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Wirtschaft : Prinovis – da hilft auch kein Arzt mehr

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der letzte Mieter auf dem Prinovis-Gelände verlässt nach 17 Jahren seine Räume.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2015 | 16:03 Uhr

Aus. Vorbei. Jetzt verschwindet auch der letzte Mieter von dem Prinovisgelände. Dr. Reinhard Kunert zieht mit seinem Unternehmen Arbeitsmedizin Sicherheit Gesundheitsvorsorge (Asig) Werkarztzentrum Mittelholstein zum 25. März in die Bahnhofstraße um. Damit endet eine 17-jährige Ära.

Die Kisten sind teilweise schon gepackt, mittendrin steht Reinhard Kunert und sieht durch die Fenster hinaus auf das Prinovis-Gelände, wo vor einem Jahr noch die Lastwagen Schlange standen. „Im April habe ich gesehen, wie die Arbeiter hier zur letzten Schicht gekommen sind. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl, weil ich wusste: Das war’s“, sagt der Arbeitsmediziner, der 1998 mit dem Werkarztzentrum Itzehoe auf das Gelände kam. „Damals ging hier der Betriebsarzt, da haben wir das übernommen – genauso wie bei vielen anderen Unternehmen in der Region, für die sich allein kein Betriebsarzt gelohnt hätte“, sagt Kunert.

Jetzt sind nur noch einige Arbeiter auf dem Gelände der Großdruckerei, die die letzten Maschinen demontieren, sowie die Pförtner. Im April ist auch damit Schluss, die Stadt hofft auf eine lukrative Anschlussnutzung (wir berichteten).

In den vergangenen Jahren haben Kunert und seine fünf Kollegen fast alle Prinovis-Mitarbeiter untersucht – und mehr als das. „Wir arbeiten für Unternehmen von Brunsbüttel bis Hamburg, betreuen über 10.000 Probanden.“ So nennt Kunert die potenziellen Patienten, die die Unternehmen zu ihm schicken, auch weil sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. „Eigentlich soll jeder Mitarbeiter mindestens alle drei Jahre zu uns kommen“, sagt Kunert. Oder der Arzt kommt zu den Unternehmen, wie etwa zu Sasol in Brunsbüttel, das ein eigenes Ärztezimmer eingerichtet hat. Bezahlt werden die Arbeitsmediziner von den Firmen, die wiederum gesetzlich zum Arbeitsschutz verpflichtet sind. „Für jede Berufsgruppe ist genau festgelegt, was untersucht werden soll“, sagt Kunert. In der Regel sind das Standarduntersuchungen des Herz-Kreislauf-Systems, Seh- und Hörtests. Aber Kunert und seine Kollegen machen auch spezielle Untersuchungen bei Taxi- oder Gabelstaplerfahrern, kontrollieren Strahlenschutzwerte von Arbeitern, die etwa im Kernkraftwerk Brokdorf oder im Chemiepark Brunsbüttel tätig waren. „Wir sind allerdings nur den Probanden selbst zur Auskunft verpflichtet, den Arbeitgebern gegenüber gilt die Schweigepflicht“, sagt Kunert. Allerdings könnten diese über Betriebsvereinbarungen festlegen, wann der Arbeitgeber sie über gewisse Erkrankungen informieren muss. „Wir selbst behandeln nicht, stellen auch keine Rezepte aus“, sagt Kunert. Er und seine Kollegen geben den Probanden nur Tipps. „Oft haben wir auch Leute, die sonst nie zum Arzt gehen würden.“

Kunert fällt der Abschied vom Prinovisgelände nicht schwer. „Wir hatten hier ohnehin zu wenig Platz, sind froh, dass wir in Itzehoe neue Räume gefunden haben“, sagt der Mediziner. Prinovis als Kunden zu verlieren, sei zwar hart, aber verkraftbar. „Die Unternehmen finden immer weniger Arbeitsmediziner, weil auch uns der Ärztemangel voll erwischt hat“, sagt der 58-Jährige. Noch einmal sieht er sich in seinen Praxisräumen um, die voller Kisten stehen und die er demnächst verlässt. Am Ende wird er nach 17 Jahren noch einmal durchfegen und ein weiteres Kapitel rund um Prinovis zuschlagen. „Es ist schon komisch“, sagt Kunert. „Man fühlt sich so, als würde der Letzte das Licht ausmachen.“

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