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Norddeutsche Rundschau

24. September 2017 | 19:46 Uhr

Plötzlich alt: Selbsttest im Simulator

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

An der Gesundheits- und Krankenpflegeschule am Klinikum Itzehoe kann das Leben mit Handicaps ausprobiert werden

von
erstellt am 09.Apr.2014 | 05:00 Uhr

Maaaaaann, wie lange braucht die Oma an der Kasse denn noch, bis sie die 3,50 Euro aus dem Portmonee gekramt hat? Kann der Opi beim Einsteigen in den Bus vielleicht mal einen Zahn zulegen? Und warum bewegt sich die Seniorin mit ihrem Rollator vor mir nicht einen Millimeter zur Seite, obwohl ich sie jetzt schon zum dritten Mal höflich darum gebeten habe? Typisch Rentner! Ja, auch ich ertappe mich im Alltag bei solchen Gedanken, wippe an der Supermarktkasse ungeduldig mit den Füßen, wenn es mal ein bisschen länger dauert. „Warte erst einmal ab, bis du so alt bist“, pflegt meine Mutter – 68 Jahre alt und mir damit 30 Jahre voraus – dann zu sagen.

Jetzt ist es so weit. Innerhalb von Minuten bin ich um Jahrzehnte gealtert. Der Mann, der dafür verantwortlich ist, heißt Ralf Rohwedder und ist Praxisanleiter der Gesundheits- und Krankenpflegeschule am Klinikum Itzehoe. Er kennt keine Gnade. Klobige Schuhe für einen unsicheren Gang hat er mir bereits angelegt, mein rechtes Bein ist mittels Schiene versteift, die Wirbelsäule durch ein Korsett in ihrer Bewegung deutlich eingeschränkt. Gewichte machen die Beine zusätzlich schwer, eine Halskrause verhindert das Drehen des Kopfes, die Fingerfertigkeit hat in den Spezialhandschuhen auch gelitten, und eine große Brille trübt die Sicht. Muss denn der Kopfhörer, der mein Hörvermögen einschränkt, wirklich auch noch sein? Mein zaghafter Widerspruch verhallt. „Im richtigen Leben kann man sich’s auch nicht aussuchen“, sagt Ralf Rohwedder, drückt mir einen Gehstock in die Hand und schickt mich auf eine Runde durch die Krankenpflegeschule.

Leicht gesagt. „Ich bräuchte mal jemanden, der mir aus dem Stuhl hilft...“ Es ist mir ein bisschen unangehm – aber alleine komme ich nicht hoch. „Es ist nicht jeder Mensch so mutig zu sagen, dass er Hilfe braucht. Es fällt vielen sehr schwer“, weiß Ralf Rohwedder. Umgekehrt sind die Schwierigkeiten für Außenstehende auch nicht sofort zu erkennen. Ich habe Glück, die Krankenpflegeschüler, die mir auf dem Flur und auf der Treppe begegnen, weichen mir ungefragt aus. Und Ralf Rohwedder, dessen Stimme mich wie durch Watte erreicht, sorgt dafür, dass ich nicht gegen Glastür, Blumenkübel und Werbebanner laufe. Denn sehen kann ich all die Hindernisse erst im letzten Moment – und auch das nur schemenhaft. Plötzlich kann ich verstehen, dass es nicht nur Schusseligkeit ist, weshalb mein Vater sich hin und wieder an Glastüren ein „Horn“ einfängt. Und ich ahne, wie die berühmte Stolperkante an der Ecke Kirchenstraße/Feldschmiede zum Problem werden konnte.

Die Treppe ist ein echtes Hindernis. Es ist ein Kraftakt, das steife Bein auf die nächste Stufe zu wuchten. Eleganz sieht vermutlich anders aus. Als wir die Tür erreichen und auf den Platz vor dem Haupteingang der Klinik treten, vermengen sich die Umweltgeräusche und das Stimmengewirr zu einem dumpfen Rauschen. Das Vogelzwitschern dringt nicht durch. Ich bin froh, dass mir Ralf Rohwedder für den Rückweg Brille und Kopfhörer erspart und lasse mich schließlich keuchend in den Stuhl fallen. „Alte Menschen sagen oft: ‚Jetzt muss ich mich erstmal hinlegen‘ – und man denkt: Hä? Die haben doch die ganze Zeit gesessen“, sagt Ralf Rohwedder, als er mich aus den Utensilien schält. Ich nicke.

Am Ende schlüpfe ich noch in spezielle Handschuhe, die meine Hände zittern lassen. Ich versuche, das Wort „Klinikum“ aufs Papier zu schreiben. Doch schon das Festhalten des Stifts ist nicht so einfach. Hätte ich doch bloß nicht so oft genervt reagiert, wenn meine Oma mal wieder kam, und ich ihr die Nähnadel einfädeln musste.

Ich frage mich, wie wohl ein von Natur aus ungeduldiger Mensch wie ich lernt, mit der aufgezwungenen Langsamkeit umzugehen – und bin froh, dass ich noch ein paar Jahre Zeit habe bis dahin. Alt wird man ja nicht von heute auf morgen. Natürlich sei es ein schleichender Prozess, sagt Ralf Rohwedder. „Aber es ist nicht selten, dass auch junge Menschen einen Schlaganfall erleiden.“

Ich verlasse das Klinikum nachdenklich und nehme mir vor, ein bisschen geduldiger zu sein, wenn es mal wieder länger dauert – statt zu schnauben, der Oma lieber zu helfen. So lange ich selbst noch kann...

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