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Satire : Politischer Pfeffer begeistert Publikum

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Das Ensemble der Leipziger Pfeffermühle zeigt im Theater am Neuendeich vielschichtiges Kabarett-Programm

20 Minuten vor Aufführungsbeginn ist die Halle des Theaters am Neuendeich bereits voll besetzt. Erwartungsvoll schauen die Besucher auf die Bühne: Dort stehen ein Schlagzeug, ein E-Piano und eine Holzkiste. Zu Gast ist die „Leipziger Pfeffermühle“ mit ihrem politischen Kabarettprogramm „Glaube, Liebe, Selbstanzeige“.

Bereits vor zwei Jahren war die Theatertruppe zu Gast in Glückstadt und viele Besucher kennen die Schauspieler, die im Rahmen des Kulturmärzes auf Einladung des Glückstädter Tourismusbüros GDM das politische Zeitgeschehen aufs Korn nehmen. Und sie werden nicht enttäuscht. Die „Pfeffermüller“ setzen auf eine Mischung aus zeitgemäßer Unterhaltung und künstlerischer Tradition. Neben bissigen Pointen und deftigem politischen Witz gibt es geschliffene Dialoge, komödiantische Spielszenen und Gesangsnummern, die unter die Haut gehen.

Im Programm hat die Leibziger Kabarett-Truppe Spielszenen zu vielen zeitgeschichtlichen Brennpunkten mitgebracht. Zu Beginn wenden sich die Schauspieler Matthias Avemarg, Rebekka Köbernick und Frank Sieckel zum Thema Wohnen ans Publikum. „Wie kriegen wir die vielen Mieter hier bloß wieder raus?“ „Ist Wohnen noch nötig oder genügt nicht auch das Leben im Regionalexpress?“ „In zwei Stunden steht ihr alle wieder auf der Straße.“


„Wulf hatte den Charme von einem Sack Katzenstreu“


Rebekka Köbernick sucht als Schulpsychologin den Teddy von Schüler Phillip Xaver und schreibt ihre Sorgen ins „Muttiheft“. Bei der Bundeswehrkapelle wird über die Verabschiedungslieder der Politiker philosophiert: „Wulf hatte den Charme von einem Sack Katzenstreu. Berlusconi ist so korrupt, der wäre nicht einmal in der CSU tragbar.“
Mit markigen Sprüchen geht es auch in der Paartherapie von zwei Bundestagsabgeordneten zu, die sich im Vermittlungsausschuss kennengelernt haben. Dabei werden die parteiübergreifenden Liebschaften, die geringfügigen Nebenbeschäftigungen und die Allmacht der Kanzlerin „Mutti Angela“ thematisiert. Rebekka Köbernick kann in bester Kanzlerinnenmanier kritisieren: „Habt ihr wieder nicht so gespart, wie Mutti das gesagt hat?“ Die Kanzlerin wird als begnadete Skifahrerin, aber auch als Honeckers späte Rache dargestellt. Besonders vorsichtig muss man sein, wenn sie zu jemandem sagt: „Ich habe zu Ihnen den allerhöchsten Respekt und mein vollstes Vertrauen.“ Oft sind diese Politiker kurze Zeit später weg.

Ein großes Thema ist die alternde Gesellschaft. Ein junges Paar resümiert: „Wir können uns kein Kind leisten, wir finanzieren einen Rentner.“ Aber ihr Hausrentner Herr Müller ist mit 78 Jahren schon ein Jahr „überfällig“. Im Altenheim amüsieren sich die Bewohner beim Komasaufen mit Klosterfrau Melissengeist. Im Gefängnis fühlt man sich jedoch oft sicherer, denn „wenn die verzogenen Enkel zu Besuch kommen, hat man im Knast wenigstens noch eine Scheibe dazwischen.“


Coaching-Schulungen beim Arbeitsamt


Weitere Szenen sind die Schulung im Finanzamt zur Moral für Wohlhabende und die Montagsdemo „gegen die Intellektualisierung des Abendprogramms bei RTL 2.“ Besonderes komödiantisches Talent zeigt Frank Sieckel als Hausmeister, der sich in sächsischer Mundart ins Publikum begibt und die Coaching-Schulungen seiner Frau Moni beim Arbeitsamt kommentiert.

Die drei Schauspieler werden für die Gesangseinlagen begleitet von Hartmut Schwarze am Piano und Steffen Reichelt am Schlagzeug. Sie überzeugen mit Spielfreude und Bühnenpräsenz und einem abwechslungsreichen Programm mit vielen pointierten Spitzen. Das Publikum wird von diesen kurzweiligen Darbietungen bestens unterhalten und reagiert mit spontanen Lachern und Applaus.

Bereits seit 1954 gehört die Leipziger Pfeffermühle zu den bekanntesten Kabaretts der deutschen Kleinkunstszene. Bis zum unrühmlichen Ende der DDR befand sich das Ensemble auf einer ständigen Gratwanderung zwischen eigenem Anspruch und demütigender Zensur. Die politische Satire musste sich hinter doppelbödigen Pointen oder zwischen den Zeilen verstecken.

Heute sind andere Töne zu hören. Das Kabarett sucht ständig nach neuen Formen und Mitteln, um sich in diesen turbulenten Zeiten Gehör zu verschaffen.
In Glückstadt hinterlassen sie ein amüsiertes und dankbares Publikum.

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