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Interview mit Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin : Prokon ist wieder da – „ein toller Start“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Jurist Dietmar Penzlin begleitete das Windkraftunternehmen durch das Insolvenzverfahren: Mit dem Ergebnis ist er sehr zufrieden, sein Ausblick ist positiv.

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erstellt am 06.Sep.2015 | 14:00 Uhr

Itzehoe | Es war eines der größten Insolvenzverfahren der deutschen Wirtschaftsgeschichte – und Dietmar Penzlin war mittendrin. Ab Januar 2014 beschäftigte ihn das Schicksal der Prokon Regenerative Energien GmbH fast rund um die Uhr – ihn und ein Kernteam von 40 Anwälten, Wirtschaftsprüfern, Steuer- und Unternehmensberatern. Insgesamt umfasste die Mannschaft fast 100 Mitarbeiter, die versuchte, die insolvente Windkraftfirma zu retten. Es gelang: Am 2. Juli entschied sich die Gläubigerversammlung in Hamburg eindeutig für eine Zukunft als Genossenschaft. Zum 31. Juli wurde das Insolvenzverfahren aufgehoben. Doch Penzlins Arbeit ist damit noch nicht ganz beendet. Im Interview blickt der 44-Jährige zurück und voraus.

Herr Penzlin, von allen Seiten inklusive Bürgermeister gab es viel Lob für Ihre Arbeit als Insolvenzverwalter. Der Jurist an sich gilt als eher emotionslos – erlauben Sie sich trotzdem ein wenig Stolz?

Wenn ich stolz bin, dann bin ich stolz auf das Team, mit dem ich zusammengearbeitet habe, und auf die Belegschaft bei Prokon. Es ist ein echtes Gemeinschaftsprojekt gewesen, und es hat sehr gut geklappt. Es hat durchaus Situationen gegeben, in denen es hätte anders laufen können, aber das Ergebnis ist jetzt sehr gut.

Haben Sie das zu Beginn erwartet?

Nein. Das war nicht abzusehen. Auch das starke Engagement der Genussrechtsinhaber ganz außerhalb des normalen Anlegerverhaltens war nicht abzusehen.

Was sind für Sie Höhepunkte in diesen anderthalb Jahren?

Die beiden Gläubigerversammlungen in 2014 und 2015 gehören sicher dazu. In 2014 war es die Erteilung des Auftrags, ein „Gläubigerbeteiligungsmodell“ zu konstruieren, und dann in 2015 die Verabschiedung eines solchen Modells. Aber es gab auch viele kleine Highlights im Alltag in Arbeitsbesprechungen und persönlichen Kontakten im Unternehmen.

Weniger angenehm war sicher die Auseinandersetzung mit Firmengründer Carsten Rodbertus, der schließlich gehen musste und jetzt im von Prokon finanzierten Holzpalettenwerk in Torgau als Angestellter arbeitet. Wie beurteilen Sie das heute?

Es war eine sehr harte und über viele Monate währende Auseinandersetzung. Ich würde es aus heutiger Sicht nicht anders machen, und ich denke, für den Fortbestand des Unternehmens war es grundlegend, die Trennung zu vollziehen. Ich habe mich aber Ende 2014 mit Herrn Rodbertus einvernehmlich außergerichtlich verständigt, und seitdem betrachte ich die Angelegenheit als erledigt. Im Sommer habe ich Herrn Rodbertus bei einem meiner Arbeitsbesuche in Torgau getroffen. Wir hatten ein vernünftiges Gespräch.

Eng mit Herrn Rodbertus verbunden war der besondere Geist bei Prokon, der viele auch während der Zeit der Insolvenz offenbar sehr motiviert hat. Groß war die Freude über die Entscheidung für die Genossenschaft. Jetzt aber hört man Stimmen aus dem Unternehmen, die deutliche Ernüchterung erkennen lassen. Tenor: Das ist nicht mehr das Prokon, für das wir gekämpft haben.
Das entspricht nicht ganz meiner Wahrnehmung. Ich glaube, dass der „Prokon-Spirit“ – die Ausrichtung auf Eigeninitiative und Kreativität – personenunabhängig im Unternehmen vorhanden ist. Es ist ein Ziel des Insolvenzverfahrens gewesen und auch ein Ziel des Genossenschaftsvorstands, diesen Spirit zu erhalten.

Was ist nach dem Ende des Insolvenzverfahrens für Sie noch zu tun?

Seit dem 1. August ist das Insolvenzverfahren aufgehoben und Prokon damit frei am Markt tätig, mein Aufgabenumfang ist seitdem stark eingeschränkt. Ich bin nur im Rahmen der Planüberwachung noch aktiv. Dabei geht es schwerpunktmäßig um die von uns gegründete Abwicklungsgesellschaft, die Darlehen an das Palettenwerk und zur Finanzierung der Wälder in Rumänien noch verwerten und die Erlöse anschließend an die Gläubiger auskehren soll. Operativ hat im Unternehmen jetzt allein der Vorstand das Sagen, der sich dazu mit seinem Aufsichtsrat abstimmt.

Prokon ist nun eine Genossenschaft mit mehr als 37  000 Mitgliedern. Sie betonten stets, dass sie gute Chancen am Markt hat. Wie sehen Sie das heute?

Nicht anders. Die Startvoraussetzungen sind gut, das Unternehmen muss jetzt die Herausforderungen des Marktes annehmen. Nach dem, was ich jetzt höre, gibt es zudem ein großes Bestreben künftiger Anleger, in Prokon zu investieren. Das ist sicher eine weitere gute Voraussetzung für das wirtschaftliche Wohlergehen. Man sollte dem Vorstand des Unternehmens jetzt aber einige Monate Zeit geben, alle erforderlichen Maßnahmen umzusetzen. Dazu gehört es, sich eine Kreditlinie zu holen für Windparkfinanzierungen und sonstige geschäftliche Ausgaben. Das Unternehmen muss sich auf die Emission der börsennotierten Anleihe im Jahr 2016 vorbereiten, die Teil des Insolvenzplans ist, sich aber auch im genossenschaftlichen Umfeld mit vielen anderen Beteiligten abstimmen. Und vor allem hat das Unternehmen eine ganze Reihe an tollen Windparkprojekten, die zu finanzieren sind. Wir haben einiges schon im Insolvenzverfahren vorbereitet, jetzt muss es umgesetzt werden. Das ist schon ein sehr großer bunter Strauß an Themen, die alle parallel angegangen werden müssen.

Noch einmal ein Blick zurück: Was ist durch die Insolvenz alles verloren gegangen?

Die Insolvenzquote, wie wir sie taxiert haben, beläuft sich auf etwa 58 Prozent. Die Gläubiger erhalten unterschiedliche Bausteine zur Befriedigung: Einige erhalten Barauszahlungen, dann gibt es die Anleihe als Instrument, das dritte Instrument sind die Mitgliedschaftsanteile an der Genossenschaft. Alles zusammengerechnet, landet man bei 58 Prozent. Angesichts der Verbindlichkeiten von etwa 1,6 Milliarden Euro bedeutet das einen Verlust von bis zu einer Dreiviertelmilliarde.

Und das ist Geld, das vielen weh tut.

Das ist sicher so. Prokon hat etwa 75.000 Anleger gehabt, die im Durchschnitt etwa 19.000 Euro angelegt haben – recht hoch für so ein Genussrechtsmodell. Ich habe ordnerweise Briefe von Gläubigern erhalten, die mir ihre persönliche Situation geschildert haben, ganz überwiegend Gläubiger im fortgeschrittenen Alter, die einen erheblichen, in einigen Fällen auch alleinigen Teil ihrer Altersvorsorge reduziert und insoweit auch verloren sehen.

Für diese Gruppe ist die eigentlich sehr gute Insolvenzquote also nur ein schwacher Trost?

Die durchschnittliche Insolvenzquote in Deutschland liegt im einstelligen Prozentbereich, insofern ist es mit Sicherheit ein sehr gutes Ergebnis. Das ändert aber nichts daran, dass der einzelne Gläubiger immer noch mit einem Verlust in der Größenordnung von gut 40 Prozent konfrontiert ist.

Worauf basiert das gute Ergebnis?

Schwierige Frage. Ich denke, es basiert auf dem erfolgreichen Zusammenwirken vieler Beteiligter, zuvorderst der Belegschaft, die ganz überwiegend sehr engagiert die anderthalb Jahre mitgearbeitet und durchgehalten hat. Aber auch an dem Mitwirken aller Mitglieder meines Teams, die Tag und Nacht gearbeitet haben. Und natürlich liegt es an dem gesunden Kern, den Prokon hat mit mehr als 300 Windenergieanlagen und den zahlreichen Projekten, die entwickelt werden – es gibt eine substanzielle zweistellige Zahl an Projekten, die vor der Umsetzung stehen.

Welche Folgen gab es für die Arbeitsplätze?

Es sind etwa 200 Arbeitsplätze in Itzehoe erhalten, insgesamt hat das Unternehmen knapp 300 Mitarbeiter. Das bedeutet einerseits, dass ein Drittel der Arbeitsplätze verloren gegangen ist. Aber mir ist es wichtig, es genau anders herum zu sehen: Dass es dank großer gemeinschaftlicher Initiative gelungen ist, knapp zwei Drittel der Arbeitsplätze zu halten und ein im Kern stabiles Unternehmen wieder an den Markt zu lassen, und das nach nur 18 Monaten – „nur“ für ein Insolvenzverfahren dieser Größenordnung.

Es war eines der größten Insolvenzverfahren Deutschlands. Inwieweit hat Sie das berührt?

Natürlich geht einem das nahe, die Gläubiger, die Arbeitnehmer, die weiteren Beteiligten. Das darf es auch, es stört auch nicht ein ansonsten professionelles Herangehen an die Aufgabe. Diese war sicher gewaltig. Eine der großen Herausforderungen war die sehr große Zahl an Gläubigern, die nicht strukturiert oder organisiert waren, sondern bei denen nur einzelne Multiplikatoren wie die „Freunde von Prokon“ ansprechbar waren.

Hat es für Sie eine besondere Rolle gespielt, sich als Itzehoer mit dem insolventen Itzehoer Unternehmen zu befassen?

Ich verfolge in allen meinen Insolvenzverfahren einen sehr engagierten Ansatz. Aber vielleicht habe ich in Itzehoe doch noch eine Schippe drauf gelegt. Ich wünsche vor allem dem Unternehmen und den Mitarbeitern viel Erfolg. Es ist eine sehr harte und intensive Zeit gewesen, aber die Ausgangsvoraussetzungen sind aus meiner Sicht sehr gut. Es ist ein toller Start, da sollte man jetzt positiv in die Zukunft blicken und die neuen Herausforderungen anpacken. Und auch für die Stadt ist es ein super Ergebnis.

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