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Grönlandfahrer : Politik erschwert Geschäfte auf See

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Der Kollmarer Walfang und Robbenschlag im 18./19.Jahrhundert: Kollmarer Bürger beteiligt an der Glückstädter Grönlandfahrt

In den vorangegangenen Teilen der Serie wurde über Johann Köster und sein Walfangschiff Kleen Collmar, sowie die Beteiligung Kollmarer Bürger an diesem Unternehmen und der Glückstädter Grönlandfahrt berichtet. In dieser Folge wird von weiteren Kollmarer Reedern, Kommandeuren und Mannschaften erzählt, die an der Glückstädter Grönlandfahrt beteiligt waren.

Der Erfolg des Kommandeurs eines Walfangschiffes war von vielen Faktoren abhängig, zu denen zuallererst seine seemännischen und nautischen Fähigkeiten zählten. Wichtig war aber auch, ob ihm die Reeder ein gutes Schiff zur Verfügung stellten. Hatte er eine fähige Mannschaft an Bord? Waren ihm Wind und Wetter hold? Welche Konkurrenten jagten schon im angefahrenen Revier? Gab es dort reichlich Wale und Robben oder nur wenige? Manche dieser Faktoren konnte er selbst gar nicht beeinflussen, musste auf glückliche Fügungen hoffen.

Nicht jedem war das Glück hold: Die Heimatforscherin Wanda Oesau berichtet in ihren Büchern über die Grönlandfahrten unter anderem auch über den Kommandeur Jochim Meyerdierks. Sie schreibt, dass er aus Seester stammte. Er befehligte die Glückstädter Grönlandschiffe Die Rose (1800 bis 1803), Delphin (1805), Cronprinz Friedrich (1806 bis 1807), Anna Catharina (1816 bis 1823) und Neuenkirchen (1825 bis 1835). Im Jahr 1800, auf der Rose, war Friedrich Koopmann aus Kollmar sein Steuermann. Mit der Cronprinz Friedrich brachte Meyerdierks 1807 laut dem Bericht des Glückstädter Zollinspekteurs Lowtzow von 1845 einen Fang von 160 Quardeelen Speck (circa 16 Tonnen) und 4887 Robbenfellen ein.

Zum Kommando auf der Neuenkirchen von 1825 bis 1835 finden in Lowtzows Bericht weitere Informationen über die Wirtschaftlichkeit des Schiffes, die zeigen, dass Meyerdierks nicht besonders erfolgreich war: „Bis zum Jahr 1838 hat das Schiff überaus schlecht gefahren, und man war lange geneigt, dies nur dem Walten eines unglücklichen Verhängnisses beizumessen. Stattdessen aber ward im Jahr 1838 das Schiff mit einem neuen Kommandeur versehen, und seit dieser Zeit auch das Verhängnis versöhnt, denn das Schiff Neuenkirchen fährt von da an durchaus eben so glücklich als andere Schiffe.“


Die Neuenkirchen fährt herbe Verluste ein


Meyerdierks hatte während seines Kommandos 87 678 Reichsbanktaler eingefahren. 1832 hatte er eine Havarie gehabt mit einem Totalausfall (siehe weiter unten). Das Schiff fuhr nur zum Robbenschlag aus. Wale waren selten geworden. Lediglich bei fünf Reisen lag der Ertrag über den jährlichen Kosten von 10 169 Reichsbanktalern. Die Reeder verzeichneten mit Meyerdierks als Kommandeur einen Verlust von insgesamt 14 012 Reichsbanktalern. Mit der Anna Catharina hatte Meyerdierks laut Lowtzow in acht Jahren bei einem Ertrag von 92 466 Reichsbanktalern vermutlich einen Gewinn von etwa 20 000 Talern herausgefahren. Zufriedenstellend für die Interessenten war das wohl nicht. Das Schiff wurde 1826 nach Apenrade verkauft.

In den Kollmarer Kirchenbüchern findet sich Jochim Meierdircks, der 1806 bei der Geburt seines Sohnes als „Commandeur“ in das Taufregister eingetragen wurde. Ein Jochim Meierdiercks besaß zu der Zeit eine Kate am Neuen Weg (heutige Hausnummer 19). Vermutlich handelt es sich bei den drei Erwähnten um dieselbe Person. Der Kommandeur war mit Metta Seemann verheiratet, von der er 1821 geschieden wurde. 1824 heiratete er Anna Behrmann. Bei ihrem Tod wird in das Kollmarer Sterberegister für Meierdircks „Schiffer“ als Beruf eingetragen.

1804 musste die Rose wegen der sogenannten Elbblockade Großbritanniens auf der Nordsee in Glückstadt bleiben. Die Engländer, die damit dem von Napoleon beherrschten Frankreich schaden wollten, hatten allen Schiffen die Ausfahrt versagt. Der alleinige Reeder Hans Carsten Leck ging in Konkurs. Daher hatte Jochim Meyerdierks in diesem Jahr kein Kommando.

Über Meyerdiercks letztes Kommando schreibt Wanda Oesau: Die Neuenkirchen, Conrad Löhmann „eigenthümlich zugehörig“, war ein in Hamburg angekauftes vormaliges Briggschiff. Nachdem selbiges in Glückstadt neu verzimmert und zu einem „drittehalbmastigen“ Schiffe eingerichtet worden war, wurde ihm der Name Neuenkirchen beigelegt. Das Schiff hatte 48 Mann Besatzung. Die Neuenkirchen fuhr von 1818 bis 1855 von Glückstadt ins nördliche Eismeer.“ 1832 musste das Schiff eine schwere Havarie überstehen. Das Itzehoer Wochenblatt berichtete darüber am 12. Mai: „Das von Glückstadt nach Grönland abgegangene Schiff Neuenkirchen traf daselbst das Unglück, bei einem furchtbaren Unwetter durch eine Sturzsee seine Chaloupen (Ruderboote) bis auf eine zu verlieren und sonstige bedeutende Beschädigungen zu erleiden, wodurch es genötigt worden ist, nach dem hiesigen Hafen zurückzukehren.“

Meyerdierks Misserfolge dürften auch ihn und seine Mannschaft in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht haben. Erfolgreiche Kommandeure erhielten gute Konditionen bezüglich ihrer Parten, das heißt ihrer Anteile am Ertrag der Fahrten. Auch vertrauten die Reeder ihnen gute Schiffe und Mannschaften an. Blieb der Erfolg aus, mussten sie nach dem schlechten Verdienst auch noch fürchten ihres Kommandos enthoben zu werden. Ebenso hatten sie es schwer, eine erfahrene Mannschaft anzuheuern, richtete sich die Heuer doch auch nach dem Ertrag der Reise. Grundlage war bei den Seeleuten allerdings der Bruttoertrag. Sie hatten also nicht die Risiken zu tragen, die sich unter anderem aus der Schiffsfinanzierung, Versicherung oder den Reparaturkosten ergaben.

Die Offiziere, zu denen neben dem Kommandeur der Steuermann, der Speckschneider, der Wachtoffizier und die Schaluppenkommandeure zählten, waren Partfahrer. Lowtzow berichtet aus dem Jahr 1845, dass der Kommandeur des Kleinen Heinrich dreieinhalb Prozent vom Ertrag einer Quardeele erhielt. Ihm wurden 1706 Courantmark und 12 Schillinge ausbezahlt. Der Steuermann bekam einen Anteil von einer Courantmark und acht Schillingen pro Quardeele. Ausbezahlt wurden 613 Courantmark und 13 Schillinge.

Die Halbpartfahrer (Bootsmann, Zimmermann, Küper, Koch und Rudergänger) erhielten zwischen 13 und sieben Schillinge pro Quardeele. Partfahrer und Halbpartfahrer bekamen außerdem noch ein Handgeld, das nicht ertragsabhängig war. Für den Kommandeur des Kleinen Heinrich belief es sich 1845 auf 50 Reichsbanktaler, für den Koch betrug es immerhin noch elf Reichsbanktaler. Davon mussten sie allerdings auch Teile ihrer Ausrüstung kaufen.

Die Monatsfahrer, zu denen der Kochsmaat, die einfachen Mannschaften und die Schiffsjungen zählten, erhielten eine feste Monatsheuer zwischen fünfzehn und zehn Schillingen.

Politische Schwierigkeiten erschwerten auch anderen Reedern und Kommandeuren das Geschäft: Johann Wilhelm Siemen aus Kollmar war von 1787 bis 1807 an der Jungfrau Lucia, einer Brigg von etwa 85 Commerzlasten mit einer Mannschaft von 42 bis 50 Seeleute beteiligt. Siemen war „Rechnung führender Reeder“ dieses Schiffes. Seine Unternehmung war nicht sonderlich erfolgreich, vor allem weil die Jungfrau Lucia 1807 von den Engländern konfisziert wurde.

Wanda Oesau listet unter den Kommandeuren der Glückstädter Grönlandfahrer zwischen 1757 und 1863 Johann Witt, Friedrich Witt und F. Koopmann auf. Letzterer war vermutlich Friedrich Koopmann, 1800 Steuermann auf der Rose, nach Oesau aus Kollmar, der 1818 die Brigg Gerechtigkeit (60 Commerzlasten), 1819 und 1820 die Charlotte Catharina (Brigg, 91,5 Commerzlasten) führte. Am 7. März 1815 war „Friederich Koopmann aus Collmar gebürtig, Schiffer“ als Glückstädter Bürger in die Bürgerrolle eingetragen worden. Eine zweite Eintragung vom 31. Januar 1818 lautet: „Friederich Koopmann aus Collmar gebürtig, grönlandscher Commandeur“.

Nach Lowtzow klarierte Koopmann mit der Gerechtigkeit am 4. März 1818 aus und kehrte am 8. August mit einem Fang von 135 Tonnen Tran im Wert von 6 480 Reichsbanktalern und 552 Robbenfellen (Wert 276 Reichsbanktaler) sowie Fischbein im Wert von 200 Reichsbanktalern zurück.

In den Schuld- und Pfandprotokollen von Groß-Collmar ist auf der heutige Adresse Steindeich 43 ein Johann Witt von 1820 bis 1834 als Besitzer des beurkundeten Grundstücks eingetragen. Johann Witt kommandierte 1816 bis 1818 die Brigg Sylt (93 Commerzlasten), 1820 die Gerechtigkeit aus Glückstadt.

Mit der Sylt fuhr Witt in drei Jahren nach Lowtzow einen Ertrag von 16 546 Reichsbanktalern ein, was eher mäßig war. 1820 erbrachte der Fang mit der Gerechtigkeit auf der Reise vom 29. Februar bis zum 15. August sogar nur ein Ergebnis von 538 Reichsbanktalern. Die Mannschaft hatte nur elf Tonnen Tran und 80 Robbenfelle erbeutet.


Friedrich Witt kehrt erfolgreich von der Grönlandfahrt zurück


Von 1772 bis 1841 lebte Friedrich Witt in Kollmar. Bei seiner Hochzeit mit Gesche Simsen (Siemen) 1801 war er Steuermann und wohnte in Bielenberg. Später wird er in den Kirchenbüchern als „Grönlandfahrer auf dem Schleuer“ bezeichnet. Am 20. Oktober 1802 wurde „Friederich Witt aus Bielenberg, Lootse“ Bürger von Glückstadt. Ab 1815 bis 1825 wird er Kommandeur auf der Jungfrau Lucia (84,5 Commerzlasten) gewesen sein.

Aus dem Bericht von Lowtzow geht hervor, dass das Schiff unter seinem Kommando zunächst recht erfolgreich war. Vor allem die Reise vom 4. März 1816 bis zum 9. Juli 1816 brachte der Jungfrau Lucia unter den Glückstädter Grönlandfahrern das zweitbeste Ergebnis des Jahres, nach dem der sehr viel größeren Bark Elbe (124,5 Commerzlasten). 569 Tonnen Tran und 5 000 Felle hatten einen Wert von 27 135 Reichsbanktalern. Insgesamt fuhr das Schiff unter Friedrich Witt einen Ertrag von 112 432 Reichsbanktalern ein. Der Gewinn für die Reeder für zehn Jahre betrug damit aber nur 10 742 Reichsbanktaler, weil die jährlichen fixen Kosten sich auf über zehntausend Reichsbanktaler beliefen.

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