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Häufige Unfallursache : Polizist: „Smartphones sind eine Seuche“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Polizei registriert immer mehr Unfälle mit unklarer Ursache. Sie vermutet, dass die Fahrer Mobiltelefone genutzt haben.

Itzehoe | Es sind Unfälle, die immer das gleiche Muster haben: Junger Fahrer kommt am Tag auf einer geraden Strecke von der Straße ab. „Im Unfallbericht heißt es dann: Unfallursache unklar – und da werde ich hellhörig“, sagt Kai Szimmuck, stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Itzehoe. „Dann hat der Fahrer meist auf seinem Smartphone rumgetippt“, vermutet er – und findet deutliche Worte: „Smartphones im Straßenverkehr sind eine Seuche.“

Wie oft der Gebrauch tatsächlich Unfallursache ist, darüber gibt es kaum Erkenntnisse. Im Jahr 2015 wurden beim Kraftfahrtbundesamt 384.000 Verstöße gegen das beim Fahren geltende Nutzungsverbot von Mobiltelefonen registriert. „Die Dunkelziffer ist aber enorm hoch“, sagt Szimmuck. Experten vermuteten 1,3 Milliarden Handyverstöße in Deutschland. Und rund zehn Prozent aller Unfälle haben eine ungeklärte Ursache – Tendenz steigend.

„Für viele Autofahrer ist es normal, während der Fahrt zum Handy zu greifen – man will ja immer und überall erreichbar sein“, sagt Szimmuck. Schon 2012 hat das Beratungsinstitut Mc Kinsey ermittelt, dass ein Drittel der Autofahrer in Deutschland das Smartphone auch während der Fahrt nutzt. Doch schon der Griff zum Handy sei verboten und lenke den Autofahrer ab, so Szimmuck.

Das Telefonieren sei zwar ein Problem, aber „das Tippen tötet“, sagt der Polizist und spricht damit eine Kampagne der niedersächsischen Polizei gegen die Smartphone-Nutzung im Auto an. „Experten haben herausgefunden, dass es im Schnitt 23 Sekunden dauert, um eine Textnachricht zu lesen und zu beantworten“, sagt Szimmuck. Bei Tempo 100 lege ein Auto in einer Sekunde 28 Meter zurück. „Sie können sich selbst ausrechnen wie lange da ein Fahrer im Blindflug unterwegs ist“, so der Polizist.

Die Gefahr eines Unfalls beim Versenden einer SMS sei 23 mal höher als ohne. „Zum Vergleich: Bei 1,0 Promille steigt das Unfallrisiko nur um das Zwölffache“. Oft seien es junge Fahrer, die die Hand nicht vom Handy lassen könnten. „Und die haben auch noch die geringste Erfahrung hinter dem Steuer.“ Für Szimmuck gibt es nur eines: „Das Smartphone gehört in den Kofferraum, dann kommt man gar nicht erst in Versuchung, es zu benutzen.“

Allerdings sei es eben nicht leicht, den Fahrern die Nutzung des Handys nachzuweisen. „Bei Unfällen, wo wir den Verdacht haben, dass das Handy mit der Ursache zusammenhängen könnte, werden die Daten ausgewertet“, sagt Szimmuck. Sieht eine Streife einen Fahrer mit dem Smartphone in der Hand, werde der gestoppt. Allerdings dürfen die Beamten dann nicht kontrollieren, wann der Fahrer damit zuletzt kommuniziert hat. Dennoch kann der Autofahrer bestraft werden. „Dann gilt eben wieder der so genannte Personalbeweis“, sagt Szimmuck. Im Zweifel müsse ein Richter entscheiden, wem er mehr glaubt: dem Fahrer oder zwei Polizisten.

Dass die Autofahrer die Gefahr oft nicht ernst nehmen, hat Szimmuck schon am eigenen Leib erfahren – auf der Heimfahrt von Itzehoe nach Glückstadt fuhr vor ihm ein Berufskraftfahrer in einem Trecker mit großem Anhänger und Tempo 50 durch ein kleines Dorf– mit dem Handy am Ohr. „Ich bin dann hinter ihm her, habe ihm gesagt, dass er schon seit fünf Minuten mit dem Telefon am Ohr und nur einer Hand am Steuer unterwegs ist. Der Mann hat gar nicht verstanden, was ich wollte und gesagt: Das waren doch nur zwei Minuten.“ 60 Euro und einen Punkt in Flensburg kostet der Handy-Gebrauch am Steuer, Wiederholungstätern droht ein Fahrverbot.

Allerdings kann es noch schlimmer kommen, sagt Szimmuck. „Wer zu viel tippt, für den können die Zeichen hdgdl schnell zum letzten Gruß werden.“ hdgdl – das ist die Abkürzung für „Hab’ Dich ganz doll lieb“.

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erstellt am 19.Okt.2015 | 12:00 Uhr

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