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Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 11:45 Uhr

Friedenstag : Positive Willkommenskultur

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

7. Friedenstag des Kriminalpräventiven Rats Kellinghusen mit Lesungen, Musik und Vorträgen

Still verließen Besucher den Rundsaal der Ulmenhofschule. Wo sonst PEP-Konzerte ihr Publikum beschwingt entlassen, sorgten aus Anlass des Kellinghusener Friedenstags Antikriegslieder und -Lyrik sowie gegenwärtiges Flüchtlingsleid für Nachdenklichkeit. Auf Erinnerungen an den Hitler-Überfall auf Polen am 1. September 1939 sowie die Jahrestage zum Ersten Weltkrieg 1914 und des Deutsch-Dänischen-Krieges 1864 wollten die Veranstalter der 7. Friedensveranstaltung bewusst verzichten. Ihre beklemmende Wirkung entfalten sollten Lieder und Texte allein vor dem Hintergrund aktueller Waffengänge.

Horst Nitz, stellvertretender Bürgermeister und Vorsitzender des Veranstalters, des Kriminalpräventiven Rats der Stadt, zählte auf: In Syrien, Irak, Afghanistan und – vom Westen befeuert – in der Ukraine, tobten quasi vor unserer Haustür kriegerische Auseinandersetzungen. Immer hässlichere und brutalere Kriege träfen vor allem die wehrlose Zivilbevölkerung und zwängen viele Menschen zur Flucht. „Wenn wir etwas genauer hinsehen, sehen wir diese Flüchtlinge auch in Kellinghusen“, so Nitz. Weit über 60 Familien mit kleinen Kindern sowie allein stehende, junge Frauen und Männer aus aller Welt seien über das Amt Kellinghusen derzeit in der Region untergebracht. Diese Menschen müssten immer länger auf die Entscheidung ihres Asylantrags warten. „Trotz großer Motivation dürfen sie nicht arbeiten und müssen mindestens neun Monate auf einen Sprachkurs warten.“

Nitz berichtete aber auch von einer großen Hilfsbereitschaft vor Ort. Vor Monaten habe sich der Arbeitskreis „Flüchtlinge“ gebildet. Dessen Mitglieder versuchten, eine positive Willkommenskultur für die Flüchtlinge aufzubauen und ihnen Erstorientierung in der gänzlich fremden Umgebung zu bieten.

Die erstmalige Zusammenarbeit des Friedenstags mit dem Kulturverein PEP hob Rainer Werdt heraus. Bevor er die Bühne frei machte für Liedermacher Wolfgang Rieck, mahnte der PEP-Vize zum alltäglichen Frieden in Beruf, Familie und auf dem Schulhof. Der gebürtige Rostocker Rieck, vormals Partner im Duo Piatkowski & Rieck sowie langjähriges Mitglied der Gruppe Liederjan, hatte ein anspruchsvolles Programm mit gelesener und vertonter Lyrik so bekannter Exilliteraten, Antimilitaristen und Pazifisten wie Bert Brecht, Arnold Zweig und Kurt Tucholsky zusammengestellt. Zudem dabei: Ausschnitte aus Rainer Kunzes DDR-Prosatexten „Die wunderbaren Jahre“.

Viel Applaus erhielten auch Schüler der Gemeinschaftsschule für ihre Lesung selbst verfasster Texte im Rahmen des Theater-Projekts mit der Schriftstellerin Margret Steenfatt und deren Buch „Auf immer und ewig“ sowie Heinz-Jürgen Heidemann für eine Lesung von Borchardt-Texten. Tief berührte Elke Altstadt-Westphal mit der Darbietung eines selbst verfassten „musikalischen Stolpersteins“. Das von ihr auf deutsch und französisch gesungene Lied „Hedda und Marcel“ erinnert an ihre Tante Hedda und deren große Liebe zu dem Fremdarbeiter Marcel. Eine Liebesbeziehung, die in der Nazizeit nicht geduldet und deshalb denunziert wurde. Die junge Frau wurde zunächst im Rathaus eingekerkert und dann ins Gefängnis Kiel überstellt. Ihren Liebsten sah sie nie wieder.

Für Nitz Anlass, auf die von Heidemann gegründeten Initiative „Kellinghusener Stadtwege zur Mitmenschlichkeit“ und das begleitende Faltblatt hinzuweisen. In der geplanten neuen Ausgabe solle Schicksal von Fremd- und Zwangsarbeitern vor Ort beleuchtet werden.

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