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vortragsreihe : Proviantlager vor den Toren Hamburgs

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Historiker Christian Boldt referierte im Ratssaal über 200- jährige Geschichte der Festung Glückstad. Auftakt der Vortragsreihe der Detlefsen-Gesellschaft.

Ausgangspunkt für die Gründung Glückstadts war das Bestreben des dänischen Königs Christian IV., einen Stützpunkt in der Nähe Hamburgs zu erhalten. Zwar war er als Herzog von Holstein nominell auch Landesherr über Hamburg, doch die reiche Handelsstadt hatte sich schon unter seinen Vorgängern weitgehend verselbstständigt. So beschloss der dänische König, in den Marschen an der Mündung des Rhins in die Elbe einen modernen Nordseehafen zu bauen. Als offizielles Gründungsdatum der planvoll nach Art der Renaissance mit zwölf radial vom Marktplatz ausgehenden Straßen angelegten Stadt gilt der 22. März 1617, als Glückstadt das Stadtrecht verliehen bekam. Die neue Stadt im Herrschaftsbereich des Herzogs sollte nicht nur im Handel Hamburg Konkurrenz machen. Sie hatte auch eine wichtige strategische Funktion. Zeug-, Proviant und Gießhäuser wurden für die Garnison und den Flottenstützpunkt gebaut. Glückstadt sollte nicht nur helfen, die Interessen gegen Hamburg zu wahren, es war gleichzeitig als gesicherter Elbübergang für die Ambitionen Christians im Niedersächsischen Kreis wie auch als Rückzugspunkt im Falle militärischer Rückschläge gedacht. Deshalb wurde die Stadt auch als Festung ausgebaut.

Die besonderen Festungsanlagen verdankt Glückstadt der fortschreitenden Entwicklung der Feuerwaffen. Immer wirkungsvollere, schnellere Geschütze machten seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert die Anpassung der mittelalterlichen Wehrbauten an die neue Waffentechnik erforderlich. Burgen und Stadtbefestigungen des ausgehenden Mittelalters waren den neuen Zerstörungskräften nicht mehr gewachsen. Ein auf Vernunft basierendes System von Angriff und Verteidigung sollte helfen, die Zerstörungskraft in geordnete Bahnen zu lenken. Die mathematischen Wissenschaften gewannen in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung, auch für die Entwicklung eines neuen Verteidigungssystems, das dem modernen Kriegswerkzeug stand zu halten vermochte. An die Stelle der hohen Mauern traten nun relativ flache, stark abgeböschte und mit einer Brustwehr versehene Wälle. An denen konnten die gegnerischen Stein- oder Eisenkugeln keine allzu großen Schäden anrichten.

Die Planung Glückstadts mit seiner Befestigung steht in der Tradition der holländischen Manier. Wie in den Niederlanden wurden die Glückstädter Festungswerke vollständig aus Erde erbaut, mit Grassoden bedeckt und von Wassergräben umgeben. Zur besseren Beherrschung des Grabens wurden die Wälle und Bastionen von einem Weg und einem zusätzlichen, niedrigeren Schutzwall umgeben. Zudem wurden zahlreiche Außenwerke erbaut, darunter Ravelins, die im Graben vor den Bastionen errichtet wurden. Glückstadt widerstand so 1627/28 der Belagerung der Kaiserlichen Armee unter ihrem Heerführer Wallenstein. Auch in den weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen, die die verschiedenen Dänenkönige im 17. Jahrhundert mit Schweden um die Vorherrschaft im Ostseeraum führten, spielte Glückstadt immer wieder eine wichtige Rolle als Lieferant von Soldaten, Munition und Verpflegung. In den 1670er Jahren waren elf Kompanien in Glückstadt stationiert. Das Königin-Leib-Regiment erhielt die Festung 1679 als ständige Garnison zugewiesen. Es unterstand direkt dem König und war eine militärische Elite-Truppe. In dieser Zeit wurde Glückstadt neben Kopenhagen und Christiansand dritter dänischer Flottenstützpunkt. Zwei Fregatten und eine Galliot waren hier stationiert, dazu eine Kompanie Marine-Infanterie. 1740 wurde ein großes Hafenbassin fertig gestellt, die heutige „Docke“ am Außenhafen.

1761 wendete sich jedoch das Blatt für Glückstadt. Im Zuge der Umstrukturierung des dänischen Heeres wurde Sinn und Zweck der dänischen Festungen untersucht. Der aus Frankreich stammende Graf Charles-Louis Saint-Germain, der ab 1761 Oberbefehlshaber der dänischen Armee war, ließ die Festungen nach ihrer militärischen Bedeutung in verschiedene Klassen einteilen. Nach diesen richtete sich auch die Bereitstellung der jährlichen Finanzmittel. Glückstadt wurde zwar als Festung zweiter Klasse eingeteilt, aber der Graf soll gesagt haben: „Auf Glückstadt muss so wenig wie möglich verwendet werden, da dieser Ort niemals eine für den Staat nützliche Festung werden kann.“ Das bedeutete für die Stadt an der Elbe, dass die Anlagen nicht mehr ständig modernisiert und der sich weiter entwickelnden Kriegstechnik angepasst wurden.

Im Zuge der Napoleonischen Kriege wurde Glückstadt wieder mehr Aufmerksamkeit zu Teil. Die Franzosen hatten sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Norddeutschland auf der niedersächsischen Seite festgesetzt. Aus diesem Grund zogen die Dänen, um einer weiteren Expansion der Franzosen zuvorzukommen, erhebliche Truppenkontingente in Holstein zusammen (16 000 Mann). Auch die Festung Glückstadt sollte aufgerüstet werden. Der Wasserbauingenieur und Deichbaumeister Claus Hinrich Christensen bekam den Auftrag, die Erneuerung zu planen. Da ihm aber die Unterstützung des Festungskommandanten fehlte und er überhaupt wenig Unterstützung der obersten Heeresleitung bekam, gingen die Arbeiten nur schleppend voran. Als sich die politische Lage 1813 zuspitzte, entwarf er einen Plan, um die marode Festung Glückstadt bestmöglich zu sichern – er wurde nicht erhört. Im Winter stand das Heer der Alliierten Nordarmee aus Schweden, Russen und Preußen in voller Stärke vor Glückstadt – Glückstadt wurde nach 1628 zum zweiten Mal belagert.

Weitere Vorträge: Heute: Dr. Lorenzen-Schmidt, Garnisonsleben im dänischen Gesamtstaat - Glückstadts Bürgerleben unter Bedingungen von Festung und Garnison. 12. Februar: Christian Boldt, Die Belagerung der Festung Glückstadt. Dezember 1813 - Januar 1814 – Historische Einordnung und militärische Aspekte. 19. Februar: Ruth und Hans-Reimer Möller, Die Belagerung der Festung – die Leiden der Zivilbevölkerung. 26. Februar: Dr. Lorenzen-Schmidt, Die Belagerung der Festung Glückstadt als Belastung des Umlandes von der Stör über Krempe bis Herzhorn und Kollmar. 12. März, Ruth Möller, Die Entfestung der Stadt, die Schaffung der „Anlagen“ und das Gedenken an die Belagerung in Worten und Objekten. Beginn jeweils 18.30 Uhr.

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erstellt am 04.Feb.2014 | 16:44 Uhr

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