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Glückstädter Hafen : Politische Diskussionen auf historischem Frachtsegler

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Besanewer "Johanne" wurde in Wewelsfleth gebaut. An Bord diskutieren Experten im Glückstadter Hafen über Langzeitarbeitslosigkeit.

Der historische Besanewer „Johanne“ hat sein Ziel erreicht. Am Montag öffnete sich die Brücke des Störsperrwerks und der Frachtsegler fuhr in die Stör ein, um in Wewelsfleth anzulegen, dem Ort seiner Kiellegung vor 110 Jahren. Der Zweimaster war hier von der Junge-Werft gebaut worden.

Nach wechselvoller Geschichte ist die „Johanne“ Eigentum der AWO Bildung und Arbeit, Itzehoe, und wird in einem Projektes für Langzeitarbeitslose eingesetzt. Zum 110. Geburtstag des liebevoll restaurierten Schiffes fuhr die „Johanne“ nun von ihrem Liegeplatz im Lübecker Museumshafen durch Ostsee, Nord-Ostsee-Kanal und Elbe an die Stör. Die sieben Etappen standen unter dem Motto „Sozialpolitische Gespräche auf hoher See“, zu denen Experten eingeladen waren.

Zur letzten Teilstrecke, von Glückstadt nach Wewelsfleth, begrüßte Martin Meers, Geschäftsführer AWO Bildung und Arbeit, im Glückstädter Hafen Dr. Frank Nägele. Der Staatssekretär vom Ministerium für Arbeit des Landes diskutierte unter anderem mit Vertretern der Jobcenter Itzehoe und Heide, der Wirtschaftsförderung Egeb, der Steinburger und Dithmarscher AWO-Kreisverbände, des Deutschen Hausfrauenbundes und des Frauennetzwerkes zur Arbeitssituation sowie mit Existenzgründern und Arbeitgebern der Privatwirtschaft.

Das Thema des Tages – „Geteilte Gesellschaft – wie können wir allen Menschen ermöglichen, am Arbeitsmarkt teilzunehmen?“ – war vielfältig: Langzeitarbeitslose, Flüchtlinge, Fachkräftemangel, die durch den Bund gekürzten Budgets bei den Jobcentern, zeitraubende Dokumentationen von Arbeitszeiten, die schwierige Vermittlung von arbeitsmarktrelevanten Kompetenzen. Martina Goetz vom Deutschen Hausfrauenbund forderte ein verbessertes Angebot der Kinderbetreuung besonders im ländlichen Raum, um Alleinerziehenden die Arbeitsaufnahme zu erleichtern. Unternehmer Sven Timmermann, Flachverblender Meldorf, erklärte die grundsätzliche Bereitschaft, Langzeitarbeitslose zu beschäftigen. Aber oft hindere sie der lange Arbeitsweg ohne eigenes Auto oder die mangelnde Fähigkeit, einen langen Arbeitstag durchzuhalten. „Wir brauchen diese Mitarbeiter. Doch wir sind für sie nicht nur Arbeitgeber, sondern auch Erzieher und Vermittler.“

Martin Meers stellte ein neues Aufgabenfeld für von der AWO betreute Langzeitarbeitslose vor: „Sie helfen, für Flüchtlingsfamilien Unterkünfte einzurichten.“ Das sichtbare Ergebnis ihrer Arbeit sei für sie ein Erfolgserlebnis: Sie hätten etwas für andere Menschen in ähnlich prekärer Situation tun können. Erschwert sei die Arbeit dadurch, dass man oft am Jahresende nicht wisse, wie das nächste Jahr finanziert werden könne. Staatssekretär Nägele versprach, die Anregungen aus der Diskussion mit nach Kiel zu nehmen.

Die anschließende Fahrt auf der Elbe war für alle ein besonderes Erlebnis. Unter Motor ging es aus dem Glückstädter Hafen hinaus, vorüber an Rhinplatte und Fähranleger, und schon war das Störsperrwerk in Sicht. Nach kurzer Wartezeit senkten sich die Schranken für die Autos und die Brücke hob sich für die Durchfahrt des alten Besanewers. Ganz vorn an der Ankerwinde stand Joachim Rahn. Er hatte 1988 das damals schrottreife Schiff von seinem letzten Liegeplatz in Kellinghusen nach Glückstadt zur Werft „Schwarzer Mann“ begleitet, wo der zum Binnenschiff verlängerte Rumpf auf die ursprüngliche Länge verkürzt wurde. „Na, Johanne, wie schmeckt dir das Störwasser?“, fragte Joachim Rahn fast zärtlich. 1988 hatte er an Deck des bereits geplünderten Wracks ein verkrustetes Metallstück gefunden, das sich als Messingschild der Ankerwinde heraus stellte. Das Original von 1965 übergab er jetzt an Kapitän Hans Kulisch, der das Schild wieder montieren will.

An Bord war auch Wewelsfleths Bürgermeister Delf Bolten mit seiner Ehefrau Gisela. Zum Dank für die Einladung zu dieser Reise überreichte Delf Bolten an Martin Meers und Kapitän Kulisch Wewelsflether Störkringel, die einst von vier Bäckern im Dorf mit viel Kümmel als haltbarer Schiffsproviant gebacken, auf Bindfäden gezogen, in Fässern gelagert und bis nach Hamburg und Dithmarschen verkauft wurden. Delf Bolten: „Wir sind froh, dass die Arbeiterwohlfahrt es möglich gemacht hat, dass die Johanne zu ihrem Ursprungsort zurückkehrt. Und wir sind stolz darauf, dass Schifffahrt bei uns immer noch eine große Rolle spielt.“ Die spezialisierte Peters Werft biete 110 bis 120 Personen Arbeit.

Nach kurzem Aufenthalt in Glückstadt tritt die „Johanne“ nun die Heimreise nach Lübeck an. Dann sind zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch Ehrenamtliche aus verschiedenen AWO-Ortsvereinen an Bord.





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erstellt am 05.Aug.2015 | 17:00 Uhr

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