auch mehrere Rumänen, die im einstigen Asylantenheim in Itzehoe-Oelixdorf landeten.

Am Abend des 29.Juli folgen zwei Rumänen einer Polin zum Asylantenheim, kurz vorm Heim fallen sie brutal über die mit gut drei Promille schwer betrunkene Frau her. Mit Schlägen machen sie die Frau gefügig und vergewaltigen sie nacheinander.

Die Männer wie auch die Frau sind damals um die 30, heute Mitte 50. Mehrere ältere Anwohner werden Zeugen der Tat. Ihre Aussagen finden sich in den Fallakten. Von denen ist heute leider nicht mehr allzu viel übrig. Es gibt nicht mehr lesbare Seiten, es gibt fehlende Seiten. Zudem sind etliche der einstigen Zeugen bereits verstorben. Dennoch eröffnete das Landgericht dieser Tage vor der von Strafrichter Eberhard Hülsing geführten 2. Großen Strafkammer das Hauptverfahren.

Viele Fragen offen

Angeklagt ist ein heute 54-jähriger Rumäne, der nahe Göteborg in Schweden lebt, verheiratet und Vater zweier Kinder ist. Seine Anwältin Gabriele Heinecke aus Hamburg moniert sofort nach Verlesen der Anklage die mangelhafte Akte und fordert die sofortige Einstellung des Verfahrens. ,,Es ist ein massiver Verstoß gegen den Grundsatz des rechtlichen Gehörs“, legt Heinecke los. ,,Wie soll man verteidigen, wenn man nur einen Teil der Akten hat“, bemängelt sie und fordert gleichwohl Akteneinsicht in die fehlenden Teile. Die Aktenteile fehlen aber nicht nur ihr, sondern auch dem Gericht und Staatsanwältin Stephanie Poensgen. Heinecke benennt zudem ein paar Fakten, die an der Schuld ihres Mandanten Zweifel aufkommen lassen könnten. So wurde sein Sperma nicht am Opfer gefunden, ein in der Scheide des Opfers gefundenes Fremdhaar stammt auch nicht von ihm. Poensgen sieht die Sache rechtlich ähnlich unausgegoren wie Heinecke. ,,Wir haben nur Müll“, bringt Heinecke es auf den Punkt.

Gericht nicht ohne Zweifel

Das Gericht hat Zweifel, zieht sich zur Beratung über den von Verteidigerin und Staatsanwältin gemeinsam gestellten Antrag auf Einstellung des Verfahrens ins Hinterzimmer zurück. Bei Wiedereintritt hat das Gericht seine Zweifel überwunden. ,,Ein unüberwindliches Verfahrenshindernis liegt nicht vor“, weist das Gericht die diesbezüglichen Anträge von Verteidigung und Staatsanwaltschaft zurück. Zudem stehe ja das Opfer als Zeugin zur Verfügung. Das das Verfahren überhaupt noch stattfindet bei einer Verjährungsfrist von 20 Jahren, liegt daran, dass diese mehrfach unterbrochen, somit zurück auf Null gesetzt wurde, und dass der Angeklagte bereit war zu erscheinen. Außerdem liegt die absolute Verjährungsfrist bei 40 Jahren. Man hat also noch Zeit.

Da der Mann kein Deutsch spricht, benötigt das Gericht eine Dolmetscherin, die simultan vom Deutschen ins Rumänische überträgt. Doch das schafft die Dame nicht. Zeitweise übersetzt sie gar nicht. Zudem übersetzt sie nicht wörtlich, sondern versucht dem Angeklagten zu erklären, was der Richter meint. So geht es nicht bei Gericht. Ohne eine simultane, präzise Übersetzung kann nicht deutsch sprechenden Angeklagten kein faires Verfahren garantiert werden.

Dolmetscherin von der Polizei
Der Prozess droht zu platzen. Doch Rechtsanwältin Heinecke weiß, dass eine Top-Dolmetscherin gerade bei der Polizei in Itzehoe übersetzt. Hülsing lässt sich deren Handynummer geben. Binnen 20 Minuten ist die Frau vor Ort. Während das Gericht noch in der Kaffeepause sitzt, bringt sie den Angeklagten auf den aktuellen Sachstand. Das Verfahren ist gerettet.

Über die neue Dolmetscherin berichtet der Mann nun, wie er damals zwei Tage vor der Tat im Asylantenheim eintraf. Am Tatabend lernt er in einer Kneipe drei Landsmänner und zwei Polinnen kennen. Er hat über 1000 US-Dollar dabei, des weiteren französische Francs. Die Frauen sind sehr betrunken. Eine der Polinnen folgt ihm vors Lokal, als er sich zum Gehen aufmacht und fordert ihn auf, sie mit nach Schweden zu nehmen, seinem eigentlichen Reiseziel. Er lehnt dies brüsk ab, macht sich später allein auf den Heimweg. Vor dem Heim warnen ihn Landsleute, die Polizei sei da, man suche ihn. Er fährt mit der Bahn nach Hamburg, nach einer Nacht im Freien reist er weiter nach Schweden. 1991 wird er dann im Ostberliner Transit bei einem Flug nach Rumänien festgenommen. Man versucht ihm den Prozess zu machen, doch das Opfer ist nicht verfügbar. So muss man ihn freilassen, Er kehrt zurück nach Schweden.

Die Akte wandert in den Keller, da man fortan davon ausgeht, dass er aus Schweden nicht wieder anreisen würde. 2011 nimmt Staatsanwältin Monika Krause die Akte in die Hand und lädt den 54-Jährigen kurzerhand vor. Der erklärt überraschenderweise seine Bereitschaft zu kommen. So kam es jetzt nach 24 Jahren endlich zum Prozess. Die Polin erscheint ebenfalls. Sie wird nun morgen vom Gericht gehört.

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